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„Seit der Finanzkrise ist nichts mehr, wie es war“
27. Januar 2015

„Seit der Finanzkrise ist nichts mehr, wie es war“

Der Dax hat trotz Griechenland-Wahl und Ölpreisverfall in den vergangenen Tage neue Rekordstände erreicht. Ist das nur der Beginn einer langfristigen Hausse oder sind die Aktienmärkte damit überreif für eine kräftige Korrektur? Nachgefragt bei Dr. Christoph Bruns, Vorstand und Fondsmanager der Loys AG.


Der Dax hat trotz Griechenland-Wahl und Ölpreisverfall in den vergangenen Tage neue Rekordstände erreicht. Ist das nur der Beginn einer langfristigen Hausse oder sind die Aktienmärkte damit überreif für eine kräftige Korrektur? Nachgefragt bei Dr. Christoph Bruns, Vorstand und Fondsmanager der Loys AG.


„Seit der Finanzkrise ist nichts mehr, wie es war“
Herr Dr. Bruns, viele Anleger sind nach wie vor verunsichert. Statt zu investieren, geben sie ihr Geld lieber für Konsum aus. Wie schwierig sind denn die Rahmenbedingungen Ihrer Meinung nach aktuell?

Seit der großen Krise ist nichts mehr, wie es war. Dieses Ereignis ist die große Wasserscheide. Was der 1. Weltkrieg für die Geschichte des letzten Jahrhunderts war, ist die Finanzkrise für die Finanzmärkte. Es gibt heute keinen Zins mehr und auch der Euro ist nicht das geworden, was man sich erhofft hatte. Das, was wir mal kannten, also normale Zinsen, ist heute weggefallen, weil klassische Sparbücher und Sparpläne nur noch negative Realzinsen liefern. Das hätte man so zuvor nicht für möglich gehalten.

Wird sich daran auf absehbare Zeit etwas ändern?

Ein Ende ist überhaupt nicht abzusehen. Davon müssen wir uns verabschieden. So ist aber nun mal das Leben. Das Alte ist tot und es kommt so auch nicht mehr wieder. In anderen Branchen ist das völlig normal. Schwarz-Weiß-Fernsehern trauert ja auch keiner mehr nach und warum sollte im Finanzbereich immer alles so bleiben, wie es mal war? Viele bestehende Finanzprodukte taugen nichts mehr. Das müssen auch die Menschen auf der Straße verstehen, denn wir werden diese Entwicklung auf Jahre hinaus weiter sehen. Die Europäische Zentralbank muss den Zins auf Jahre hinweg bei Null oder sogar darunter halten. Das hat sie ja bereits angekündigt. Damit kann in der Eurozone auf Jahre kein positiver Zins mehr entstehen. Das hat auch positive Seiten. Unser Bundeshaushalt kann aufgrund der ständig sinkenden Zinsverpflichtungen erstmals nicht mehr defizitär sein. Das Zinsbudget liegt heute bei 20 Mrd. Euro. Früher waren es schon mal 70 Mrd. Euro.

Das freut den Bund, aber was heißt das für Sparer?

Die Aktienanlage, sprich die Beteiligung an der Wirtschaft ist im Prinzip das Einzige, was noch übrig geblieben ist, nachdem alle anderen Anlagegattungen stark an attraktiv eingebüßt haben. Sie ist damit der wahre Profiteur der Entwicklungen. Aktien haben sich in den letzten zehn Jahren am besten entwickelt. Das haben sie zwar immer getan. Die Wahrnehmung ist aber eine andere, nämlich dass die Aktienbörsen schaukeln und am Ende ein Nullsummenspiel sind. Immer nach dem Motto: Was der eine gewinnt, das verliert der andere. Das stimmt aber nicht. Bei den Währungen ist das der Fall, aber nicht bei Aktien. Alle Aktien der Welt können zur gleichen Zeit steigen.

Einige Anleger befürchten aber, dass der Dax schon zu weit gestiegen ist …

Etwas Dümmeres habe ich in meinem Leben noch nicht gehört. Es ist allein schon mathematisch völlig unsinnig zu denken, dass es nicht höher gehen könnte. Die Menschen denken, die Börse ist wie ein Berg. Wenn man noch oben gestiegen ist, geht es nicht mehr weiter. Dann kann es nur noch nach unten gehen. Die Aktienbörse ist allerdings kein Berg, sondern eine unendliche Geschichte. Neue Unternehmen kommen dazu, alte scheiden aus. Wir haben immer wieder neue Techniken, wie heute etwa die sozialen Netzwerke, und damit neue Möglichkeiten Wachstum und Wertschöpfung zu erzeugen.

