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22. Juni 2026
Braucht es noch die klassischen Maklerportale der Versicherer?
Braucht es noch die klassischen Maklerportale der Versicherer?

Braucht es noch die klassischen Maklerportale der Versicherer?

Hermann Hübner befasst sich aktuell mit KI-basierten Lösungen und deren praxisnaher Integration in die Prozesse von Maklern und Versicherern. In diesem Zusammenhang stellt er die Frage, ob der Maklermarkt im Jahr 2026 überhaupt noch die Maklerportale der Versicherer benötigt.

Ein Artikel von Hermann Hübner, vormals Vorstandsvorsitzender der VEMA. Er widmet sich seit 2026 bei versicherungsmarkt.de neuen, zukunftsorien­tierten Geschäftsfeldern.

Seit vielen Jahren investieren Versicherer erhebliche Res­sourcen in ihre Maklerportale. Parallel dazu haben sich Makler­plattformen, Vergleichsrechner und Maklerverwaltungsprogramme stark weiterent­wickelt. Vor diesem Hintergrund stellt sich berechtigterweise die Frage: Braucht es im Jahr 2026 überhaupt noch klassische Maklerportale der Versicherer – und wenn ja, welche Erwartungen haben Versicherungsmakler heute an diese Systeme?

Idealvorstellung versus Realität

Ein Großteil der Versicherer setzt seit Jahren auf BiPRO-Prozesse, insbesondere auf die Normen der Reihen 420 ff. für Tarifierung, Angebot und Antrag, 430 ff. für Datenübermittlung sowie 500 ff. für Bestands- und Schadenservices. Die Idealvorstellung ist bekannt: Alle Versicherer stellen strukturierte Daten bereit, alle Makler konsumieren diese über Pools, Plattformen oder direkt im Makler­verwaltungsprogramm. In dieser Logik übernehmen Maklerportale vor allem eine technische Vermittlungs- und Servicefunktion. Die Realität ist jedoch differenzierter. Die Dokumentenbereitstellung funktioniert grundsätzlich. Gleichzeitig bleiben relevante Lücken bestehen, die im Makleralltag regelmäßig zu Medienbrüchen, Rückfragen und manuellen Nacharbeiten führen. Der praktische Nutzen im Makleralltag ist also begrenzt, sobald es über klar strukturierte Standardfälle hinausgeht. Genau dort beginnt das eigentliche Problem. Denn Makler arbeiten nicht nur in einfachen Antragsstrecken. Sie arbeiten im Bestand, bei Vertragsänderungen, in Schadenfällen, bei Deckungsfragen, bei Ausschlüssen, bei Tarifwechseln und bei historisch gewachsenen Vertragskonstellationen. In diesen Situationen reichen stan­dardisierte Prozesse häufig nicht aus. Es fehlen entweder Informationen, struk­turierte Antworten oder direkt anschlussfähige Folgeprozesse.

Viele Versicherer setzen – spartenübergreifend – weiterhin auf eigene Tarif und Abschlussstrecken, insbesondere bei Vertragsänderungen. Gerade im laufenden Bestand lassen sich diese Prozesse häufig weder vollständig noch wirtschaftlich über Vergleichsrechner oder standardisierte Webservices abbilden. Vertragsänderungen stellen damit unab­hängig von Haupt-, Neben- oder Spezialsparten einen zentralen Engpass dar. Hinzu kommt, dass bei der Dokumentenlieferung nicht selten Vertragsbedingungen fehlen oder konkrete Makleranfragen nur unzureichend strukturiert beantwortet werden – etwa bei Vorschadenauskünften oder bei Tarifwechseln mit individuellen Vor- und Nachteilen.

Warum Versicherer ihre Maklerportale neu denken müssen

Genau hier können Maklerportale der Versicherer echten Mehrwert bieten, insbesondere dann, wenn sie sich konsequent an den Arbeitspro­zessen von Versicherungsmaklern orientieren und nicht nur als technische Abschluss- oder Serviceoberfläche verstanden werden. Ihr Potenzial liegt zu­nehmend in der intelligenten Unterstützung fachlicher Entscheidungen, der strukturierten Beantwortung komplexer Fragen und der gezielten Steuerung von Folgeprozessen.

Künstliche Intelligenz kann dann den entscheidenden Unterschied machen. Nicht als Selbstzweck und nicht als dekorative Chatfunktion, sondern als fachlich eingebettete Entscheidungshilfe. Der relevante Einsatzbereich von KI liegt dort, wo Regelwerke zu starr sind, Anfragen zu individuell werden und die Suche nach der richtigen Antwort Zeit, Erfahrung und Systemzugriff erfordert.

