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3. März 2026
„Wir werden im Maklermarkt unter die Top-10 vorstoßen“
„Wir werden im Maklermarkt unter die Top-10 vorstoßen“

„Wir werden im Maklermarkt unter die Top-10 vorstoßen“

Die Versicherer Helvetia und Baloise sind frisch fusioniert und verfolgen in Deutschland ambitionierte Ziele. Das Unternehmen will im Maklermarkt deutlich an Bedeutung gewinnen, Synergien konsequent heben und zugleich nah am Markt bleiben.

Interview mit Dr. Jürg Schiltknecht, CEO Helvetia Deutschland
Herr Dr. Schiltknecht, die Fusion von Helvetia und Baloise in Deutschland ist ein großer Schritt. Welche Synergien versprechen sich beide Unternehmen von dieser Zusammenführung?

Wir werden in der Tat durch den Zusammenschluss einen bedeutenden Schritt nach vorne machen. In Deutschland werden wir rund 2,7 Mrd. Euro Prämienvolumen sehen, unseren Exklusivvertrieb auf über 700 Vermittler ausbauen und im Maklermarkt unter die Top-10-Versicherer vorstoßen. Es ist eine einzigartige Chance für uns. Dazu werden wir auch die sich bietenden Synergien realisieren. Und Anfang Februar hat die Helvetia Baloise Gruppe den neuen Markenauftritt bekannt geben. In Deutschland tritt das Unternehmen nun als Helvetia Deutschland auf.

Wo sehen Sie Synergien und was bedeutet das für die Einsparung von Ressourcen?

Wir sehen Synergien bei den Sach- und den Personalkosten. Bei den Sachkosten sind es vor allem Doppelspurigkeiten und Standortkosten, und bei den Personalkosten sind es insbesondere Stellen in den Querschnittsfunktionen, wo wir Potenzial haben. Wir sind sehr glücklich darüber, dass wir den Abbau durch ein gesteuertes Freiwilligenprogramm erreichen können und voraussichtlich keine Kündigungen aussprechen müssen.

Wo liegt die jeweilige Stärke von Baloise und Helvetia im Versicherungsvertrieb/Produktportfolio und was lernt der jeweils eine vom anderen?

Wir haben sich sehr gut ergänzende Produktportfolios und sind grundsätzlich in ähnlichen Fokus-Sparten unterwegs. Innerhalb dieser hat jede Gesellschaft ihre Stärken, welche wir gezielt ausspielen werden. Im Leben-Bereich hat Helvetia ein sehr starkes Angebot bei Einmalbeiträgen, gekoppelt mit dem Thema Schenken und Erben, bei Baloise liegen die Stärken vor allem in der Biometrie und bei der fondsgebundenen Lebensversicherung. Im Nichtleben-Bereich überzeugen beide mit attraktiven Produkten. Im Privatkundengeschäft werden vor allem die Baloise Produkte den Vorrang erhalten, weil diese bereits auf unserer neuen IT-Plattform Guidewire implementiert sind. Im Firmenkundengeschäft (FKG) werden wir das Beste aus den zwei Welten kombinieren. Der harmonisierte Verkaufsstart ist für Mai 2026 im Maklermarkt geplant, bei unserem Exklusivvertrieb im Juli 2026.

Auch bei den Vertrieben ergänzen wir uns sehr gut. Im Maklermarkt waren beide schon getrennt stark vertreten, gemeinsam steigen wir zu einem noch relevanteren Maklerversicherer auf. Im Privatkundengeschäft werden wir uns unter den Top-3-Maklerversicherern positionieren, in der Technischen und Transportversicherung als ein Top-10-Maklerversicherer. Auch in Leben werden wir in unseren Fokus-Sparten im Neugeschäft als Top-2-Maklerversicherer in der Biometrie und Top-7-Maklerversicherer in der kapitaleffizienten Altersvorsorge ein wesentlicher Marktteilnehmer sein.

Auch unser Exklusivvertrieb wird sich durch den Zusammenschluss deutlich vergrößern und über 700 Vertriebspartner umfassen.

