Interview mit Nicholas Cheron, Geschäftsführer des Anbieters digitaler Softwarelösungen Propstack
Herr Cheron, das erste Halbjahr 2026 liegt hinter uns. Was hat sich aus Ihrer Sicht im Immobilienmaklergeschäft besonders verändert?
Der Kaufmarkt ist wieder aktiver geworden, aber er bleibt anspruchsvoll. Nach einem verhaltenen Jahresstart hat die Nachfrage zum Ende des zweiten Quartals wieder angezogen. Auch das Volumen privater Baufinanzierungen deutet auf mehr Bewegung im Markt hin. Die Marktaktivität, gemessen an dem Volumen privater Baufinanzierungen, ist ebenfalls hoch. Für Immobilienmakler heißt das: Es ist Bewegung im Markt. Gleichzeitig ist das Angebot groß. Viele Kaufinteressierte prüfen daher genauer und vergleichen stärker. Eigentümer wiederum erwarten eine realistische Einschätzung und eine professionelle Vermarktung. Es reicht heute nicht mehr, ein Objekt aufzunehmen, ein Exposé zu erstellen und auf Rückmeldungen zu warten. Erfolgreiche Immobilienmaklerunternehmen arbeiten deutlich strukturierter: Sie führen Daten, Dokumente, Vermarktungsunterlagen und Kommunikation in durchgängigen Prozessen zusammen. Wer schneller auskunftsfähig ist und professioneller kommuniziert, schafft Vertrauen und verschafft sich einen echten Wettbewerbsvorteil.
Die Europäische Zentralbank hat im Juni 2026 erstmals seit 2023 wieder die Leitzinsen erhöht. Wie wirkt sich das auf den Immobilienvertrieb aus?
Die Zinserhöhung kann sich auch auf Baufinanzierungen auswirken. Wenn Finanzierungen teurer werden, kalkulieren Käufer neu. Einige Entscheidungen dauern dann länger oder werden verschoben. Für Immobilienmaklerunternehmen heißt das: Beratung und Einordnung werden wichtiger. Käufer brauchen belastbare Informationen. Verkäufer brauchen eine realistische Einordnung, was ihr Objekt im aktuellen Umfeld leisten kann. Wenn Finanzierung schwieriger wird, muss der Vermarktungsprozess umso sauberer sein.
Was bedeutet dieses Marktumfeld konkret für die Qualität der Immobilienvermarktung?
Der Anspruch steigt. Käufer wollen vollständige Unterlagen, verständliche Informationen und eine fundierte Einordnung. Verkäufer erwarten, dass ihr Objekt professionell präsentiert wird und der Prozess nachvollziehbar läuft. Das betrifft viele kleine Schritte: Objektaufnahme, Dokumente, Bilder, Exposé, Rückfragen, Freigaben, Portalvermarktung und Eigentümerkommunikation. Wenn an einer Stelle Informationen fehlen oder Medien nicht vorbereitet sind, verzögert sich der ganze Prozess.
Deshalb wird Prozessqualität zunehmend zum Wettbewerbsfaktor im Immobilienmaklergeschäft. Wer Informationen strukturiert erfasst, Medien schneller vermarktungsfähig macht und jederzeit auf vollständige Objektdaten zugreifen kann, gewinnt Zeit für das, was Immobilienmakler am wertvollsten macht: Beratung, Verhandlung und Kundenbeziehungen.
Wo verlieren Immobilienmaklerteams im Alltag am meisten Zeit?
Nicht an der einen großen Aufgabe, sondern an vielen kleinen Übergaben. Nach dem Objekttermin müssen Notizen übertragen werden. Bilder müssen sortiert, benannt und für Exposé oder Portale vorbereitet werden. Unterlagen müssen abgelegt und später wiedergefunden werden. Dazu kommen Abstimmungen im Team, Freigaben und Rückfragen. Das klingt unspektakulär, kostet aber im Tagesgeschäft viel Zeit.
Welche Rolle spielt ein CRM heute im Immobilienmaklergeschäft? Geht es noch um Kontaktverwaltung?
Kontaktverwaltung ist nur noch ein Teil davon. Ein modernes Immobilien-CRM entwickelt sich vom Verwaltungssystem zur operativen Plattform des Immobilienmaklergeschäfts. Dort laufen nicht nur Kontakte zusammen, sondern auch Objekte, Aufgaben, Dokumente, Vermarktungsaktivitäten und Kommunikation. Ziel ist nicht die Digitalisierung einzelner Arbeitsschritte, sondern ein durchgängiger Vermarktungsprozess ohne Medienbrüche.
Wo sehen Sie aktuell die größten Entlastungen durch digitale Services und KI für Immobilienmakler?
Der größte Nutzen entsteht, wenn KI eng in die täglichen Arbeitsabläufe integriert ist und dort unterstützt, wo heute noch manuelle Nacharbeit entsteht. Dann wird aus einzelnen KI-Funktionen ein echter Produktivitätsgewinn für das gesamte Team.
