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„Man braucht mehr Fantasie als J. K. Rowling bei Harry Potter, um zu erklären, was da passiert“
07. März 2017

„Man braucht mehr Fantasie als J. K. Rowling bei Harry Potter, um zu erklären, was da passiert“

Jörg de Vries-Hippen ist als Aktienchef Europa bei Allianz Global Investors für milliardenschwere Depots verantwortlich. Sein Fokus liegt dabei vor allem auf Dividendentiteln. Im Gespräch mit AssCompact spricht der Experte über Erwartungen an die diesjährige Dividendensaison, das fatale Umfeld für Sparer sowie über bedenkliche Entwicklungen an den Finanzmärkten.


Herr de Vries-Hippen, die Dividendensaison in Europa nimmt so langsam wieder Fahrt auf. Wie gut dürfte das Dividendenjahr 2017 werden?

Wir rechnen in Europa mit Ausschüttungen von insgesamt mehr als 315 Mrd. Euro. Das ist die gleiche Zahl wie im Vorjahr. Ohne Währungsverschiebungen wie etwa aufgrund des Brexits in Großbritannien wäre die Zahl sogar gewachsen.

Welche Branchen sind derzeit für Dividendeninvestoren besonders interessant?

Spannend ist im Grunde alles, was eine konjunkturpositive Situation besitzt. Man muss aber immer das große Ganze im Blickfeld behalten. Was wird der Treiber in diesem Jahr sein? Der Treiber wird sein, dass in Europa nach wie vor keine Zinsen zu erwarten sind. Neu im Spiel ist dagegen die Inflation. Sie wurde im vergangenen Jahr über den Ölpreis massiv nach unten getrieben. Jetzt passiert genau das Gegenteil. Wir haben also tatsächlich genau die Situation, die sich kein Sparer wünscht: keine Zinsen, aber eine merkliche Inflation.

Was bedeutet dieses Umfeld für Investoren?

Der Vorteil inflationärer Tendenzen ist, dass das produzierende Gewerbe in solchen Zeiten die Preise besser anheben kann. Zwar werden auch die Kosten und Löhne steigen, dafür können die Unternehmen aber die Preise leichter erhöhen. Die Margen bleiben somit gleich oder werden sogar besser. Inflation spielt den Unternehmen somit auf der Cashflow-Seite entgegen und das macht letztlich den Dividendenfondsmanager glücklich, denn dann ist die Grundvoraussetzung für Dividendenzahlungen gegeben.

Also sollten die Sparer spätestens jetzt auf Dividendentitel umsteigen?

Es fällt mir schwer, dem zu widersprechen. Abzüglich Inflation wird auf Sparkonten derzeit jedenfalls ein extrem negatives Ergebnis produziert. Der europäische Aktienmarkt liefert dagegen rund 3,5% Dividendenrendite, ein aktiver Dividendenfonds sogar noch mehr. Der Sparer wird natürlich argumentieren, dass die kommenden politischen Ereignisse wie die Wahlen in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden zu Volatilitäten führen werden.

Ist das Argument falsch?

Auch da kann man schwerlich widersprechen. Aber der Renditeunterschied zwischen Sparbuch und Aktien ist nicht mehr nur marginal. Auf dem Sparbuch gibt es negative Realzinsen. Da kann der Sparer machen, was er will. Ein Dividendenfonds wie der Allianz European Equity Dividend schafft dagegen brutto 5% oder vielleicht noch ein bisschen mehr. Um nicht Geld zu verlieren, muss der Sparer die Risiken in Kauf nehmen. Dabei dürfte ihm helfen, dass Dividendenaktien eine geringere Volatilität aufweisen.

Die horrende Zahl an Sichtvermögen ist aber ja genau das, was die Politik über Jahre hinweg angestrebt hat. Mit der Inflation werden nun die Staatsschulden gefressen. Und die EZB hat schon angekündigt, dass sie noch mindestens bis Dezember eine so lockere Geldpolitik betreiben wird. In Europa wird sich 2017 auf der Zinsseite daher nichts ändern.

Wird sich danach etwas auf der Zinsseite tun?