Mit dieser neu gewonnenen Größe können wir noch viel stärker vor Ort auf den Markt einwirken und unseren Purpose leben: Wir stehen an Ihrer/deiner Seite, wenn es darauf ankommt, heute und morgen. Damit wollen wir ausdrücken, dass wir partnerschaftlich mit unseren Vertriebspartnern stehen, nah am Markt sind, schnell agieren und top Service anbieten. Daran lassen wir uns messen, denn der Zusammenschluss darf uns nicht vom Markt ablenken. Da wollen wir auch weiterhin ganz vorne präsent sein.

Wie sehen die konkreten Ziele des fusionierten Unternehmens für das Jahr 2026 aus? Wann gibt es das erste gemeinsame Produkt?

Wir haben uns fünf Ziele vorgenommen: Wir wollen erstens weiterhin am Markt präsent sein und zufriedene Vertriebspartner haben, zweitens profitables Wachstum in unseren Zielsparten erreichen, drittens als ein Team auf Augenhöhe zusammenwachsen, viertens mit der Zusammenführung von IT-Systemen starten und gleichzeitig stabile und digitale Prozesse beibehalten und fünftens natürlich unsere Synergieziele unter Einhaltung des Integrationskostenbudgets realisieren.

Messgrößen werden wir am Capital Markets Day am 15.04.2026 kommunizieren, und bezüglich Produkte werden wir auf unsere bestehenden Produkte aufsetzen und diese auch schon im Jahr 2026 weiter optimieren.

Was haben Ihre Vertriebspartner in Bezug auf Produktangebot und Service davon? Und welche strategischen Anpassungen im Vertrieb haben Sie vor?

Im Maklermarkt werden wir als ein Team auftreten und ein harmonisiertes, preis- und leistungsstarkes Produktportfolio anbieten. Strategische Anpassungen sind nicht erforderlich, da wir uns optimal ergänzen. Unsere neu entwickelte Fokusstrategie wird ein strategischer Baustein sein. Wir werden in unseren Fokus-Sparten Biometrie und kapitaleffiziente Altersvorsorge weiterhin ein wichtiger Marktteilnehmer sein. Im Nichtleben-Bereich liegt der Fokus im Privatkundengeschäft auf Sach privat inkl. Haftpflicht, Unfall und Kfz; im FKG auf Sach, Haftpflicht, Technischer Versicherung und Transport.

Wir geben Klarheit zu unserer Zeichnungspolitik. Hierzu gehört selbstverständlich auch ein schneller Service im Kundenmanagement und in der Auszahlungsabwicklung, was von der Anbahnung bis zur Bestandspflege für den Vertriebspartner und sein Unternehmen ein schnelleres und damit kosteneffizienteres Handling bedeutet. Durch den Zusammenschluss können wir zudem Synergien in den Strukturen und in der Fachexpertise heben.

Für die Makler ergeben sich daraus die Chancen, noch mehr potenzielle Lösungen für ihre Kunden im Koffer zu haben, neue Kunden aus neuen Zielgruppen zu gewinnen und im Rahmen einer lebensbegleitenden Beratung Cross-Selling zu betreiben und die Kunden stärker an sich zu binden.

Wird die Fusion Auswirkungen auf die Preisgestaltung oder die Geschäftsbedingungen der angebotenen Produkte haben?

Wir werden die Produkte harmonisieren, um keine doppelten Angebote im Markt zu haben. Ansonsten sehen wir keine Auswirkungen auf die angebotenen Produkte.

Welche langfristigen Effekte erwarten Sie für Ihre Kunden durch die Zusammenführung der beiden Marken?

Wir sind für unsere Kunden über unsere Makler und Vertriebspartner im Markt. Wir wollen, dass unsere Kunden weiterhin diese gute Beziehung zu unseren Vertriebspartnern halten. Durch die Zusammenführung beider Marken wollen wir weiterhin unsere Reputation als finanziell starker Versicherer aufrechterhalten, der bei Kunden durch attraktive Produkte und mit top Service punktet.

Wie wird Helvetia Deutschland sicherstellen, dass die Fusion nicht zu Verunsicherungen bei den Maklern und Kunden führt, sondern Vertrauen schafft?

Wir werden das Vertrauen bei unseren Kunden und Maklern behalten, weil wir weiterhin am Markt präsent sein werden. Es ist unser erklärtes Ziel, dass unsere Kunden und Makler keine Veränderung durch die Zusammenführung spüren werden. Wir wollen uns nicht mit uns selbst, sondern mit dem Markt beschäftigen. Bisher scheint uns das nach Rückmeldungen von Maklern ganz gut gelungen zu sein.

