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Pflegeversicherung: Zwischen Hochglanz und Realität
08. Juli 2015

Pflegeversicherung: Zwischen Hochglanz und Realität

Unternehmensberater Ulrich Welzel betreut ehrenamtlich einen 94-jährigen Pflegebedürftigen. Was er im Pflegeheim erlebt, hat mit den Werbebildern, die Pflegeheime und Versicherer – im Vertrieb der Pflegeversicherung – aufbauen, nichts zu tun. In einem Kommentar für AssCompact schildert er auf emotionale Art die Pflegesituation, will aber etwas sehr Rationales erreichen: mehr Realität in der Pflegeberatung.


Unternehmensberater Ulrich Welzel betreut ehrenamtlich einen 94-jährigen Pflegebedürftigen. Was er im Pflegeheim erlebt, hat mit den Werbebildern, die Pflegeheime und Versicherer – im Vertrieb der Pflegeversicherung – aufbauen, nichts zu tun. In einem Kommentar für AssCompact schildert er auf emotionale Art die Pflegesituation, will aber etwas sehr Rationales erreichen: mehr Realität in der Pflegeberatung.


Pflegeversicherung: Zwischen Hochglanz und Realität

Was haben Pflegeheime und Versicherungswirtschaft gemeinsam? Beide so unterschiedlichen Unternehmenswelten preisen das Thema Pflege mit Hochglanzprospekten an. Die Bilderwelt der Pflegeheimbetreiber zeigt eine heile Welt mit strahlenden, lachenden und scheinbar immer gut gelaunten alten Menschen. Von den Prospekten der Pflege- und Sterbegeldversicherer lächeln uns bestens aufgelegte, topgekleidete neue „Alte“ (1) an, die scheinbar in einem Dauerpartyzustand leben. „Mit diesen Bildern könnte ich auch ein Fitnessstudio für die Generation 60plus bewerben“, sagt mir schmunzelnd der Art-Direktor einer großen Werbeagentur. Wie sieht die Realität in deutschen Pflegeheimen aber wirklich aus?

Gerade komme ich aus einem (nach außen hin) guten Pflegeheim, in dem ich als ehrenamtlicher Hospizbegleiter seit einigen Monaten Robert S. (94) betreue. Selten ist im Heim (300 Bewohner) ein herzliches Lachen zu hören. Schau ich in die Gesichter der meist alten und sichtbar kranken Frauen, kann ich nur erahnen, wie schwer das Leben im Heim sein muss. Weg aus der gewohnten Umgebung, leben sie heute statt auf 60 qm eingeschränkt auf 16 qm. Mit einem kleinen Tisch, einer mitgebrachten Anrichte, eventuell fünf persönlichen Bildern und einem alten Fernseher.

Der ewige Kampf

Die 90-jährige Frau Paul fällt mir oft auf, weil sie immer aussieht, als würde sie gleich aus dem Rollstuhl rutschen. Nur mit den Füßen kann sie sich noch im Rollstuhl fortbewegen. Wenn wir uns begegnen, lächelt sie krampfhaft. Sie kämpft sichtbar um jeden Zentimeter, den sie heute wieder im Schneckentempo über den Flur schafft. Mehrfach am Tag legt sie die 120 Meter von ihrem Zimmer bis zum Empfang zurück. Heute ist sie frustriert. Hat sie doch letzte Woche die – für Gesunde – wenigen Meter mehrfach am Tag zurückgelegt.