Je näher wir dem Dezember kommen, desto größer wird die Diskussion werden. Aber die EZB wird sich dieser Diskussion so lange nicht stellen, wie in den großen Ländern Wahlen sind. Sonst würde sie die Wahlen beeinflussen. Selbst wenn sie Ende des Jahres das Thema aufgreift, sollte man nicht erwarten, dass sie die Zinswende mit drei kräftigen Schritten umsetzt. Wenn die EZB wieder Zinsen von 5 oder 6% einführt, frisst sich das so in die Staatshaushalte hinein, dass tiefe Einschnitte in den Sozialhaushalten folgen müssten. Wenn man zudem davon ausgeht, dass ein großer Zinsschritt 50 Basispunkte sind, wären zehn solcher Schritte notwendig, um auf 5% zu kommen. Und jeder dieser einzelnen Schritte wäre ein massiver Eingriff in die volkswirtschaftliche Leistung.

Trotz aller politischen Schwierigkeiten, die sich nicht wegdiskutieren lassen, haben wir in Europa aber ein konjunkturell positives Bild. Dieses Bild ist für mich als Fondsmanager entscheidender als politische Unwägbarkeiten. Man muss sich zwar genau mit den politischen Rahmenbedingungen beschäftigen, aber wenn ich danach Portfolios bauen würde, wäre ich nur noch am Umbauen.

Das politische Ereignis in Europa war 2016 das Brexit-Votum. Großbritannien ist das mit Abstand größte Land des Portfolios des Allianz European Equity Dividend. Ist das nicht zu riskant?

Das könnte man meinen. Ich bin persönlich auch kein Fan des Brexit. Man muss aber akzeptieren, dass eine souveräne Entscheidung dahinter steckt. Als Investor muss ich die damit verbundenen Chancen und Risiken analysieren. Viele britische Unternehmen machen nur noch einen überschaubaren Teil ihrer Umsätze im Heimatmarkt. Die großen Tabakfirmen erzielen zum Beispiel über 90% der Umsätze im Ausland. Das schwache Pfund führt bei diesen sogar dazu, dass die Gewinne sprudeln.

Das ist aber eher ein kurzfristiger Effekt, der für Euro-Investoren ohnehin weniger relevant ist. Wie wichtig ist hingegen Kontinuität für Dividendeninvestoren?

Kontinuität hilft bei der Aktienauswahl. Es ist aber auch kein Weltuntergang, wenn ein Unternehmen für ein Jahr die Dividende reduziert oder aussetzt, weil es eine große Zukunftsinvestition tätigt. Wichtig ist nur, dass das Unternehmen genau erklärt, warum es das tut. Im Privaten ist das doch das Gleiche. Wenn man sich in dem einen Jahr ein Haus finanziert, ist es durchaus sinnvoll, bei den Geschenken zu Ostern, Weihnachten oder an Geburtstagen zurückzustecken.

Ist es auf der anderen Seite auch gefährlich, wenn man jedes Jahr zu viele Geschenke verteilt, sprich zu hohe Dividenden auszahlt?

Immerhin wird es dann sinnvoll ausgegeben. Man hat schon zu oft gesehen, dass Unternehmen die finanziellen Mittel horten und dann irgendwelche Zukäufe tätigen, für die sie sich im Nachhinein rechtfertigen müssen. Auch 2016 gab es den einen oder anderen Zukauf, den ich weder von der Höhe noch von der Strategie erklären kann. Da muss man schon eine größere Fantasie haben als sie J. K. Rowling beim Schreiben von Harry Potter gehabt hat, um zu erklären, was da passiert.

Holt man sich mit dem Fokus auf hohe Dividenden nicht schwache Geschäftsmodelle ins Boot, weil die Unternehmen mit hohen Ausschüttungen von ihren Schwächen ablenken wollen?

Das ist ein bescheidenes Argument. Ein gutes Dividendenunternehmen wird einen Teil seines Cashflows immer dazu nutzen, um weiter zu investieren und das Geschäftsmodell zu erhalten. Ein gutes Geschäftsmodell bedeutet aber auch, dass man irgendwann in der Lage ist,  nicht mehr alles investieren zu müssen und ohne große Investitionen Geld zu verdienen. Dann ist es sinnvoll, etwas an die Aktionäre zurückzugeben. Wenn das Geschäftsmodell so vernünftig ist, dass es ohne größere Investitionen sinnvoll und nachhaltig Geld erwirtschaftet, ist es auch mal an der Zeit, an den Kapitalgeber zu denken. Und genau solche Modelle suchen wir.

Sind Wachstumsunternehmen aber nicht spannender?

Selbstverständlich sind Wachstumsstorys toll und spannend. Manchmal ist langweilig aber gar nicht so verkehrt. Vor allem, wenn es auf der Welt mal wieder kracht, bin ich glücklich, solche vermeintlich langweiligen Werte im Portfolio zu haben. (mh)





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