Auch in den nächsten Jahren wird es unvorhergesehene makroökonomische Krisen geben, aber gute Unternehmen werden damit zurechtkommen. Ich sehe keinen Grund, warum das nicht klappen sollte. Unternehmen wollen schließlich wertvoller werden. Das ist deren Hauptaufgabe und die setzen sie auch um. Sie stellen ihre Prozesse auf den Prüfstand, werden schlanker und erfinden neue Produkte. Und die Chancen sind größer denn je. In Asien leben zwei Drittel der Erdbevölkerung. Diese Menschen wollen bessere Autos haben, bessere Telefone, besser essen und dergleichen mehr. Wir neigen in Europa, speziell in Deutschland zu einem Defätismus. Das ist beim Blick auf die Welt überhaupt nicht berechtigt. Entwickelt sich der Dax so weiter, wie er es in den letzten 50 Jahren gemacht hat, also mit einer jährlichen Rendite von 7,3%, verdoppelt er sich in zehn Jahren.

Wäre das eine realistische Entwicklung?

Das ist vollkommen realistisch. Deutschland und deutsche Unternehmen haben doch derzeit das größte Glück überhaupt.

Wieso?

Was haben wir denn momentan für eine Situation? Die Ölpreise fallen. Das ist herrlich für ein rohstoffarmes Land wie Deutschland. Zinsen? Gibt es nicht mehr, davon profitieren natürlich auch die Unternehmen bei ihren Finanzierungen. Und jetzt kommt der Euro noch hinzu. Wir Deutschen bräuchten keine schwache Währung, denn die deutsche Wirtschaft läuft ja. Dennoch haben wir sie und das hilft enorm. Wir haben somit drei extra Konjunkturprogramme und stehen beim Staatshaushalt und der Struktur auch noch besser da als andere europäische Länder. Es sieht für deutsche Aktien daher geradezu hervorragend aus.

Müsste der Dax im Vergleich etwa zum US-Index nicht sogar deutlich höher stehen?

Das ist in der Tat einigermaßen erstaunlich. Die Amerikaner scheinen aber in einer eigenen Liga zu spielen. Die USA haben ein riesiges Privileg. Kein Land der Welt genießt ein solches Vertrauen und hat keine Feinde, die das Land unmittelbar bedrohen. Sie sind zudem ein sehr wirtschaftlich ausgerichtetes Volk. Man macht sich keine Sorgen um Frauenquoten oder Ähnliches. Es ist ein Land, das immer weiter nach vorne will und auf Technik setzt. Dadurch sind die US-Unternehmen in vielen Bereichen führend. Zudem gibt es eine andere Kapitalmarktkultur. Dort ist es normal, dass man vom Staat nichts erwarten kann. Wer in den USA in der Gosse sitzt, der sitzt da sehr ungemütlich. Da sitzt man hierzulande etwas bequemer. Das fördert nicht unbedingt den Eigenanreiz. Hartz IV hat aber offenbar sehr geholfen. Ein Problem haben wir hier allerdings in der Tat noch.

Welches?

Die Demografie. Wenn man sagt, Zuwanderer wären nicht willkommen, wie etwa bei PEGIDA, kann ich nur sagen, dann hätten wir aber auch mehr Kinder in die Welt setzen müssen. Haben wir aber nicht und dadurch bekommen wir ein Problem. Wir müssen die Wahl treffen, ob wir schrumpfen und dadurch unser Einkommen zurückgeht oder wir neue Arbeitskräfte und Konsumenten ins Land holen. Dass wir selbst mehr Kinder bekommen, glaube ich nicht. Das hängt selbstverständlich auch mit der Emanzipation der Frauen zusammen. Ich will diese nicht verurteilen, aber wenn alle Frauen arbeiten und keine Kinder bekommen wollen, brauchen wir Zuwanderung. Wenn die Wirtschaft wachsen soll, haben wir gar keine Alternative zur Zuwanderung.

Viele Anleger scheuen Aktieninvestments aber, weil sie vermeintlich nicht genug Geld für eine ausreichend hohe Investition haben.

Das ist die uninformierteste Feststellung, die ich je gehört habe. Ein sehr kluger Weg, sich an der Wirtschaft zu beteiligen, heißt Sparplan. Für 25 Euro im Monat bekommen Sie einen weltweit gestreuten Korb. Sind das Tickets, die nur Reichen zugänglich sind? Der Fonds ist das ideale Instrument für die breite Masse.

Die Frage ist zudem, was der Kleinsparer für Alternativen hat. Er muss umdenken und auf die neuen Rahmenbedingungen reagieren. Wer langfristig, sprich über mindestens zehn Jahre etwas aufbauen will, müsste im Prinzip 100% in Aktien anlegen. Allein die Dividendenrenditen im Dax liegen bei 3%. Bei zehnjährigen Bundesanleihen haben sie 0,45%. Eine solche Differenz hat es noch nie gegeben. (mh)




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