Unfallversicherung: „Man wundert sich über gewisse Leistungsvereinbarungen“ | AssCompact – News für Assekuranz und Finanzwirtschaft
AssCompact - Facebook AssCompact - LinkedIN AssCompact - Twitter AssCompact - Xing AssCompact - Whats App AssCompact - Whats App

Unfallversicherung: „Man wundert sich über gewisse Leistungsvereinbarungen“
18. Mai 2015

Unfallversicherung: „Man wundert sich über gewisse Leistungsvereinbarungen“

Gerade in der Berufsunfähigkeits- und in der Unfallversicherung gibt es viele Streitpunkte zwischen Versicherer und Versicherungsnehmer. Schließlich geht es dabei oft um erhebliche Leistungen. AssCompact hat mit Arno Schubach, Rechtsanwalt bei Johannsen Rechtsanwälte, über die häufigsten Streitpunkte und neue Produktgenerationen gesprochen.


Gerade in der Berufsunfähigkeits- und in der Unfallversicherung gibt es viele Streitpunkte zwischen Versicherer und Versicherungsnehmer. Schließlich geht es dabei oft um erhebliche Leistungen. AssCompact hat mit Arno Schubach, Rechtsanwalt bei Johannsen Rechtsanwälte, über die häufigsten Streitpunkte und neue Produktgenerationen gesprochen.


Unfallversicherung: „Man wundert sich über gewisse Leistungsvereinbarungen“
Herr Schubach, in welcher Versicherungssparte wird am häufigsten gestritten?

Für die Personenversicherung lässt sich Folgendes sagen: In der Krankenversicherung gibt es naturgemäß immer wieder einmal Streitigkeiten, weil dort in der Regel jeder Versicherungsnehmer pro Jahr mehrere Versicherungsfälle (zum Beispiel Arztbesuche wegen Krankheiten oder Verletzungen) hat und somit es auch des Öfteren zu Mindererstattungen kommen kann. In der Lebensversicherung sind es oft Sonderthemen, die zeitweise eine Welle von Verfahren auslösen, so zum Beispiel die Höhe des Rückkaufswertes nach Kündigung oder die Frage, ob man vor vielen Jahren nach dem Policenmodell gemäß § 5a VVG a. F. geschlossenen Verträge heute noch widersprechen kann. In der Berufsunfähigkeitsversicherung ist die Zahl von Verfahren durchaus hoch, wenn es um die sachverständige Beurteilung geht, ob der Versicherte zu mehr als 50% berufsunfähig ist.

Wie sieht es in der Unfallversicherung aus?

Auch in der Unfallversicherung gibt es eine konstant hohe Zahl von Verfahren. Neben seltenen Themen wie Obliegenheitsverletzungen gibt es mehrere Hauptstreitpunkte. Dies sind zum einen Fälle, in denen es darum geht, ob ein Unfall im Sinne der Bedingungen vorliegt („äußeres Ereignis“), ob ein vorhandener Gesundheitsschaden tatsächlich von dem Unfall verursacht wurde und ob gegebenenfalls ein Risikoausschluss vorliegt (zum Beispiel Bandscheibenschäden, psychische Folgen usw.). Zum anderen betreffen Streitfälle vor allem die Frage, wie hoch die verbliebene Invalidität ist und ob Abzüge wegen einer bestehenden Vorinvalidität oder der Mitwirkung von Krankheiten und Gebrechen zu machen sind. Die Beantwortung dieser Fragen hat jeweils unmittelbare Auswirkungen auf die Höhe der Leistung und hängt generell von der medizinischen Begutachtung ab. Da diese Beurteilung auch immer dem Sachverständigen gewisse Spielräume lässt, ist es verständlich, dass Versicherungsnehmer oft die Beurteilung durch den Sachverständigen des Versicherers nicht einfach akzeptieren wollen und eine gerichtliche Klärung suchen, die möglicher Weise zu höheren Versicherungsleistungen führt.

Gibt es bei der Fallzahl einen Unterschied zwischen der gesetzlichen und der privaten Unfallversicherung?

Zu der gesetzlichen Unfallversicherung kann ich keine Angaben machen. Allerdings ist es so, dass die rechtlichen Grundlagen völlig unterschiedlich sind. Bei der gesetzlichen Unfallversicherung kommt es zum Beispiel häufig zum Streit, ob bei einem Arbeitnehmer ein sogenannter Wegeunfall vorliegt. Dies ist für die private Unfallversicherung ohne jede Bedeutung ist, weil sie in der Regel sowohl berufliche als auch private Unfälle gleicher Maßen abdeckt.

