Ein Artikel von Peter Pillath, Director Cyber bei Howden Deutschland und hendricks GmbH
Die Medien berichten über große Cybervorfälle, die für Unternehmen zu Millionenverlusten oder gar in die Insolvenz führen. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) warnt vor einer hohen Gefährdungslage, Studien sprechen von einem jährlichen wirtschaftlichen Schaden in dreistelliger Milliardenhöhe. Wie passt dieses Bild zu den sinkenden Preisen in der Cyberversicherung, die wir derzeit im Renewal- und Neugeschäft registrieren?
Der Cyberversicherungsmarkt hat seine eigene Dynamik
Eine Dynamik wie im Bereich Cyber hat der deutsche Versicherungsmarkt selten erlebt: Nach zögerlichem Beginn in den Anfangsjahren wurden hohe Kapazitäten zu niedrigen Prämien angeboten, darauf folgte ein unprofitables Jahr 2021 und ein verhärteter Markt mit reduzierten Kapazitäten und erhöhten IT-Security-Anforderungen. Während sich einzelne Teilnehmer aus dem Cyberversicherungsmarkt zurückgezogen haben, sind gleichzeitig neue Anbieter hinzugekommen. Inzwischen kämpfen langjährige Marktteilnehmer, Assekuradeure und neue Risikoträger um Marktanteile.
Unterm Strich befand sich der Cyberversicherungsmarkt 2025 in einer Phase der Konsolidierung und Professionalisierung: Aus den Jahren des schnellen Wachstums mit teils schmerzhaften Erfahrungen haben die Anbieter ihre Lehren gezogen. Das Produkt „Cyber“ wurde weiterentwickelt – mit klareren Bedingungen, risikogerechteren Preisen und stärkerer Verzahnung von Versicherung und Prävention. Die Maßnahmen aus dem Vorjahr und ein vergleichsweise schadenarmes Frühjahr haben in Kombination mit erweiterten Kapazitäten zwischenzeitlich zu einem weichen Markt geführt, den nun eine neue Schadenwelle trifft.
Vorgabe von Mindestanforderungen schützt Unternehmen
Bereits wenige IT-Security-Maßnahmen erhöhen die Resilienz gegenüber Cyberattacken erheblich und haben sich als Mindestanforderungen im deutschen Cybermarkt etabliert. Dazu gehören etwa Multi-Faktor-Authentifizierung, Awareness-Schulungen, Patchmanagement, Endpoint-Detection-and-Response-Lösungen, regelmäßige Backups und ein Notfallplan. Als Resultat sind versicherte Unternehmen trotz des starken Anstiegs erfolgreicher Cyberangriffe in Deutschland, der in einem wirtschaftlichen Schaden von fast 300 Mrd. Euro resultiert, vergleichsweise besser geschützt und seltener von Cyberschäden betroffen als der Durchschnitt der deutschen Wirtschaft.
Wie Erwartungen und Wettbewerb die Preise beeinflussen
Cyber ist ein Wachstumsversprechen für die Versicherungsbranche. Der amerikanische Cyberversicherungsmarkt zeigte in den letzten Jahren ein hohes Wachstum, welches sich zwischenzeitlich abschwächt. Bei gleicher Marktdurchdringung in Deutschland, verglichen mit den USA, ergäbe sich in Deutschland eine Verdoppelung des Prämienvolumens. Dies macht den Markteintritt für US-Assekuradeure in Deutschland attraktiv. Zugleich möchten europäische Assekuradeure und Risikoträger den neuen Marktteilnehmern nicht das Feld überlassen – dies führt zu einem hohen Wettbewerb, insbesondere bei der Zielgruppe von Unternehmen mit einem Jahresumsatz bis 500 Mio. Euro. Dieser Wettbewerb, gepaart mit dem Versprechen niedrigerer Schadenquoten durch neue Ansätze in Risikobewertung und Schadenhandling, führt zu einem Preiskampf.
Dem wachsenden Angebot an Versicherungskapazitäten stehen Unternehmen gegenüber, welche sich in einer herausfordernden Situation in Deutschland befinden: Neue Investitionen, insbesondere in sekundären Bereichen, werden verstärkt hinterfragt. Eine neue Versicherung zu kaufen oder bestehende Deckungssummen zu erhöhen passt nur schwer ins wirtschaftliche Bild. Die Nachfrage nach Versicherungsschutz entspricht bei Weitem nicht dem wirklichen Bedarf – dies zeigen aktuelle große Schadenfälle wie etwa Marks & Spencer oder Jaguar LandRover deutlich, welche sich vom dreistelligen Millionenbereich bis hin zu über 1 Mrd. Euro bewegen.
Unzureichende Nachfrage und sinkende Preise führen letztlich dazu, dass die Versicherer ihre hochgesteckten Ziele nicht erreichen. Als Reaktion werden die Preise weiter gesenkt, um zum Jahresende neue Kunden zu gewinnen – eine schwierige Entwicklung für die Stabilität des Cyberversicherungsmarkts.
Was das Jahr 2026 bringen wird
In den USA sprechen erste Marktteilnehmer bereits von geringerem Wachstum und negativen Einschätzungen bei der Profitabilität. Risikoträger hoffen auf einen sich verhärtenden Markt. Auch in Deutschland verzeichnen wir eine erhöhte Schadenfrequenz und höhere Schadenzahlungen. Der Cyberversicherungsmarkt wächst aufgrund der sinkenden Prämien nicht adäquat, um den steigenden Schadenaufwand zu kompensieren. Noch sind der Wachstumsdruck und die Wettbewerbssituation zu intensiv, um Prämienerhöhungen durchzusetzen. Klar ist jedoch, dass alle Marktteilnehmer an einem nachhaltigen Versicherungsmarkt für Cyberrisiken interessiert sind. Ein Einbruch der Kapazitäten wie in den Jahren 2021 bis 2023 hätte katastrophalen Einfluss auf die Relevanz der Cyberversicherung.
Positiv ist, dass Cyberrisiken inzwischen offen adressiert werden und zahlreiche Initiativen – von verbesserten Sicherheitsstandards bis hin zu staatlichen Cyberabwehrkonzepten – in Gang gesetzt wurden. Deutschland befindet sich auf dem Weg zu mehr Cyberresilienz, doch es gilt, nicht nachzulassen. Die Schadenentwicklung in der Cyberversicherung macht deutlich, dass Prävention nicht länger optional ist, sondern integraler Bestandteil jedes Cyberversicherungskonzepts sein muss. Um adäquaten Cyberversicherungsschutz zu erlangen, wird eine Verbesserung des IT-Reifegrads immer wichtiger. Ganzheitliche Ansätze von Prävention, technischen und organisatorischen Maßnahmen, Risikotransfer und koordiniertes Vorgehen im Schadenfall sind wichtig für Versicherer, Vermittler und Kunden. IT-Security ist Chefsache und vor dem Hintergrund der regulatorischen Entwicklungen mit NIS2 und Co. werden wir auch ein spannendes Zusammenspiel von D&O- und Cyberversicherung erleben.
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