Heute klappt gar nichts. Als sie mir das erzählt, kullern ihr die Tränen herunter. „Aber ich muss das doch noch schaffen. Ich kann doch nicht aufgeben. Als ich hier eingezogen bin, bin ich öfters noch in den Park und in die Cafeteria gegangen. Dann kam der Moment, wo ich vom Stock auf den Rollator und später zum Rollstuhl wechseln musste. Das hat mich jedes Mal völlig fertig gemacht. Bei jedem Wechsel ging ein Stück Mobilität, Freiheit und Mut verloren. Immer öfters sitze ich jetzt allein in meinem Zimmer, und weine, weil ich gar nicht mehr aus dem Heim rauskomme. Früher habe ich gerne gekocht und Freunde eingeladen, damit ich aufkochen konnte. Wenn ich den Fraß hier sehe, dann hat das mit Lebensqualität nichts zu tun.“ Erschrocken über ihre Wortwahl entschuldigt sich Frau Paul sofort für ihren verbalen Ausrutscher. „Ich zahle monatlich 3.250 Euro für den Heimplatz. Warum gibt es dann so schlechtes Essen für uns?“(2), fragt mich Frau Paul.

Ich erzähle ihr von einem Heimbewohner in Nürnberg, der sein Essen fotografiert und die Fotos bei Facebook reingestellt hat (vgl. DIE WELT). Der Erfolg ist so groß, dass ihm 20.000 Menschen folgen und die Presse das Heim an den Pranger gestellt hat. Jetzt sehe ich ein kleines Lächeln in ihrem Gesicht. Wir verabschieden uns und so kämpft sie sich im Schneckentempo weiter in Richtung Rezeption.

Der größte Wunsch

Kurz danach treffe ich Herrn Werner (81). Seit ich Herrn Werner kenne, sitzt er im Rollstuhl, immer an derselben Stelle im Gang, mit Blick in den Garten und nippt an der Bierflasche. „Alles, was ich noch habe, ist mein Flascherl Bier am Tag. Gerne auch mal zwei.“ Sein größter Wunsch ist, dass ihm ein Pfleger ein Bier seiner Lieblingsbrauerei mitbringt. Seine Bitten an die Heimleitung, doch einen Kasten seines Lieblingsbieres zu kaufen (er würde es selbstverständlich auch bezahlen), werden seit Jahren ausgeschlagen. Frustriert nippt er weiter an seiner Bierflasche und schaut enttäuscht aus dem Fenster. Ich schwöre mir, ihm nächste Woche eine Flasche seines Lieblingsbieres mitzubringen.

Verlust und Wehmut

Zwanzig Meter vor Robert S.’ Zimmer höre ich schon, dass Robert S. da ist. Die Lautstärke des Fernsehers scheint ausgereizt zu sein und beschallt weite Teile des langen Flurs. Trotzdem sitzt Robert S. lethargisch in seinem alten Sessel und scheint zu dösen. Die Luft im Zimmer steht. Bei 28° Außentemperatur schaffte es in den letzten sieben Stunden kein Pfleger, die Balkontür zu öffnen, um frische Luft hereinzulassen. So sitzt Robert S. versunken in seinem alten Sessel und wartet schon nachmittags darauf, um 19 Uhr ins Bett gelegt zu werden.

Als Kaffeeliebhaber freut sich Robert S. auf seinen Nachmittagskaffee, den eine Pflegerin um 14.30 Uhr vorbeibringt. Lauwarmer dünner Kaffee und drei Kekse lassen den sonst ruhigen Robert S. wütend werden. „So ist das jeden Tag. Die wissen, dass ich gerne einen g‘scheiten Kaffee trinke, aber seit fünf Jahren gibt es nur diese Brühe. Das erinnert mich an die Zeit nach dem Krieg, als wir Getreidekaffee trinken mussten, weil wir nichts hatten.“

In den nächsten Minuten kann ich Robert S. dazu bewegen, ein paar Schritte mit dem Rollator zu gehen, um dann von mir im Rollstuhl um den See gefahren zu werden. Auch er kämpft heftig. „Früher bin ich jeden Tag eigenständig um den See gelaufen, habe mir eine schattige Bank gesucht und dort den Nachmittag verlebt. Das wurde im Laufe der Zeit immer weniger. Wenn ich mich nur dran erinnere, wie oft ich früher auf die Berge gekraxelt bin, und heute?“ Mit Wehmut geht es zurück ins Pflegeheim.