Versicherer setzen vermehrt auf innovative Produkte, die mehrere Absicherungen bspw. Unfälle, schwere Krankheiten, Pflege etc. kombinieren. Ist dieser Trend auch schon bei Ihnen angekommen?

In der anwaltlichen Praxis spielen diese Innovationen kaum eine Rolle. Die ganz überwiegende Zahl der Streitfälle betrifft die Frage, ob durch einen Unfall eine Invalidität eingetreten ist und wie hoch der Invaliditätsgrad ist.

Allerdings muss der Anwalt bei einem solchen Mandat natürlich die vollständigen Versicherungsunterlagen einsehen. Dabei wundert man sich schon über gewisse Leistungsvereinbarungen und würde sich wünschen, dass in der Beratung doch mehr der Schwerpunkt auf eine bestmögliche Absicherung der Invalidität gelegt wird. Dies gilt insbesondere auch für hohe Progressionsstaffeln und die Vereinbarung einer Invaliditätsrente. Die Voraussetzungen werden nur ganz selten erreicht und es wäre wünschenswerter, die Prämie in eine bessere Absicherung eines Grundbereiches bis 30 oder 40% zu investieren. Hier ist es oft möglich, zu gleicher Prämie eine höhere Grundsumme mit etwas schwächerer Progression zu vereinbaren, was in den meisten Fällen zu höheren Leistungsansprüchen führt.

Konkret auf dem Schreibtisch hatte ich den Fall, dass für einen Oberschenkelhalsbruch 1.500 Euro Leistung versprochen wurde. Dies ist keine Leistung, die im Sinne der Absicherung von Risiken zwingend benötigt wird. Zudem sind Oberschenkelhalsbrüche oft nicht Folge des Unfalles, sondern das Ereignis, welches den Sturz erst auslöst. Im konkreten Fall hat der Versicherer die Leistung verweigert, weil die Bruchstelle wenige Zentimeter neben dem Oberschenkelhals lag.

Sinnvoll können natürlich Assistance-Leistungen wie zum Beispiel Reha-Management sein. Für den Versicherten ist es sicher besser, nur geringer eingeschränkt zu sein, als eine möglichst hohe Leistung aufgrund besonders hohe Invalidität zu bekommen – natürlich gibt es bei den Versicherten auch Ausnahmen. Ich habe allerdings von Versicherern sehr unterschiedliche Erfahrungen berichtet bekommen, was den Erfolg anbetrifft. (kb)

Weitere Informationen zur Unfallversicherung lesen Sie in der Juni-Ausgabe von AssCompact in einem Sonderthema.




Ähnliche News

Eine Fahrerin, die beim Autokauf vom Hersteller einen besonderen Rabatt eingeräumt bekommen hat, kann nach einem Unfall auch nur mit vermindertem Schadensersatz für das Auto rechnen und die Höhe des Rabattes nicht zusätzlich einklagen. Das hat das OLG Frankfurt entschieden, aber die Revision zum BGH zugelassen. weiterlesen
Bei einer Versicherung für fremde Rechnung ist der Unfallversicherer grundsätzlich nicht verpflichtet, die versicherte Person neben oder an Stelle des Versicherungsnehmers zu informieren. Das gilt auch, wenn der Versicherte den Versicherungsfall selbst anzeigt. weiterlesen
Die Provinzial NordWest hat die Leistungen ihrer Unfallversicherung erweitert: So sind nun beispielsweise Infektionen durch Schutzimpfungen mitversichert. Mit verschiedenen zubuchbaren Bausteinen kann der Versicherungsschutz ergänzt werden. weiterlesen


AssCompact Abonnement

Sie wollen das AssComapct Magazin und/oder den AssCompact Newsletter abonnieren? Klicken Sie hier

Sie sind bereits Leser des AssCompact Magazins und möchten Ihre Daten ändern? Klicken Sie hier

Empfohlener Artikel

Die Finanz- und Versicherungsbranche ist bei Nachwuchskräften alles andere als beliebt. Von 14 Branchen landet sie im aktuellen „Young Professionals Barometer“ von Trendence auf dem vorletzten Platz. Welche Versicherer in der Liste der Wunscharbeitgeber ganz vorne liegen, zeigt AssCompact in einer Bildergalerie.