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9. April 2015
„Bei Gold von sicher zu sprechen, ist eine faszinierende Ansichtsweise“
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„Bei Gold von sicher zu sprechen, ist eine faszinierende Ansichtsweise“

Anleihen haben drei Jahrzehnte lang nur eine Richtung gekannt: nach oben. Hans-Jörg Naumer, Leiter Kapitalmarktanalyse von Allianz Global Investors, zufolge ist der Anleihenmarkt nun aber am Ende angekommen. Dass viele deutsche Anleger Immobilien oder gar Gold als Alternative wählen, kann der Experte nicht nachvollziehen.

Herr Naumer, Staatsanleihen haben in den letzten drei Jahrzehnten nur einen Weg gekannt: nach oben. Warum sollte sich nicht das fortsetzen lassen, was dreißig Jahre gut geklappt hat?

Gegenfrage: Wo sind wir denn dann? Wenn wir das fortsetzen kommen wir bei den Nominalrenditen in eine Zone von -5% bis -7%. Wer kauft denn noch zu diesen Kursen? Es wäre zudem ein wirklich schlechtes Signal der EZB, wenn sie die Zinsen noch weiter ins Negative drücken würde, zumal sie den europäischen Anleihemarkt nahezu komplett unter Kontrolle hat. Wir haben daher den Boden erreicht. Das Truthahn-Verhalten – die Zukunft immer nur aus der Vergangenheit zu erschließen – ist allzu menschlich. Aber ich würde den Menschen gerne ihr Thanksgiving-Erlebnis ersparen, denn die Anleihen, die sie in der Vergangenheit gut gefüttert haben, dürften ihnen ihn Zukunft teuer zu stehen bekommen, denn beim Anleihenmarkt sind wir einfach am Ende angekommen.

Also gar keine Anleihen mehr?

Es gibt schon auch am Anleihemarkt noch vereinzelte Chancen, etwa wenn man in die Euro-Peripherie geht oder sich in den aufstrebenden Staaten der Welt umschaut. Da gibt es noch immer gute Strategien, aber man muss sich schon intensiv damit auseinandersetzen. Eine Fortsetzung der letzten 30 Jahren ist jedenfalls nicht möglich. 70% der deutschen Staatsanleihen haben bereits eine negative Rendite. Wer soll das denn kaufen? Am Bankschalter müssten Verkäufer schließlich darauf hinweisen, dass der Kunde absolut sicher weniger zurückbekommt, als er einzahlt. Das einzig Gute an dem Zinsniveau ist, dass man in der Regel keine Probleme mehr mit dem Sparerfreibetrag hat. Und wenn sie sich wirklich zehn Jahre für ein solches Investment binden, wird es richtig bitter wenn die Zinsen und die Inflation wieder steigen sollten.

Als Inflationsschutz ist Gold im Allgemeinen eine beliebte Alternative?

Für mich ist Gold nicht mehr als eine Religion, denn es verdient nichts. Wir haben lediglich einen Glauben daran entwickelt. Warren Buffett hat hierfür mal ein treffendes Bild gewählt. Wenn ein Marsmensch das Verhältnis der Menschen zu Gold sehen würde, würde er sich verwundert die Augen über diese Spezies reiben. Die buddeln Löcher, holen da was raus, erhitzen das, gießen es in irgendwelche Formen – und dann buddeln sie es wieder ein, sprich stopfen es in ihre Tresore. Das und nicht mehr ist Gold.

Es gilt aber seit Jahrtausenden als sicher…

Gold ist von 1.900 Dollar je Unze auf unter 1.200 Dollar gefallen. Das ist ein Kurssturz von 42%. Bei dieser Anlageform von sicher zu sprechen ist schon eine faszinierende Ansichtsweise. Wenn wir am Aktienmarkt einen Crash von 42% gehabt hätten, hätte ich die letzten Wochen nur hier am Schreibtisch gearbeitet. Beim „stabilen“ Gold wird das als Kaufchance gesehen. Vor 2.000 Jahren gab es beim besten Herrenausstattet in Rom für eine Unze Gold eine Tunika. Heute bekommen Sie dafür etwa zwei Herrenanzüge. Das ist so gut wie keine reale Rendite in 2.000 Jahren. Da beteilige ich mich lieber an guten Unternehmensgewinnen.

Noch beliebter als Gold sind in Deutschland Immobilien. Gerade in der Niedrigzinsphase überlegen viele Sparer sich eine Immobilie als Kapitalanlage zuzulegen...

Bei fremdgenutzten Immobilien muss ich mir zunächst immer überlegen was mein Einkaufspreis ist. In guten Lagen haben wir mittlerweile schon eine deutliche Verzerrung nach oben. Das Gewinnvielfache, also das Verhältnis von Kaufpreis und Miete, liegt teilweise schon über 30. Das ist wirklich kritisch. Klar gibt es noch attraktivere Randlagen. Einer aktuellen Studie des IW in Köln zufolge liegen aber 50% der nicht selbst genutzt Immobilien unter Wasser, sprich werfen gar keine Rendite ab.

Dazu fallen in der Regel schon mal 10% Nebenkosten beim Kauf an – deutlich mehr als bei jedem Fonds- oder Aktieninvestment. Selbst wenn eine Rendite übrig bleibt, müssen sie diese auch noch Ärgerbereinigen. Mein Aktienfonds hat mich sonntags noch nie wegen eines Wasserschadens angerufen. Nun kommt auch noch die Mietpreisbremse dazu, sodass sie als Eigentümer teilweise die Miete nicht erhöhen dürfen, selbst wenn sie es kalkulatorisch eigentlich müssten. Eine Immobilie ist nichts grundsätzlich schlechtes, all diese Faktoren sollte man aber vor einem möglichen Immobilienkauf bedenken, denn sie haben maßgeblichen Einfluss auf die zu erwartende Rendite. (mh)

Dies ist der zweite Teil des Interviews mit Hans-Jörg Naumer. Teil 1 finden Sie hier.

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