Bei der Rückkehr bleiben wir vor dem Prospektständer des Pflegeheims stehen und lachen herzlich. Warum? Von der Imagebroschüre des Pflegeheimbetreibers strahlt uns eine gutaussehende 75-Jährige an, die sichtlich erfreut ist, im Pflegeheim zu sein. „In den Jahren, in denen ich hier lebe, habe ich noch keinen meiner Mitbewohner so lachen gesehen“, lautet Robert S.’ sarkastischer Kommentar.

Das sind nur drei von vielen Tausend Beispielen von Betroffenen in deutschen Pflegeheimen. Wie es den meisten der 760.000 betreuten Menschen in Pflegeheimen geht, beschreiben Menschen wie der Pflegekritiker Claus Fussek (3) in seinen Büchern.

Vertriebsalltag versus Realität

Zwischen den Marketingbroschüren der Pflegeheimbetreiber und Versicherer und dem oben beschriebenen Pflegeheimalltag klaffen Welten. Die krasse Realitätsfremdheit spiegelt sich auch im Vertriebsalltag wider und führt bei den meisten Produktanbietern zu großem Frust. Frust deshalb, weil trotz größter vertrieblicher Anstrengung viel zu wenig Umsatz generiert wird.

„Wir tun doch alles, was die Makler fordern und trotzdem vermitteln sie keine Pflege“, beschweren sich in einer Stunde fünf Vertriebsleiter von fünf Gesellschaften, die gemeinsam auf einer Roadshow sind. Auf die Frage, warum die Vertriebsschulungen zur Absicherung von biometrischen Risiken und Pflege in diesem Vier-Sterne-Hotel stattfinden, fragt ein Vertriebsleiter erstaunt zurück: „Ja, sollen wir denn unsere Vertriebsschulungen in Pflegeheimen abhalten?“ und beantwortet sich seine Frage im selben Atemzug: „Das können wir den Maklern nicht antun!“

Obwohl jeder Marketingprofi weiß, dass Botschaften bestens mit realen Bildern transportiert werden, wird es vermutlich bei der ausschließlich positiven Darstellung der Pflegesituation mit fitten, lachenden, partytreibenden neuen „Alten“ bleiben.

Geschäftlich und Privat

Interessant bei den Gesprächen mit den Vertriebsleitern war, dass sie im privaten Umfeld von den praxisnahen Darstellungen einiger Produktanbieter aus anderen Bereichen regelrecht begeistert waren.

Ein Vertriebsleiter schwärmt von seinem Olivenbauer, der seinen potenziellen Kunden (auf bezahlten Endkundenreisen) vor Ort zeigt, wie Olivenöl gewonnen wird.

Ein zweiter Vertriebsleiter hat gerade seinen neuen Wagen von einem Autokonzern abgeholt und ist immer noch ganz angetan, dass er in die Autoproduktion schauen durfte und wie man ihn dort hofiert hat.

Der dritte im Bunde erzählt seinen beiden Standnachbarn euphorisch, dass er mit seiner Frau am letzten Wochenende, bei strömenden Regen (bekleidet mit Gummistiefeln), mit einem Immobilienmakler durch den Schlamm gelaufen ist, um eine im Rohbau befindliche Wohnung zu kaufen.

Fazit: Anpassung des Marktauftritts an Realität

Alle drei Beispiele zeigen, dass Menschen emotionale Wesen sind und Versicherungsgesellschaften von Olivenbauern, Autokonzernen und Immobilienmaklern noch viel lernen können.

Wenn Versicherungsgesellschaften ihren Auftritt ändern, die Produktfolder und ihren Marketingauftritt der Realität angleichen, ist der erste Schritt zu mehr Umsatz getan. Wer es schafft seine angeschlossenen Makler dazu zu befähigen, sich in die Situation der neuen und alten „Alten“ (körperlich und mental) hinein zu versetzen, wird Erfolg haben. Erfahrungen zeigen, dass es funktioniert, der Vertriebsaufwand nicht erhöht werden muss und die Umsätze top sind. Wer die Risiken der Generation 60plus absichern will, kommt nicht umhin, die Sprache der Zielgruppe zu sprechen.

