Wie Big Data die Assekuranz und die Arbeitsweise der Aktuare verändert | AssCompact - Nachrichten
AssCompact - Facebook AssCompact - Google+ AssCompact - Twitter AssCompact - Xing AssCompact - Whats App AssCompact - Whats App

Wie Big Data die Assekuranz und die Arbeitsweise der Aktuare verändert
09. Oktober 2018

Wie Big Data die Assekuranz und die Arbeitsweise der Aktuare verändert

Dank zusätzlicher Datenquellen wie Telematik-Apps im Auto werden heute gigantische Datenmengen erzeugt. Welche Vorteile dies bietet, wo die Grenzen liegen und vor welche Herausforderungen die Aktuare stehen, erklärt Rainer Fürhaupter, Vorstandsmitglied der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) im Interview.


Dank zusätzlicher Datenquellen wie Telematik-Apps im Auto werden heute gigantische Datenmengen erzeugt. Welche Vorteile dies bietet, wo die Grenzen liegen und vor welche Herausforderungen die Aktuare stehen, erklärt Rainer Fürhaupter, Vorstandsmitglied der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) im Interview.


Wie Big Data die Assekuranz und die Arbeitsweise der Aktuare verändert
Herr Fürhaupter, welche Daten ziehen Aktuare für die Kalkulation von Versicherungstarifen eigentlich heran?

Bisher bezogen die Aktuare die Daten aus vordefinierten Statistiken aus den Risiko- und Schadenbeständen ihrer Unternehmen sowie zum Teil aus übergreifenden Beständen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, des Verbands der Privaten Krankenversicherung, von Rückversicherern und von Beratungsfirmen.

Was hat sich in den vergangenen Jahren denn am deutlichsten gewandelt, etwa im Bereich der Kfz-Versicherung?

Der größte Unterschied ist, dass nun zusätzliche Daten aus Quellen zur Verfügung stehen, die eigentlich gar nicht für die Kalkulation vorgesehen waren. Hierzu zählen beispielsweise Daten von Wasserwirtschaftsämtern, um Überschwemmungsrisiken zu bewerten, oder Informationen aus dem Internet of Things (IoT). In der Kfz-Versicherung können Telematikdaten dem Versicherer zuvor nicht bekannte Informationen zum Fahrverhalten des Versicherungsnehmers liefern.

Inwiefern verändern neue Technologien bzw. Big Data oder Data Science die Arbeitsweise von Aktuaren?

Die einschneidendsten Veränderungen betreffen die Hauptarbeitsgrundlage von Aktuaren: die Daten. Zwar wurde speziell in der Kranken- und Kfz-Versicherung auch früher mit großen Datenbeständen gearbeitet, bislang wurden diese jedoch ausschließlich zu festen Zeitpunkten erhoben und entsprachen vorab festgelegten Formaten. Dies ändert sich zunehmend: Durch die Nutzung von Fitnesstrackern oder Telematik-Apps im Auto werden heute laufend Daten in gigantischem Umfang generiert, die unterschiedlichste Datentypen umfassen und vielfach kaum oder nicht strukturiert sind.

Worin liegen Ihrer Einschätzung nach die größten Chancen?

Durch Data Science wird die Versicherungswirtschaft in der Lage sein, in größerem Maß kundenorientierte Services und maßgeschneiderte Versicherungsprodukte anzubieten. So können beispielsweise durch moderne Geoanalytics-Methoden hochwassergefährdete Gebiete noch genauer bestimmt werden. Dadurch besteht zum einen die Möglichkeit, Schadenschwerpunkte sowie Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen und etwa bauliche Gegenmaßnahmen zu initiieren. Und zum anderen können durch die zusätzlichen Erkenntnisse Risikoprämien künftig noch exakter auf das tatsächliche Risiko zugeschnitten werden. Durch diese bessere Transparenz und die fairere Prämienzuordnung sollte in der Bevölkerung die Motivation steigen, sich zu versichern. Denn potenzielle Kunden nehmen eine risikogerechte Prämie besser an als ein ungebührlich hohes Mitzahlen für andere über Einheitsprämien. Dadurch wird das Versicherungsprinzip „viele für einen“ erheblich gestärkt.

Großes Thema in der Kfz-Versicherung sind die Telematiktarife. Hierbei werden auch verhaltens- bzw. nutzungsorientierte Daten erfasst. Vor welche neuen Herausforderungen stellt dies Aktuare?

