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6. August 2026
Run-offs in der Lebensversicherung: Das Altersvorsorgedepot als Treiber?
Run-Offs in der Lebensversicherung: Das Altersvorsorgedepot als Treiber?

Run-offs in der Lebensversicherung: Das Altersvorsorgedepot als Treiber?

Das Altersvorsorgedepot verändert die Spielregeln in der privaten Altersvorsorge. Für Lebensversicherer stellt sich damit nicht nur die Frage nach neuen Produkten, sondern auch nach der Zukunft ihrer Altbestände. Experten erwarten Bewegung im Markt, aber auch eine neue Run-off-Welle?

Die Reform der privaten Altersvorsorge dürfte den Lebensversicherungsmarkt in den kommenden Jahren deutlich verändern. Während die Lebensversicherer bereits an neuen Produkten für das Altersvorsorgedepot arbeiten, stellt sich zugleich die Frage nach dem Umgang mit den bestehenden Beständen. Denn die Unternehmen müssen nicht nur das Neugeschäft vorantreiben, sondern gleichzeitig ihre Altbestände effizient verwalten. Könnte die Reform daher auch Einfluss darauf haben, ob Versicherer künftig häufiger interne oder externe Run-offs durchführen?

Run-off als strategische Entscheidung

Ein Run-off werde im Zuge der Reform zu einer von mehreren strategischen Optionen, erklärt Stefan Heyers, Head of Insurance bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Dies gelte insbesondere für isolierte oder kostenintensive Portfolios, etwa im Riester-Geschäft oder bei klassischen Lebensversicherungen. „Die Reform macht Run-off zwar nicht für die meisten zur favorisierten Option, aber für viele Bestände zu einer zunehmend rationalen strategischen Option“, so Heyers.

Ähnlich bewertet Lars Heermann, Lebensversicherungsexperte der Ratingagentur Assekurata, die Entwicklung. „Die Reform ist kein unmittelbarer Run-off-Auslöser. Sie wird aber die strategischen Überlegungen der Häuser zur grundsätzlichen Aufstellung ihres Altersvorsorgegeschäfts beschleunigen.“ Wahrscheinlicher als eine Welle externer Run-offs sei zunächst ein verstärktes internes Bestandsmanagement. Anbieter könnten Tarife schließen und Altbestände kontrolliert auslaufen lassen, um Kapital, IT-Kapazitäten und Vertrieb auf neue Vorsorgelösungen zu konzentrieren. Heermann erklärt: „Externe Run-offs bleiben möglich, dürften aber eher eine nachgelagerte Option sein. Die verbesserte Solvenzlage, steigende ZZR-Rückflüsse und höhere Neuanlagerenditen nehmen vielen Häusern den akuten Verkaufsdruck. Damit erhöht die Reform den Druck zur strategischen Neupositionierung, erzwingt alleine aber keine Run-off-Welle.“

Warum interne Lösungen zunächst überwiegen dürften

Run-offs werden dabei von den Experten zunächst als unternehmerische Strategie verstanden – nicht als Qualitätsurteil über einen Versicherungsbestand. „Der oft kritische mediale Blick auf Run-offs wird der tatsächlichen Marktrealität vieler effizient gemanagter Bestände nur bedingt gerecht“, sagt Stefan Heyers. Spezialisierte Run-off-Plattformen erzielten heute häufig deutliche Skaleneffekte und könnten Bestände fokussierter steuern als breit aufgestellte Versicherungsgruppen. In vielen Fällen erhielten Altbestände dadurch sogar mehr Aufmerksamkeit als in einem Konzern, für den dieses Geschäft strategisch nicht mehr im Fokus stehe, so Heyers.

Wo spezialisierte Run-off-Anbieter eine Rolle spielen können

Auch Dr. Tilo Dresig, CEO der Viridium Gruppe, erwartet durch die Reform Bewegung im Markt. Viridium ist auf die Übernahme und Verwaltung von Lebensversicherungsbeständen spezialisiert und zählt damit zu den Anbietern im Segment des externen Run-offs. Dresig geht davon aus, dass die Reform die Dynamik im Markt spürbar erhöhen wird. „Viele Lebensversicherer müssen sich für Wachstum im Neugeschäft neu aufstellen. Und gleichzeitig müssen sie die schon bestehenden Altbestände managen. Hier besteht viel Verbesserungspotenzial“, sagt Dresig.