Ein modernes Maklerportal könnte in solchen Fällen deutlich mehr leisten: Es könnte eine konkrete Maklerfrage im Kontext eines bestehenden Vertrags analysieren, die relevanten Bedingungen einbeziehen, mögliche Handlungsschritte aufzeigen und Folgeprozesse direkt anstoßen. Aus einer fachlichen Klärung würde dann ohne Medienbruch ein operativer Vorgang.

Für Versicherer bedeutet dieser Ansatz eine spürbare Entlastung der Fachabteilungen, weniger manuelle Rückfragen und eine deutlich höhere Dunkelverarbeitung. Gleichzeitig steigt die Qualität der Schadensteuerung, da Entscheidungen auf Basis vollständiger Vertrags- und Bedingungsdaten getroffen werden. Maklerportale entwickeln sich damit vom reinen Zugangskanal zu einem aktiven Bestandteil der operativen Wertschöpfung und Kundenbindung.

Beispiel: Unterstützung bei Fachfragen

Besonders deutlich wird das bei fachlich anspruchsvollen Einzelfragen. Ein mögliches Szenario: Der Makler öffnet aus seinem Verwaltungssystem mit einem Klick den korrespondierenden Vertrag im Maklerportal des Versicherers. Er stellt eine konkrete Fachfrage zur Deckung. Die KI analysiert Vertragsdaten und Bedingungen, liefert eine belastbare Antwort und leitet – bei entsprechendem Schadenumfang – automatisch die nächsten Schritte ein. Der Schaden wird angelegt, ein Sachverständiger beauftragt, der Kunde zeitnah kontaktiert.

Der künftige Wert eines Maklerportals wird sich nicht daran entscheiden, wie viele Menüpunkte es enthält oder wie modern seine Benutzeroberfläche wirkt. Auch der Verweis auf Dokumente ersetzt keine belastbare Einordnung. Entschei­dend ist, ob es konkrete fachliche und prozessuale Probleme schneller, sauberer und verlässlicher löst als die heute üblichen Wege über E-Mail, Telefon, PDF-Dokumente oder manuelle Rückfragen.

Voraussetzungen

Damit solche Szenarien Realität werden, braucht es mehrere Voraussetzungen. Zentrale Bedeutung hat die nahtlose, berechtigungsgesteuerte Navigation aus Maklerprogrammen in die Maklerportale der Versicherer. Ein Maklerportal entfaltet seinen Nutzen nicht dadurch, dass Makler es zusätzlich aufsuchen müssen. Es wird dann relevant, wenn es sich aus dem Maklerverwaltungsprogramm, aus Plattformprozessen oder aus konkreten Geschäftsvorfällen heraus nahtlos nutzen lässt. Der Mehrwert entsteht im Arbeitsfluss, nicht daneben. Für Pools und Vertriebe ist entscheidend, dass Vermittler ausschließlich Zugriff auf ihre vermittelten Verträge erhalten – ohne Einsicht in fremde Bestände oder Provisionsdaten. Gleichzeitig müssen fachliche Dialoge revisionssicher dokumentiert und den jeweiligen Verträgen zugeordnet werden können.

Die eigentliche Frage: Welche Rolle sollen Portale spielen?

Die strategische Frage für Versicherer lautet daher nicht, ob sie 2026 noch ein Maklerportal brauchen. Sie lautet, welche Rolle dieses Portal künftig spielen soll. Wer es als digitale Nebenstelle für Standardservices begreift, wird seine Relevanz weiter sinken sehen. Wer es dagegen zu einem fachlich intelligenten und prozessnahen Knotenpunkt entwickelt, kann daraus einen echten Wettbewerbsvorteil machen.

Eine KI-Lösung muss Zugriff auf alle relevanten Vertrags-, Schaden- und Dokumentendaten inklusive Be­dingungen erhalten. Angestoßene Prozesse – etwa Vertragsänderungen oder Schadenmeldungen – müssen automatisiert oder nach fachlicher Freigabe im Bestandssystem verarbeitet werden können. Voraussetzung dafür sind jedoch saubere Datenhaltung sowie klare Berechtigungs- und Governance-Konzepte – denn KI ersetzt keine fehlenden Grundlagen, sondern verstärkt deren Qualität.

Spannend wird sein, ob Versicherer diesen Weg aktiv gestalten oder ihn primär Maklerplattformen überlassen. Wahrscheinlich ist ein hybrides Modell: KI-Lösungen der Versicherer und der Plattformen, die sich sinnvoll ergänzen. Entscheidend ist, dass die Systeme miteinander kommunizieren können.

Die Zukunft liegt in vernetzten KI-Agenten entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Der Makler formuliert ein Anliegen – und im Hintergrund greifen Maklerverwaltung, Plattformen, Vergleicher und Versicherer nahtlos ineinander. Nicht als Vision, sondern als logische nächste Entwicklungsstufe der Zusammenarbeit.

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Ein Artikel von
Hermann Hübner