Zur Person

Autor Ulrich Welzel, Inhaber der Brain|Active® Unternehmerberatung, beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der Verbesserung von Beratungsprozessen in der Generation 60plus.

Vgl.:

(1) WHO-Klassifizierung neue „Alte“ 55- bis 74-jährige, alte „Alte“ 75 – älter

(2) Für fünf Mahlzeiten geben die meisten Heimbetreiber pro Tag/pro Person 3,50 – 4,21 € brutto aus.

(3) Claus Fussek: „Im Netz der Pflegemafia“


Ulrich Welzel Ulrich Welzel


Kommentare

von Heinrich Bockholt am 09.07.2015 um 09:11 Uhr
Die Situation in Pflegeheimen ist gut beschrieben. Die ganze Geschichte wird dadurch getoppt, dass wir es heute mit einer amtlich verordneten Altersarmut zu tun haben.
Die Alten schaffen nicht mehr ihre eigene Bürokratie und zahlen pausenlos für Rezepte, Behandlungen, Pflegeheime usw. drauf, obwohl es gar nicht notwendig wäre. Aber sie kennen nicht alle Bestimmungen der Gesetze, Krankenkassen, Sozialämter usw.
Unsere Politiker schreien alle nach sozialer Gerechtigkeit und erhöhen Tag für Tag die Bürokratie rund um die Gesundheit und Pflege anstatt die Gesetze zu vereinfachen. Denn die Menschen sind anscheinend für die Poltik/Gesetze da und nicht umgekehrt.
MfG Prof. H. Bockholt, Koblenz

von Ulrich Welzel (... am 09.07.2015 um 13:02 Uhr
Ergänzend zu Ihren trefflichen Aussagen, Hr. Prof. Bockholt, kommt die Erkenntnis, dass auf kommunaler Ebene alle Politiker wissen müssten, was in den Heimen vorgeht. Sehr viele ducken sich weg, bsie eventuell selber von der Situation betroffen sind.
Erst am Dienstag lese ich in der Zeitung, dass die Münchener Heimaufsicht in den letzten zwei Jahren bei 1563 Pflegeheimbewohnern unangemeldete Pflegekontrollen vorgenommen hat. Pflegekontrolle heißt, es wurden unterschiedliche Parameter kontrolliert:
• Vorbeugung von Druckgeschwüren (Dekubitus),
• Medikamentenmanagement,
• soziale Betreuung und Lebensgestaltung,
• Kommunikation,
• Mobilisierung,
• Körperpflege,
• Essen,
• freiheitsentziehende Maßnahmen.
Das Ergebnis: Bei jeder zweiten Kontrolle wurden Mängel festgestellt. Wir reden in vielen Fällen von Menschrechtsverletzungen. Das ist die Realität in einer der reichsten Städte Deutschlands.Im Rest der Republik sieht es erfahrungsgemäß kaum anders aus.

Erschütternd ist die Situation auch bei den Pflegern. Bei meist sehr schlechten Betreuungsschlüsseln (Verhältnis Pfleger zu Pflegenden)lässt sich diese Berufsgruppe körperlich und seelisch kaputtmachen.

