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28. Juli 2020
Prämieneinbruch, Bestandsabrieb – Die Assekuranz in schwierigem Fahrwasser
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Prämieneinbruch, Bestandsabrieb – Die Assekuranz in schwierigem Fahrwasser

Infolge der Corona-Krise rechnen die Managementberater von EY Innovalue für die Versicherungswirtschaft mit deutlichen Markteinbußen – im Bereich Komposit wie auch in der Lebens- und Krankenversicherung. Für die Vermittlerschaft ist von einer verstärkten Konsolidierung auszugehen. Jetzt trenne sich die Spreu vom Weizen, heißt es in der Studie. 

Unter den wirtschaftlichen Folgen der Covid-19-Pandemie leidet auch die Versicherungswirtschaft. Privat- wie auch Firmenkunden sind verunsichert, was zu einer Zurückhaltung im Neugeschäft führt. Und die Kontakt- und Mobilitätsbeschränkungen haben dem Vertrieb zugesetzt. Infolge der Corona-Krise rechnen die Managementberater von EY Innovalue mit deutlichen Markteinbußen in allen Sparten, und zwar sowohl im Bereich Komposit wie auch in der Lebens- und Krankenversicherung. Im Rahmen einer Studie hat EY Innovalue anhand von zwei Szenarien die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Assekuranz modelliert und Handlungsempfehlungen für Versicherer und Vertriebe abgeleitet. Grundlage ist die erwartete Branchen- und BIP-Entwicklung ohne Einfluss von Covid-19.

 

Prämieneinbruch, Bestandsabrieb – Die Assekuranz im Würgegriff von Corona

 

Eine Erholung zeigen die Szenarien erst ab 2022/23. Die veränderten Marktbedingungen würden vor allem ineffziente Geschäfts- und Prozessmodelle unter Druck setzen. „Jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen“, erklärt die Studienautorin Julia Palte, Partner bei EY Innovalue.

Bestandsabrieb im Bereich Komposit

Im Privatkundengeschäft der Kompositsparte erwarten die Experten von EY Innovalue einen Rückgang des Bestands von 2 bis 3%, betroffen sind insbesondere die Sparten Kfz und Unfall. Den generellen Wachstumstrend kann die Corona-Krise nicht aufhalten, wird ihn aber zeitlich verschieben. Ursachen hierfür sind verstärkte Preisvergleiche, gesunkene Kfz-Zulassungszahlen sowie ein Nachfragerückgang bzw. Storni in „verzichtbaren“ Sparten.

Stärkere Auswirkungen im Firmenkundengeschäft

Deutlichere Spuren könnte die Corona-Pandemie im Firmenkundengeschäft hinterlassen mit einem Rückgang von 4 bis 6%. Kommt es im Jahr 2021 nicht zu weiteren Shutdowns, könnte das bisherige Geschäftsniveau ab dem Jahr 2025 wieder erreicht oder sogar übertroffen werden. Die Einflussfaktoren seien hier differenziert zu betrachten, so die Experten.

Neben einem kleiner werdenden Markt aufgrund weniger Neugründungen und einer steigenden Zahl von Insolvenzen dürften Branchen wie etwa Gastronomie und Tourismus zusätzlich durch Prämienrückgänge bei umsatzabhängigen Policen betroffen sein. Ganz allgemein seien die Branchen Luftfahrt, Automotive und Tourismus nachhaltiger geschädigt als zum Beispiel Medizintechnik, IT oder Telekommunikation. Mittelfristig erwarten die Studienautoren einen härter werdenden Markt, insbesondere in der Kredit- und Kautionsversicherung.

