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„Der Realzins bleibt über lange Zeit negativ“
11. November 2014

„Der Realzins bleibt über lange Zeit negativ“

Wie wirkt sich die aktuelle Niedrigzinsphase auf Märkte und Anleger aus, welche Zukunft hat die Lebensversicherung und wie sind die aktuellen Stresstest-Ergebnisse der Banken einzuordnen? Nachgefragt bei Finanzmarkt- und Börsenexperte Prof. Dr. Wolfgang Gerke.


Herr Prof. Dr. Gerke, die Niedrigzinsphase beschäftigt derzeit im Grunde alle Anleger, vom Privatmann über die Fondsmanager bis zu den Lebensversicherern. Wird uns die Niedrigzinsphase noch mehrere Jahre oder gar Jahrzehnte beschäftigen?

Also Jahrzehnte mit Sicherheit nicht, aber in Europa wird die Niedrigzinsphase durchaus noch anhalten. Anders als in den USA, wo eine vorsichtige Zinswende für 2015 bevorsteht. In Europa wird die Zinswende erst mittelfristig kommen, allerdings in Verbindung mit einer steigenden Inflationsrate. Meine traurige Prognose ist daher, dass der Realzins über lange Zeit negativ bleibt – gesteuert von Notenbanken und Regierungen, die ein Interesse daran haben, ihre Probleme auf dem Rücken der Sparer zu lösen.

Droht nicht am Ende der große Knall, wenn man weiter fleißig Geld druckt?

Den ganz großen Knall sehe ich im Moment nicht. Man kann es zwar nicht ausschließen, aber ich glaube, dass es auf längere Sicht ganz bewusst zu einer schleichenden Inflation kommt. Man wird versuchen die Geldillusion der Bürger zu missbrauchen.

Was sind die Konsequenzen für die Anleger? Müssen sie höhere Risiken eingehen?

Auf Zinseszinsen zu setzen wird nicht mehr funktionieren. Man kann nicht pauschal sagen, dass ein Anleger höhere Risiken eingehen sollte. Schließlich muss dieser auch die Risikotragfähigkeit mitbringen. Wichtig sind ein kontinuierlicher Sparprozess und eine gute Streuung. Das sind zwar alte Binsenweisheiten, haben aber gerade jetzt Gültigkeit. Und wenn ich noch jung wäre, würde ich mich langfristig mit Festzinszuschreibung verschulden und mit diesem Geld unternehmerisch wirtschaften, und zum Beispiel ein Haus bauen.

Der Hausbau boomt ja auch bereits wegen des günstigen Geldes. Zu Recht?

Die selbstgenutzte Immobilie ist ein gutes Investment. Sie ist eine Art von Zwangssparen, man muss im Alter keine Miete zahlen und hat auch einen emotionalen Nutzen, der über das rein finanzielle hinausgeht. Nicht selbst genutzte Immobilien sind riskanter und schwanken deutlich stärker als Wohnimmobilien.

Hat die zuletzt häufig kritisierte Lebensversicherung eine Zukunft?

Die Lebensversicherung hat natürlich nicht ausgedient. Die biometrischen Bestandteile werden an Bedeutung gewinnen. Die Absicherung der Risiken wird wichtiger werden als der Kapitalansparprozess. Diese Entwicklung kann man bedauern, aber sie ist bei dem aktuellen Zinsniveau nicht aufzuhalten. International ist das auch ein gut funktionierendes Modell.

Auch die EZB-Stresstests sorgten zuletzt wieder für Diskussionen. Wie werten Sie die Ergebnisse?

Die Ergebnisse haben mich nicht überrascht. Ich glaube der Stresstest ist eine sehr wichtige Veranstaltung. Die vorangegangen Tests habe ich ja massiv kritisiert. Sie waren schlecht vorbereitet und die Szenarien auch kein echter Stress. Der aktuelle Stresstest ist viel nachhaltiger. Er hat seine größte Wirkung im Vorfeld entfaltet. Die Banken hatten sich vor den Ergebnissen gefürchtet und Maßnahmen zum Risikoabbau ergriffen und viel Kapital aufgenommen. Das hat man zum Beispiel bei der Deutschen Bank und der Commerzbank sehr gut gesehen. (mh)

Foto: Prof. Dr. Wolfgang Gerke im Gespräch mit AssCompact Redakteur Michael Herrmann





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