Besonders geeignet sind wiederkehrende Aufgaben, die gut prüfbar sind. Ein Beispiel ist die Objektaufnahme: Wenn Immobilienmakler Objektdetails vor Ort einfach ins Smartphone einsprechen und diese Informationen anschließend strukturiert im CRM landen, spart das Nacharbeit. Ein zweiter Bereich sind Medien. Bilder und Videos müssen erstellt, sortiert, betitelt und für verschiedene Kanäle aufbereitet werden. KI kann dabei helfen, schneller von Rohmaterial zu vermarktungsfähigen Inhalten zu kommen. Ein dritter Bereich sind Dokumente: Energieausweise, Flurpläne, Grundbuchauszüge und andere Objektunterlagen müssen auffindbar sein. Wenn Dokumente erkannt und passenden Kategorien zugeordnet werden, wird die Objektakte deutlich besser nutzbar. Der eigentliche Mehrwert entsteht dabei nicht durch einzelne KI-Funktionen, sondern dadurch, dass Informationen automatisch weiterverarbeitet werden und nicht mehrfach erfasst, gesucht oder übertragen werden müssen.
Wo gibt es Ihrer Ansicht nach bei KI noch Luft nach oben?
Viele Unternehmen setzen KI heute noch punktuell ein. Ein Tool erzeugt einen Text, ein anderes bearbeitet ein Bild, ein drittes analysiert ein Dokument. Dadurch entstehen zwar einzelne Effizienzgewinne, aber oft keine spürbare Veränderung im Gesamtprozess. Das größte Potenzial liegt darin, KI direkt in bestehende Arbeitsabläufe einzubinden und Informationen systemübergreifend nutzbar zu machen.
Entscheidet künftig der Vorsprung bei KI über die Wettbewerbsfähigkeit im Immobilienvertrieb?
Nicht die KI an sich entscheidet, sondern der Umgang damit. Ein Immobilienmaklerunternehmen wird nicht besser, nur weil es möglichst viele KI-Tools nutzt. Entscheidend ist, ob die Technologie wirklich Arbeit aus dem Prozess nimmt und die Qualität verbessert. Wettbewerbsfähig sind künftig die Unternehmen, die Wissen, Daten und Prozesse konsequent in einer zentralen Arbeitsumgebung bündeln. Wer schneller auskunftsfähig ist, weniger Zeit mit Nacharbeit verliert und Informationen jederzeit verfügbar hat, kann Kunden besser beraten und Vermarktungsprozesse deutlich effizienter steuern.
Welche Rolle spielen Kontrolle und Verantwortung beim Einsatz von KI?
Eine sehr große. Bei der Immobilienvermarktung geht es um Vermögenswerte, sensible Daten und Vertrauen. Objektangaben, Bilder, Dokumente und Veröffentlichungen müssen stimmen. KI kann vorbereiten, strukturieren und Vorschläge machen. Die fachliche Verantwortung bleibt aber beim Immobilienmaklerteam. Deshalb sollte KI nicht als Vollautomatisierung verstanden werden. Der bessere Ansatz ist: KI unterstützt prüfbare Arbeitsschritte. Menschen prüfen, entscheiden und geben frei. Dafür sollten Immobilienmaklerteams klare Regeln definieren, vor allem für Objektangaben, Bildbearbeitung, Dokumente und Veröffentlichungen.
Was erwarten Sie für die kommenden Monate bei KI und Digitalisierung im Immobilienmaklergeschäft?
Die Diskussion rund um KI wird sachlicher werden. Der erste Hype um KI war stark von einzelnen Effekten geprägt: ein schneller Text, ein bearbeitetes Bild, ein automatisch erzeugtes Video. Jetzt fragen Unternehmen stärker: Was bringt uns das im echten Arbeitsalltag? Der Fokus verschiebt sich auf Prozesse. Wie wird aus einem Objekttermin schneller ein sauber angelegtes Objekt? Wie werden Bilder schneller vermarktungsfähig? Wie bleibt die Objektakte vollständig und auffindbar? Wie lassen sich Übergaben im Team reduzieren? Genau dort wird sich KI im Immobilienmaklergeschäft beweisen müssen. Nicht durch große Versprechen, sondern durch spürbare Verbesserungen im Arbeitsalltag. Die erfolgreichsten Immobilienmaklerunternehmen werden diejenigen sein, die Informationen, Prozesse und Vermarktung intelligent miteinander verbinden. KI wird dabei nicht den Immobilienmakler ersetzen, sondern ihm helfen, schneller, strukturierter und kundenorientierter zu arbeiten.
Über Propstack
Die Propstack GmbH ist ein Anbieter digitaler Softwarelösungen für die Immobilienwirtschaft und Teil der Scout24 SE. Mit einer cloudbasierten CRM-Plattform ermöglicht Propstack Immobilienmaklern und Immobilienunternehmen die digitale Vermarktung, Verwaltung und Organisation ihrer Geschäftsprozesse. Das Unternehmen vereint über 40 Jahre Marktkompetenz mit innovativer Technologie und entwickelt mit PropstackAI Lösungen für Immobilienprofis auf Basis agentischer KI. Mehr Informationen gibt es unter propstack.de.
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Porträtfoto: © Propstack
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