Einbruch des Leben-Neugeschäfts, Biometrie mit mittelfristigen Zugewinnen

In der Lebensversicherung rechnet EY Innovalue mit einem Rückgang des Neugeschäfts von 23 bis 27%, wobei es vor allem das Einmalgeschäft treffen wird. Noch drastischer könnten die Rückgänge in der betrieblichen Altersversorgung (bAV) ausfallen, da derzeit das Neugeschäft teilweise komplett eingestellt ist und in der privaten Altersvorsorge die anhaltende Unsicherheit die Abschlussbereitschaft hemmt. Hinzu kommen Beitragsfreistellungen und Storni. In der Biometrie dagegen dürfte es zu einer Seitwärtsbewegung kommen und auf mittlere Sicht ist von Zugewinnen wegen des höheren Risikobewusstseins auszugehen.

Einbußen auch für die PKV

Das Neugeschäft in der privaten Krankenversicherung, und zwar insbesondere in der Vollversicherung, könnte im laufenden Jahr um 22% bis 29% einbrechen. Und bis 2025 wird die PKV das Niveau vor der Corona-Krise wohl auch nicht wieder erreichen, was vor allem der geringeren Wechselbereitschaft zuzuschreiben ist, der steigenden Zahl von Insolvenzen und weniger Eintritten in die Selbstständigkeit. Auch die eingeschränkten Beratungsmöglichkeiten und ein schnelleres Ausscheiden abschlussorientierter Vermittler dürften sich auf die Entwicklung des Neugeschäfts auswirken.

Rückgang der Makler bis 2025 um bis zu 23%

Auch im Vertrieb sind die Auswirkungen deutlich spürbar. So werden abschlussorientierte Vermittler mit Branchenfokus in Leben und Kranken eher aus dem Markt ausscheiden als Vermittler mit Schwerpunkt in der Sachsparte und höheren laufenden Einnahmen, so die Einschätzung von EY Innovalue.

Den Vertriebskanal über Vermittler als solchen sehen die Experten aber nicht in Gefahr, der Bedeutungsgewinn von Maklern bleibe weiterhin intakt. Doch neben den Folgen der Corona-Krise tragen die zunehmenden regulatorischen Anforderungen und insbesondere die Überalterung zum Vermittlerschwund bei. Vor allem die Einzelkämpfer der Einzel- und kleineren Mittelstandsmakler seien unter Druck. Doch auch bei Pools und Vermittlerorganisationen werde sich der Konsolidierungstrend fortsetzen. Insgesamt rechnen die Experten damit, dass die Zahl der eingetragenen Makler bis 2025 um 18 bis 23% schrumpfen wird.

Ein Drittel weniger gebundene Vermittler?

Bei den gebundenen Vermittlern könnte es sogar einen Rückgang von 30 bis 34% geben. „Ausschließlichkeitsagenten sind zwar kurzfristig durch die Unterstützung der Versicherer gut gewappnet, gleichwohl bleibt der Trend zum Ausscheiden älterer Vermittler oder von Vermittlern mit hohem Leben-/Kranken-Fokus bestehen. Dies gilt insbesondere, wenn die Vermittler die digitalen Möglichkeiten der Kundeninteraktion nicht nutzen“, unterstreicht Tobias Schulz, Director bei EY Innovalue.

Versicherer brauchen Transparenz über Marktentwicklung

„Die Versicherer sollten sich Transparenz über die Marktentwicklung verschaffen und Szenarien erstellen, die auf dem eigenen Portfolio basieren“, so das Resümee von Studienautorin Palte. Ziel sei es, die Auswirkungen auf die Vermittler zu verstehen und Maßnahmen zur Neugeschäfts- und Bestandssicherung abzuleiten. Zudem gelte es für die Versicherer zu überprüfen, welche Risiken sie bereit sind, in ihr Portfolio zu nehmen.

Strategien überdenken

Ihre mittel- bis langfristigen Strategien hinsichtlich der Zusammensetzung des Portfolios, aber auch in Sachen Digitalisierung sollten die Gesellschaften überarbeiten. Die Risikoprofile der Kundenzielgruppen müssten neu bewertet und gegebenenfalls neue Produkte und Services entwickelt werden. (tk)

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