Aus seiner Sicht kann die Übertragung von Beständen an einen spezialisierten Run-off-Anbieter den Versicherern dabei helfen, Kapital sowie Managementkapazitäten freizusetzen und sich stärker auf das Neugeschäft zu konzentrieren. Zugleich könnten die übernommenen Bestände professionell weiterentwickelt und die Verträge für die Versicherten messbar attraktiver gestaltet werden. Der Verkauf von Altbeständen sei damit nicht nur eine operative Entlastung, so Dresig, sondern könne auch ein strategischer Baustein sein, um sich für das künftige Altersvorsorgegeschäft besser aufzustellen.

Warum Versicherer reagieren (müssen)

Doch welche Versicherer dürften von dieser Entwicklung besonders betroffen sein? Nach Einschätzung von Stefan Heyers könnten vor allem kleinere und mittlere Anbieter unter Druck geraten. Grundsätzlich gelte dies aber für alle Gesellschaften mit geschlossenen klassischen Beständen, hohen Fixkosten oder umfangreichen Transformationsprojekten – etwa im IT-Bereich. Auch Versicherer, die sich strategisch stärker auf wachstumsstarke Geschäftsfelder wie Fondspolicen oder biometrische Risiken konzentrieren wollen, würden häufiger eine Trennung von Altbeständen prüfen.

Mehr Bewegung im Markt

Bei Viridium wird die Fragmentierung des deutschen Lebensversicherungsmarktes als zentrales strukturelles Problem angesehen. „Nur die fünf größten Lebensversicherer haben jeweils mehr als 5% Marktanteil – und Viridium ist einer davon“, erklärt CEO Dr. Tilo Dresig. Mehr als zwei Drittel der rund 80 Lebensversicherer in Deutschland kämen dagegen jeweils auf weniger als 1% Marktanteil. Das führe zu hohen, wenig flexiblen Kostenstrukturen und liege letztlich nicht im Interesse der Kunden.

Vor diesem Hintergrund rechnet Dresig mit einer weiteren Konsolidierung des Marktes. „Entsprechend sehen wir viele M&A-Dialoge. Das Momentum ist sehr gut. Viridium führt aktuell eine Reihe an relevanten Gesprächen mit verschiedenen Marktteilnehmern zu möglichen Transaktionen. Wir sehen mehr Interesse an unserem Geschäftsmodell als jemals zuvor.“

Mehr Wettbewerb durch neue Vorsorgeprodukte

Fest steht: Die Reform der privaten Altersvorsorge dürfte die Wettbewerbslandschaft der Lebensversicherer nachhaltig verändern. Lars Heermann von der Assekurata sieht die Branche vor allem vor der Herausforderung, sich in einem deutlich breiteren Wettbewerbsumfeld zu behaupten. Denn Kosten, Transparenz, digitale Abschlussfähigkeit und einfache Verständlichkeit würden stärker in den Fokus rücken.

Für Heermann liegt deshalb eine zentrale Aufgabe der Branche darin, den eigenen Mehrwert gegenüber neuen Wettbewerbern klarer herauszustellen. „Die Herausforderungen liegen darin, dass die Mehrwerte von Lebensversicherungen künftig stärker erklärt und preislich gerechtfertigt werden müssen. Ein Versicherer wird beispielsweise nicht die Kostenstruktur eines Neobrokers abbilden können. Umso mehr muss er zeigen, welche Vorteile er den Kunden bieten kann, beispielsweise mit Blick auf Langlebigkeitsschutz, Risikoausgleich, planbare und justierbare Rentenphase sowie persönliche Beratung.“

Beides im Fokus: Neukunden und Bestände

Es bleibt also festzuhalten, dass die Altersvorsorgereform nicht nur die Produktlandschaft der Lebensversicherer, sondern auch die Beratung verändern werden. Zudem werden auch strategische Fragen rund um Bestände weiter in den Mittelpunkt rücken. Während einige Anbieter ihre Altbestände intern weiterführen und optimieren werden, könnten andere den Verkauf an spezialisierte Run-off-Anbieter als Möglichkeit nutzen, Kapital und Ressourcen für das zukünftige Vorsorgegeschäft freizusetzen. (bh)

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