Gerade streikt das Pflegepersonal der Charité in Berlin. In der Presse hören, sehen und lesen wir kaum etwas davon.



von Ludwig Barthel am 09.07.2015 um 10:19 Uhr
Abgesehen von der sehr eindringlichen Schilderung des oftmals Verdrängten, wird das "Vertriebsverhalten" weiter Teile der Vermittlerschaft auf den Punkt gebracht: Man versucht ohne Empathie Umsatz zu generieren, nach dem Motto: Der Kunde hat dem "ach so tollen" Produkt zu folgen. Das Beispiel "Pflege" ließe sich auf beliebig viele andere Vorsorgebereiche erweitern. Da werden immer noch Produkte verkauft, ohne darüber nachzudenken, wie der Bedarf ist und vor allem, wie der Bedarf überhaupt vom Kunden wahrgenommen wird! Das Sprechen in Bildern und das "Erlebbarmachen" einer Lösung sind immer noch der Schlüssel, im Vertrieb erfolgreich und im wirklichen Sinne des Kunden zu arbeiten.
L. Barthel, www.invors.de

von Wieland Geissler am 09.07.2015 um 10:59 Uhr
...es ist oft erschreckend, wenn ich bei verschiedenen Veranstaltungen höre, dass sich manche brüsten, wieviel Pflegeversicherungen sie abgeschlossen haben - bei näherem hin hören, dann feststellen muss, was sie da überhaupt abgeschlossen haben. Durch eigene Erfahrung, die 3-jährige Pflege meiner Mutter (die sich nun in einem Heim befindet) - anders war das alles nicht mehr zu stemmen, weiß ich mittlerweile sehr wohl, worauf es ankommt. Eine gezielte Ansprache und auch die Kinder und Schwiegerkinder mit ins Boot zu nehmen, ist unerlässlich (die sind die nächste Pflegegeneration). Es sind nicht die nackten Zahlen (Eigenanteil in allen Pflegstufen) über die Pflegeversicherungen angeboten werden sollten, sondern die Sensibilisierung, was bedeutet den Pflege überhaupt, was macht Pflege aus unserem gewohnt Leben, wie stark verändert es unser Leben. Nur wer dies eine Weile durchlebt (ob kürzer oder länger spielt dabei keine Rolle), nur der kann dies wirklich beurteilen und wird auch die passende Lösung für seine Kunden finden. Ähnlich ist es mit der BU-ABsicherung, wer nicht Praxisfälle erlebt oder bearbeitet hat, kann nicht in realen Bildern sprechen - Statistiken interessieren den Endverbraucher nicht, denn er selbst ist ja "unkaputtbar".

von Ulrich Welzel (... am 09.07.2015 um 13:10 Uhr
Mein tiefer Respekt gilt den pflegenden Angehörigen. 24 Stundenpflege bedeutet eine unglaubliche Anstrengung. Wer nicht betroffen ist, kann es sich die Belastung kaum vorstellen.
Immer wieder schaue ich mir auch sehr gute Heime, z.B. in Lindau, an. Was ich da sehr, baut mich auf. Menschlicher Umgang mit Bewohnern und Pflegepersonal. Toll!

von Ulrich Welzel (... am 11.07.2015 um 20:44 Uhr
In Ergänzung bekomme ich gerade einen neuer Beitrag zugesandt, der auf "Pflegenot2014" gepostet wurde und die Realität in der Pflege sehr gut beschreibt, weil hier ein betroffener Pfleger oder Pflegerin aus dem Alltag schreibt..

