Ein Meinungsbeitrag von Deniz Kuyubasi, Gewerkschaftssekretärin in der Bundesfachgruppe Versicherungen bei der Gewerkschaft ver.di
Das Ehegattensplitting gilt seit Jahrzehnten als fester Bestandteil des deutschen Steuersystems. Doch aus gewerkschaftlicher Sicht ist klar: Dieses Modell ist schon längst nicht mehr zeitgemäß. Es verfestigt soziale Ungleichheiten, benachteiligt insbesondere Frauen und setzt falsche Anreize auf dem Arbeitsmarkt.
Geringere Anreize für Zweitverdienende
Zwar wird das Splitting oft als Instrument der Familienförderung dargestellt, tatsächlich profitieren aber vor allem (Ehe-)Paare, auch kinderlose, mit großen Einkommensunterschieden. Häufig gibt es den Allein- oder Hauptverdiener, meist sind dies Männer. Das Splitting führt dazu, dass Zweitverdienende – meist Frauen – deutlich geringere Anreize haben, ihre Erwerbstätigkeit auszuweiten. Das Ergebnis: geringere Einkommen, schlechtere Aufstiegschancen und langfristig niedrigere Renten.
Fachkräftemangel wird verschärft
Aus gewerkschaftlicher und auch aus gesellschaftlicher Perspektive ist das ein massives Problem. Eine Perspektive auf gute Arbeit, faire Löhne und eigenständige Existenzsicherung muss es für alle geben – unabhängig vom Familienstand. Das Ehegattensplitting hingegen belohnt ein überholtes Rollenmodell, ignoriert die Lebenswirklichkeit moderner Familien und wirkt gleichstellungspolitisch kontraproduktiv. Es zementiert die ungleiche Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit zulasten der Frauen und trägt dazu bei, dass sie häufiger in Teilzeit oder Minijobs verbleiben. Auch arbeitsmarktpolitisch ist das höchst unklug, weil gut ausgebildete Frauen von anspruchsvollen Tätigkeiten ferngehalten werden, wenn es sich finanziell nicht lohnt. So verschärft man den Fachkräftemangel per System.
Starke Schultern werden entlastet ...
Hinzu kommt: Das Splitting ist sozial ungerecht. Haushalte mit hohen Einkommen profitieren überproportional, während Familien mit geringem Einkommen kaum Vorteile haben. Ehegattensplitting wirkt also steuertechnisch degressiv: Starke Schultern werden entlastet. Öffentliche Mittel in Milliardenhöhe gehen verloren. Gerade in Zeiten knapper Kassen ist es jedoch entscheidend, staatliche Förderung dort einzusetzen, wo Menschen darauf angewiesen sind – etwa beim Ausbau von Kinderbetreuung, Bildung und sozialer Infrastruktur.
Risiken bei Minijobs, Trennung oder Altersarmut
Auch Risiken im Lebensverlauf werden durch das Splitting verschärft. Trennungen oder Phasen der Erwerbslosigkeit treffen insbesondere diejenigen hart, die zuvor zugunsten der Familie oder der günstigeren Besteuerung beruflich zurückgesteckt haben. Risiken bei Minijobs, Trennung oder Altersarmut tragen dann nur die einen – wiederum meist die Frauen. Statt einer eigenständigen Existenzsicherung werden individuelle Abhängigkeiten gefördert, deren Folgen sich schnell rächen können.
Was braucht es stattdessen?
Gewerkschaften fordern eine Reform hin zu einer individuellen Besteuerung, mit übertragbaren Grundfreibeträgen als hinreichendem steuerlichem Vorteil. Ergänzt werden muss dies durch gezielte Familienförderung, die tatsächlich bei Kindern ankommt. Entscheidend ist: Förderung darf nicht am Trauschein hängen, sondern muss sich an den realen Lebensbedingungen orientieren.
Das Ehegattensplitting steht sinnbildlich für ein Steuersystem, das gesellschaftliche Veränderungen zu lange ignoriert hat. Eine moderne Arbeitswelt braucht moderne Rahmenbedingungen – fair, geschlechtergerecht und zukunftsfähig.
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