Bereits heute nimmt die Datenaufbereitung 80 bis 90% der Projektzeit in Anspruch und mit dem nahezu unendlichen Datenstrom gewinnt sie weiter an Bedeutung. Dafür brauchen wir neue Data-Analytics-Methoden, da die bisherigen mit den künftigen Datenmengen und -formen an ihre Grenzen stoßen.

Zudem werden wir noch mehr Zeit darauf verwenden müssen, die Qualität der Daten zu überprüfen. Denn es ist ein Trugschluss, dass mehr Daten immer gleichbedeutend sind mit einem Informationszugewinn. Schließlich müssen die Daten in das bisherige, mit über 40 Variablen bereits sehr ausgereifte, Kalkulationsmodell eingepasst werden. Es muss beispielsweise darauf geachtet werden, dass die neuen Variablen die „alten“ mathematisch gut ergänzen.

Was bedeutet es für die Kalkulation von Kfz-Tarifen, wenn Fahrer mit ihrem Fahrverhalten über die erzeugten Fahrdaten auf die Höhe des Beitrags Einfluss nehmen können? Wie geht man etwa mit Schwankungen um?

Die Fahrer erzeugen mit ihrem Fahrverhalten einen sogenannten Score, mit dem sie klassifiziert und in ein mathematisch-statistisches Modell eingeordnet werden. Der Telematikansatz soll den Fahrern in ihrem Verhalten schneller und unmittelbarer Rückmeldung über ihr Fahrverhalten geben. Es wird sich zeigen, was sich Versicherer in puncto Reaktionsschnelligkeit der Beiträge nach oben und nach unten künftig zutrauen. Das ist aber nicht nur kalkulatorisch und verwaltungstechnisch eine Herausforderung, sondern auch kommunikativ. Denn hier muss frühzeitig Transparenz geschaffen werden.

Rund um die Telematiktarife rücken rechtliche Fragen in den Mittelpunkt, vor allem der Datenschutz. Was sehen Sie als größtes Problem an?

Zunächst einmal möchte ich betonen: Es ist wichtig, dass wir inzwischen eine gesellschaftliche Diskussion über den Umgang mit sensiblen Daten haben. Alle Entscheidungsträger sollten sich aber hüten, aufgrund der letzten Datenskandale die Bürger zu unmündigen Verbrauchern zu degradieren, die man nicht nur vor Unternehmen, sondern am besten auch vor ihren eigenen Entscheidungen schützen sollte. Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht, wie sich an der EU-Datenschutz-Grundverordnung zeigt, die sehr viel Rechtsunsicherheiten mit sich bringt. Was wir uns aber sehr wohl vorstellen können, ist eine Art europaweiter Kodex. Darin sollte geregelt sein, welche Daten wie für die Kalkulation von Versicherungstarifen verwendet werden dürfen. Die Aktuare stehen mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung im Umgang mit sensiblen Daten zur Verfügung, dies mit den Politikern, dem Verbraucherschutz und der Wirtschaft zu diskutieren.

Immer wieder wird Kritik laut, die Telematiktarife würden das Solidarprinzip der Versicherungen aushebeln. Wie ist Ihre Einschätzung?

Telematiktarife hebeln nicht das Solidarprinzip aus, im Gegenteil. Der erwartete Schaden wird noch besser zugeordnet und dank der Echtzeiterhebung des Fahrverhaltens werden Autofahrer zu einem schadenverhütenden Fahrstil motiviert – mit entsprechend positiven Auswirkungen auf die Unfallzahlen. Vor diesem Hintergrund werden die ersten Telematik­tarife vor allem Fahranfängern und gewerblichen Fahrern angeboten, die erfahrungsgemäß in überproportional viele Unfälle verwickelt sind. Von einem Rückgang der Unfallzahlen profitiert letztendlich das gesamte Versichertenkollektiv, da Schäden und damit Kosten für alle vermieden werden. Ich sehe da keine besonderen Härten auf die Kfz-Versicherungskunden zukommen.

In der Kfz-Versicherung wird dem Thema Telematik viel Potenzial zugesprochen. Gilt das in Ihren Augen auch für den Bereich der privaten Krankenversicherung?

