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23. Oktober 2020
Lebensversicherer ächzen unter steigender Garantielast
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Lebensversicherer ächzen unter steigender Garantielast

Die Garantieanforderungen der deutschen Lebensversicherer haben 2019 um rund 12% zugenommen. Dies geht aus einer Analyse von Policen Direkt hervor. Fast die Hälfte der Unternehmen hat unverändert wenig Spielraum. 24 der 82 Gesellschaften konnten die gesetzliche Reserven nicht primär bedienen.

Der Zweitmarktanbieter Policen Direkt hat die aktuell veröffentlichten Zahlen zur Mindestzuführungsverordnung (MindZV) von 2019 ausgewertet. Seit 2015 müssen sämtliche Lebensversicherer diese Pflichtangaben bis spätestens Ende September des Folgejahres vorlegen. Der Analyse zufolge ist die Garantielast der 82 deutschen Lebensversicherer 2019 gegenüber dem Vorjahr um 12,3% gestiegen. Diese Garantieanforderungen erfüllt die Branche stabil. Der Blick auf einzelne Unternehmen verdeutlicht jedoch den geringen Puffer, und das schon vor der Corona-Krise.

Finanzstärke stabil

Die relevante Finanzstärke als Quote aus den Kapitalerträgen im Verhältnis zu den Aufwendungen für den Rechnungszins liegt im Marktschnitt mit 114,41% auf dem Niveau des Vorjahres (114,03%). Aufgrund der Erhöhung des Rechnungszinses, in dem sich die Garantieanforderungen einschließlich der Aufwendungen für die Zinszusatzreserve widerspiegeln, mussten die betroffenen Lebensversicherer dafür die Erträge aus den Kapitalanlagen erhöhen. Im Jahr davor war eine Reform der Zinszusatzreserve erfolgt und die Garantieanforderungen sanken um 24%.

Fast die Hälfte erfüllt Garantieanforderungen nur knapp

„Beim Blick auf die einzelnen Unternehmen zeigt sich, dass fast die Hälfte der Unternehmen auf Sicht fährt. Sie erfüllen die Anforderungen nur äußerst knapp“, sagt Henning Kühl, Chefaktuar von Policen Direkt und Versicherungsmathematiker (DAV). „Die Branche hat bereits im Vorfeld der Covid-19-Krise um Stabilität gekämpft.“

Bei 24 der 82 Unternehmen sind die 2019 erwirtschafteten Erträge aus der Kapitalanlage nicht hoch genug, um die Garantieverpflichtungen zu erfüllen und die gesetzlich vorgeschriebene Reserve zu bedienen. Im Jahr 2018 waren dies noch 30 Unternehmen. Laut Analyse sind dies nicht automatisch dieselben Gesellschaften, bei denen die Finanzstärke unter 100% liegt. Diese müssen dann auf Erträge aus Risiko und Verwaltung zurückgreifen.

„Auf den ersten Blick ist das eine Verbesserung im Vergleich zum Vorjahr und damit eine gute Nachricht“, so Kühl. „Die Spielräume sind allerdings unverändert eng geblieben.“ Bei insgesamt 40 Versicherern (2018: 41) liegt diese Kennzahl bei maximal 105%.

Sicherung der Garantien durch Quersubventionierung

Als weitere Kennzahl gibt die Gesamtertragsstärke im Vergleich mit der Finanzstärke an, in welchem Maß eine Quersubventionierung erfolgt. Wegen der niedrigen Kapitalmarktzinsen werden die Garantien durch Risikogewinne gesichert. Auch Biometrie-Versicherer fahren tendenziell geringere Kapitalerträge und dafür höhere Risikogewinne ein. Die Gesamtertragsstärke berücksichtigt sämtliche Erträge in der Rechnung und beträgt branchenweit 140,07% (2018: 141,75%).

Einem Versicherer gelingt es wie schon im Vorjahr auch mit Verwaltungs- und Risikogewinnen nicht, die Anforderungen zu erfüllen. Die Gesamtertragsstärke bleibt hier unter der 100%-Marke, was ein Anzeichen dafür ist, dass das betroffene Unternehmen noch mehr als andere von der Substanz zehrt.

Konsolidierung auf Produktebene

Policen Direkt sieht weitere Indizien dafür, dass die Branche stabilisierende Maßnahmen auf der Agenda hat. So sei vor allem auf der Produktebene eine Konsolidierung zu beobachten, daneben auch einzelne Unternehmenszusammenschlüsse. Traditionelle Garantien sind kaum noch von Bedeutung. Die klassische Brutto-Beitragsgarantie falle auf breiter Front, so Kühl.

Übertragen Lebensversicherer das Risiko damit auf ihre Kunden, wirkt das positiv auf die Krisenfestigkeit der Unternehmen; angesichts des anhaltenden Niedrigzinses womöglich auch aus Kundensicht im Hinblick auf eine künftig weiter auskömmliche und finanzierbare Altersvorsorge.

Zeitgemäße Garantiemodelle unumgänglich, aber erklärungsbedürftig

Aufgrund der Solvenzvorschriften müssen Lebenversicherer darlegen, dass sie langfristig imstande sind, die garantierten Leistungen zu erfüllen. „Zeitgemäße Garantiemodelle sind gerade angesichts der niedrigen Zinsen mitunter unumgänglich, in jedem Fall aber erklärungsbedürftig. Für die Kunden bleiben sichere Werte und transparente Informationen zur Vertragsentwicklung entscheidend bei der privaten Altersvorsorge,“ betont Kühl. (tk)

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