In der letzten Woche erschien der Hashtag "Pflegestreik" gehäuft auf Twitter. Leider nur dort. In den Medien wurde nicht darüber berichtet, was ich nicht nachvollziehen kann. Denn es ist ein wichtiges Thema, das uns ALLE betrifft. Den einen früher, den anderen später.
Auch wenn man diesem Thema aus dem Weg gehen will - wird es nicht funktionieren. Denn wenn es so weiter geht wird unser ganzes Gesundheitssystem, so wie wir es jetzt kennen, nicht mehr lange überleben.
Und ich erkläre euch auch, warum.
Es herrscht Fachkräftemangel in der Pflege. Nichts neues, hat jeder schon mal gehört. Doch nur die Wenigsten verstehen wirklich, was das bedeutet. Nur chronisch Kranke, Angehörige oder Menschen, die in der Pflege arbeiten, bekommen dieses Problem hautnah mit. Die anderen Menschen denken sich, dass es sie nicht betrifft. Falsch gedacht. Denn es geht nicht nur um ein paar Fachkräfte, die fehlen. Nein. Es fehlen ÜBER 16.000 Pflegende. 16.000.
Und mit jedem Tag werden es mehr. Die Fachkräfte, die wir aktuell noch haben, gehen entweder bald in Rente oder hören auf, weil sie ausgebrannt sind. Die restlichen Fachkräfte wandern in andere Länder aus, wie z.B. in die Schweiz, weil dort die Bedingungen besser sind.
An Auszubildenden fehlt es eigentlich nicht. Theoretisch. Praktisch arbeiten nur wenige nach der Ausbildung weiterhin in der Pflege. Wenn in einer Klasse 25 Auszubildende sind, arbeiten vielleicht maximal 5 Auszubildende nach der Ausbildung weiter in der Pflege. Die anderen suchen sich etwas anderes, weil die Bedingungen so schlecht sind. Wir bilden zwar genug Fachkräfte aus - können diese aber nicht halten. Und das nicht ohne Grund.
In diesem System läuft gehörig etwas schief. Das aber schon seit Jahrzehnten.
Es wird nur schlimmer, nicht besser.
Die Medizin macht immer größere Fortschritte, die Pflege wird immer schlechter.
Und das liegt nicht an den Pflegenden.
Sondern am System.
Warum das so ist?

Wie bereits erwähnt, fehlen immer mehr Fachkräfte. Oft muss eine examinierte Fachkraft tagsüber bis zu 25 Patienten/Bewohner alleine versorgen. Höchstens ein paar Praktikanten oder Schüler sind noch dabei, aber diese ersetzen keine vollwertige Fachkraft. Nachts ist eine examinierte Fachkraft oft alleine für bis zu 80 Patienten/Bewohner zuständig. Wir reden hier natürlich nicht von fitten, gesunden Menschen. Nein, natürlich nicht.
Diese Patienten/Bewohner sind meistens Vollpflegefälle, die alle zwei Stunden umgelagert werden müssen, weil sie dies nicht mehr alleine können. Die Pflegekraft muss Infusionen fertig machen, Tabletten stellen, nach den Patienten/Bewohnern sehen und zur Klingel gehen.
Besonders im geriatrischen Bereich ist nachts besonders viel los. Demente Menschen sind häufig nachtaktiv und laufen herum. Dann muss die Pflegekraft aufpassen, dass diese Patienten/Bewohner nicht weglaufen oder andere Dinge tun, die ihnen schaden könnten. Wir rekonstruieren - diese Pflegekraft ist alleine. Sie muss alle ihre Aufgaben erledigen und sich zeitgleich noch um die aktuellen Belange ihrer Schützlinge kümmern. Doch dadurch, dass sie alleine ist, kann sie dies nicht. Sie hat nicht genug Zeit. Und dadurch bleiben die Patienten/Bewohner auf der Strecke. Diese werden dann eben nicht alle zwei Stunden gelagert, weil dies nicht möglich ist. Somit entwickeln sie häufig Drückgeschwüre (Dekubitus), die nur schwer wieder weggehen. Viele Patienten/Bewohner liegen stundenlang eingenässt in ihren Betten. Erst zum Frühdienst werden sie wieder sauber gemacht.
Ich übertreibe nicht. Dies ist Alltag in Deutschland. In allen Krankenhäusern und Pflegeheimen. Es gibt nur wenige Ausnahmen.
Tagsüber ist es nicht besser. Oft werden ungelernte Kräfte auf die Schwerstpflegebedürftigen losgelassen. Meistens sind es Schüler oder Praktikanten, die nicht genug Fachwissen haben, um die Patienten/Bewohner fachgerecht zu pflegen. Woher auch?
Richtig angeleitet wird schon lange nicht mehr, denn die Fachkräfte haben selbst genug um die Ohren. Da wird den Praktikanten oder Schülern meistens nichts erklärt, sondern nur gesagt "Du machst das schon". Das darf so nicht sein. Wie sollen wir denn Fachkräfte ausbilden, wenn ihnen niemand etwas erklärt? Oder sie bekommen Dinge mit den Worten "In der Prüfung darfst du das aber nicht machen, das ist eigentlich falsch" erklärt. Ja, super. Hilft einem enorm weiter.