Die Integration von Mitarbeitenden und gebundenem Vertrieb ist der nächste große Schritt. Welche Maßnahmen werden ergriffen, um diese Prozesse reibungslos zu gestalten?

Kultur ist ein zentrales Thema, das uns 2026 und in Zukunft begleitet. Wir wollen unsere Werte Drive, Closeness und Trust gemeinsam leben. Der Start der kulturellen Integration scheint geglückt zu sein. Wir kommen aus zwei ähnlichen Unternehmen, beide mit einer Schweizer Konzernmutter und einem vergleichbaren Werte-Set. Da geht eine solche Integration sicherlich einfacher. Trotzdem braucht es Zeit, bis eine vertrauensvolle Zusammenarbeit vollständig umgesetzt ist. Wir sind aber sehr optimistisch, dass dies schneller geschehen wird, als wir alle denken. Das Mitarbeiterfest im Mai in Frankfurt wird sicher auch einen positiven Anteil dazu beitragen. Außerdem führen wir ein von Mitarbeitenden organisiertes Veränderungsprogramm ein.

Im gebundenen Vertrieb wollen wir auf Kontinuität setzen. Im ersten Jahr werden alle Ansprechpartner für unsere Vertriebspartner gleich bleiben. Wir wollen den Fokus auf die Integration der Produkte und der neuen IT-Systeme legen. Trotzdem werden wir gemeinsame Formate anbieten, um uns gegenseitig kennenzulernen. Einen ersten großen Aufschlag werden wir bei der Jahresauftaktveranstaltung Anfang März haben. Wir freuen uns alle bereits darauf.

Inwieweit unterscheiden sich die Unternehmenskulturen der beiden Unternehmen, und wie werden diese Unterschiede in den Integrationsprozess eingebunden?

Wir sehen in der Tat mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Es gab Untersuchungen, in der beide Unternehmen getrennt nach ihren Werten gefragt wurden. Der uns begleitende Dienstleister hat uns zurückgespiegelt, noch nie in seiner langjährigen Tätigkeit eine solch hohe Überschneidung bei Werten gesehen zu haben. Persönlich überrascht mich dies nicht. Aus meiner nun doch schon mehrere Monate dauernden Erfahrung aus der Integration bin ich selber immer wieder erstaunt, wie ähnlich wir uns sind. Trotzdem werden wir Werte-Workshops und auch Strategie-Workshops anbieten. Es ist uns wichtig, unseren Mitarbeitenden gerade in Zeiten von so starken Veränderungen klare Orientierung zu geben.

Welche Rolle spielt die IT bei diesem Zusammenschluss?

IT kommt eine zentrale Rolle zu. Wir werden so schnell als möglich versuchen, die Systemlandschaft zu harmonisieren. Wir haben bereits unsere IT-Ziellandschaft definiert. Die Definition ist leider das Einfachere, der Weg dahin wird uns noch etwas an Kraft kosten. Guidewire im Nichtleben-Bereich ist gesetzt, und im Leben-Umfeld werden wir gemeinsam ein neues Kernsystem auswählen und einführen. Das sind beides keine kleinen Projekte, sie werden uns noch Jahre beschäftigen. Gleichzeitig beobachten und experimentieren wir weiterhin mit KI und sind zuversichtlich, hier sinnvolle Lösungen zu finden, mit welchen wir den IT-Zusammenschluss beschleunigen oder vereinfachen können.

Wie wird sich die technologische Infrastruktur nach der Fusion verändern? Werden neue Systeme eingeführt oder bestehende zusammengelegt?

Wir haben für jeden Bereich (Domäne) immer ein Zielsystem definiert, in welches wir hineinmigrieren. Bei NL ist dies Guidewire und alle Umsysteme von Guidewire werden automatisch auch unsere Ziel-Umsysteme bleiben, weil wir diese nicht nochmals neu anbinden wollen.

Die Infrastruktur ist bereits zu großen Teilen zentralisiert, allerdings haben wir noch ein Datacenter vor Ort. Dieses werden wir aber so rasch als möglich auch in die vom Konzern zentral zur Verfügung gestellte Infrastruktur einbringen können.

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