In der PKV haben wir einen ganz anderen gesetzlichen Rahmen in Deutschland – wir schließen lebenslange Verträge ab, die der Versicherer normalerweise nicht kündigen kann. Dies ist beispielsweise in den USA völlig anders, wo es praktisch ab dem 65. Geburtstag keine privaten Krankenversicherungsverträge mehr gibt. Wir haben in Deutschland besonders strenge regulatorische Vorschriften für die Kalkulation der PKV, die implizit Längsschnittdaten verlangen, die den Risiko- und Leistungsverlauf über sehr lange Zeiträume wiedergeben. Diese hohen Anforderungen erfüllen die von Fitnesstrackern oder Smartwatches generierten Daten in Bezug auf unsere lebenslangen Vertragskonstruktionen auf absehbare Zeit nicht. Darüber hinaus sagen die über Wearables ermittelten Daten ohnehin nichts darüber aus, wie sich Kosten zur Erhaltung der Gesundheit der Bürger über Jahrzehnte verändern.

Ob ein Mensch krank oder berufsunfähig wird, hängt oft von ganz anderen Faktoren als dem Verhalten oder der sportlichen Betätigung ab – speziell auch vom medizinischen und pharmakologischen Fortschritt. Entsprechend eignen sich die so gewonnenen Informationen für Aktuare nicht für eine seriöse, Jahrzehnte geltende Preisdifferenzierung. Nichtsdestotrotz sind Anreize, Sport zu treiben oder sich gesünder zu ernähren, zu begrüßen.

Was versprechen sich Versicherer von diesen Tarifen? Weniger Schäden und weniger Leistungszahlungen? Wie hoch beziffert sich denn ein solches mögliches Einsparpotenzial?

Um es nochmals klar zu sagen: Aufgrund der Gesetzeslage werden in Deutschland Prämien in der PKV-Vollversicherung nicht auf Basis von Verhaltensdaten berechnet. Wir beobachten aber, dass Versicherer die aus verschiedenen Datenquellen gewonnenen Informationen nutzen, um genauere Vorhersagen zu künftigen Erkrankungen zu machen und damit exaktere Leistungsprognosen zu erstellen. Denn durch die personenbezogene Analyse von Krankheitsverläufen können die einzelnen Versicherungsnehmer deutlich individueller betreut werden. Dadurch wird auch das Auftreten von Folge­erkrankungen vermieden oder zumindest reduziert. Außerdem können den Kunden speziell auf ihren Gesundheitszustand abgestimmte Präventionsprogramme angeboten werden.

Fragen wir bei Versicherern nach Telematiktarifen, treffen wir aktuell eher auf Schweigen. Wo liegt das Problem? Sind es aktuarielle Probleme?

Viele Versicherer sind noch in der Entwicklungs- und Stabilisierungsphase. Da möchte man sich nicht in die Karten schauen lassen. Es geht natürlich dann auch um einen möglichen Vorsprung am Markt.

Wie bereiten sich die Aktuare auf die neue Arbeitswelt vor?

Wir haben Anfang 2018 unsere Ausbildung zum „Aktuar DAV“ bzw. zur „Aktuarin DAV“ grundlegend überarbeitet und das neue (Spezialwissen-)Fach „Actuarial Data Science“ geschaffen, in dessen Rahmen angehende Aktuare gute Kenntnisse in der praktischen Anwendung von Data Science in den diversen Versicherungssparten erwerben können.

Darüber hinaus starten die DAV und ihre Akademie zu Beginn des kommenden Jahres die neue Zusatzqualifikation zum „Certified Actuarial Data Scientist“ (CADS). Dabei erhalten zum einen bereits voll ausgebildete Aktuare das Rüstzeug, um die neue datengetriebene Versicherungswelt zu gestalten. Zum anderen richtet sich dieses Programm auch an Hochschulabgänger aus den Data-Science-Fachrichtungen, die sich darüber Wissen in Versicherungstechnik und Einblick in versicherungs- und finanztechnische Use Cases verschaffen können.

Das Interview lesen Sie auch in der AssCompact 09/2018 auf S. 50 f.

Das vollständige E-Paper der Ausgabe finden Sie hier.

Lesen Sie auch: 

Telematiktarife: "Der Kunde erwartet einen klaren persönlichen Vorteil"


Rainer Fürhaupter Rainer Fürhaupter




AssCompact Abonnement

Sie wollen das AssComapct Magazin und/oder den AssCompact Newsletter abonnieren? Klicken Sie hier

Sie sind bereits Leser des AssCompact Magazins und möchten Ihre Daten ändern? Klicken Sie hier

Empfohlener Artikel

Die Finanz- und Versicherungsbranche ist bei Nachwuchskräften alles andere als beliebt. Von 14 Branchen landet sie im aktuellen „Young Professionals Barometer“ von Trendence auf dem vorletzten Platz. Welche Versicherer in der Liste der Wunscharbeitgeber ganz vorne liegen, zeigt AssCompact in einer Bildergalerie.