Ich selbst arbeite erst seit zwei Jahren in der Pflege und habe schon so viele Dinge erlebt, die eigentlich nicht sein dürften. Aber meistens geht es nicht anders. Auf dem Papier gibt es beispielsweise die 1:1-Betreuung. In der Praxis ist dies nicht umsetzbar, da betreut dann eine Pflegekraft 20 Patienten auf einmal und dann sind da zwei Patienten dabei, die theoretisch eine 1:1-Betreuung hätten. Es ist einfach nicht umsetzbar.
Der Fachkräftemangel ist nicht das einzige Problem, aber der Grundstein für die weiteren Probleme. Durch den Fachkräftemangel herrscht ein gewaltiger Druck auf den Pflegekräften, die dadurch anfällig für Krankheiten werden. Damit beginnt der Teufelskreis:

Durch Krankheitsausfälle gibt es noch weniger Personal und der Druck wird noch größer, dann fallen noch mehr Pflegekräfte aus und so weiter. Aus diesem Teufelskreis kommt man nicht raus. In anderen Berufen würde man die ausgefallenen Mitarbeiter ersetzen. In der Pflege geht das nicht so einfach, denn es gibt nicht genug Menschen, die diesen Beruf machen wollen.
Im Endeffekt leiden vor allem die Patienten darunter. Damit das endlich aufhört, haben Mitarbeiter der Berliner Charité zum Pflegestreik aufgerufen: "Menschen werden nicht unterversorgt, weil Pflegende streiken, sondern Pflegende streiken, weil Menschen unterversorgt werden."
Und damit haben sie verdammt Recht. Eigentlich müsste es ganz Deutschland nachmachen, damit sich endlich etwas ändert. Geht bloß nicht, denn in vielen (vo rallem) katholischen Krankenhäusern sind Streiks verboten.

Für die Medien ist dieses Problem quasi nicht existent. Liegt wahrscheinlich daran, dass es den Streikenden nicht um mehr Geld geht, sondern um bessere Bedingungen und mehr Personal. Ist wahrscheinlich nicht spektakulär genug. Natürlich ist es für uns wichtiger, dass die Bahn oder die Post streikt - denn davon sind wir unmittelbar betroffen. Dass es in der Pflege ein gewaltiges Problem gibt, wird der Durchschnittsmensch erst dann bereifen, wenn er selbst auf Pflege angewiesen ist und dann ist es zu spät.

Einer unserer Lehrer meinte zu uns: "Wenn ihr nicht anfangt zu kämpfen, bricht das gesamte System zusammen." Er hat verdammt Recht. Es muss sich endlich etwas ändern. So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Es geht schließlich um Menschenleben!
Ich wünschte, ich selbst könnte mehr tun, damit sich etwas ändert. Denn ich arbeite gerne in der Pflege, es macht mir Spaß. Aber ich möchte auch, dass das so bleibt. Ich würde gerne bis zur Rente in der Pflege arbeiten, aber unter den aktuellen Bedingungen ist dies utopisch.
Es muss sich etwas ändern. Lieber heute als morgen, denn morgen könnte es schon zu spät sein.
Quelle: Graustufenregenbogen

Wer sich in den Blogs anmeldet, bekommt fast täglich solche Berichte zu lesen.

Wie kommen bei diesen Schilderungen vermeintliche Marketingprofis dazu, uns Verbrauchern und Beratern in ihren Hochglanzbroschüren die heile Welt vorzugaukeln?



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