Wie der aktuelle „World Property & Casualty Insurance Report 2026“ des Capgemini Research Institute zeigt, setzt einer von zehn Versicherern künstliche Intelligenz (KI) erfolgreich ein, wohingegen andere darum ringen, nennenswerte Vorteile daraus zu ziehen. Laut Bericht erklärt sich die KI-Kluft teilweise dadurch, dass 42% der Versicherer keine KI-Kennzahlen erfassen. Ohne zu messen und zu validieren, was funktioniere, verharren 60% der Versicherer in der Erkundungs- oder Proof-of-Concept-Phase, wie es im Bericht heißt.
„Die Versicherungsbranche steht vor ihrem Moment der Wahrheit: Die Vorreiter liefern den Beweis dafür, dass sich KI zu einem echten Wettbewerbsvorteil entwickelt, der sich direkt auf das Geschäftsergebnis auswirkt. Voraussetzung dafür ist, dass Versicherer sie von Anfang an in ihre Geschäftsstrategie einbetten“, erklärt Dr. Joachim Rawolle, Leiter Versicherungen bei Capgemini in Deutschland. „Während viele Versicherer noch mit den üblichen technischen und kulturellen Hürden kämpfen, sind die Vorteile inzwischen glasklar. Durch die Stärkung der Datengrundlagen, klare Zuständigkeiten und Investitionen in Mitarbeiter und Governance können Versicherer über Pilotprojekte hinausgehen. Der Fokus liegt nun auf organisatorischer Disziplin, um die Wirkung von KI im gesamten Unternehmen nachhaltig sicherzustellen.“
KI-Vorreiter erzielen höheres Umsatzwachstum
Laut der Studie geht nur bei einer kleinen Gruppe, die als KI-Vorreiter gilt, der Einsatz künstlicher Intelligenz über die Anwendung als Werkzeug hinaus. Vielmehr wird die neue Technologie als zentrale operative Kompetenz genutzt. Diese wenigen Schaden- und Unfallversicherer setzen auf eine gleichzeitige Abstimmung zwischen Strategie und Personal, technologischer Grundlage und organisatorischer Umsetzung. Laut Capgemini Research Institute erzielten diese KI-Vorreiter über einen Zeitraum von drei Jahren ein bis zu 21% höheres Umsatzwachstum und verzeichneten einen Anstieg des Aktienkurses um etwa 51%.
Das trennt die Spreu vom Weizen
Der Studie zufolge unterscheiden sich die top 10% der Versicherer in mehreren Punkten vom Rest des Feldes: So investieren sie fast viermal häufiger in Change Management über grundlegende Schulungen hinaus. Zudem haben sie fast dreimal häufiger eine Infrastruktur für erklärbare KI, die unternehmensweit Vertrauen schafft. Schließlich verankern die KI-Vorreiter unter den Gesellschaften fast doppelt so häufig KI direkt in Stellenbeschreibungen, wodurch Verantwortlichkeit geschaffen werde, so die Experten von Capgemini.
Branche hinkt hinterher
Weiter ist die Rede von einem scharfen Kontrast zwischen Vorreitern und der Branche, die mit einem „Architektur-Mismatch“ zu kämpfen habe: Der technologische Fortschritt ist schneller als die Fähigkeit vieler Unternehmen, neue Lösungen wirksam einzubinden. Im Durchschnitt investieren Schaden- und Unfallversicherer 72% ihrer KI-Investitionen in Technologie und Infrastruktur, während nur 28% in Change Management, einschließlich grundlegender Schulungen für Mitarbeiter und Führungskräfte, fließen. Deshalb hätten laut der Studienautoren viele KI-Initiativen Schwierigkeiten, ihr volles Potenzial auszuschöpfen.
Rendite von KI-Investitionen noch weitestgehend unbekannt
Über die Hälfte (55%) der Schaden- und Unfallversicherer stellte fest, dass es keinen klaren ROI für KI-Initiativen gibt. Ebenfalls mehr als jedes zweite Unternehmen gab an, es sei unklar, wer im Unternehmen für KI-Initiativen verantwortlich ist. Infolgedessen liege die Verantwortung oft bei Einzelpersonen oder kleinen Teams, was es unmöglich mache, unternehmensweite Auswirkungen zu messen.
Erfolgsrezept? Mensch und KI im Einklang
Während KI-Vorreiter klare Vorteile einheimsen, hadert die restliche Branche weiterhin mit den Herausforderungen. Fast die Hälfte der Arbeitszeit entfällt auf die teamübergreifende Zusammenarbeit. Die meisten KI-Werkzeuge arbeiten nach wie vor auf der Ebene einzelner Aufgaben. Auch bei der Datenbereitschaft besteht Luft nach oben. Eigenen Angaben zufolge haben lediglich 12% der Versicherer einen sehr hohen Reifegrad, obwohl sie stark auf Daten angewiesen sind, die bisher nur unstrukturiert vorliegen. Außerdem existiert nach wie vor ein Vertrauensdefizit: 43% der Mitarbeiter nennen die Arbeitsplatzsicherheit ihr größtes Anliegen und nur 14% der Beschäftigten haben eine „sehr klare“ Vorstellung davon, wie KI in ihre Arbeit passt, wie es in der Studie weiter heißt.
Laut Capgemini sollte die Führungsspitze die strategische Ausrichtung vorgeben und die Grenzen der Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI definieren. Zudem sollten qualifizierte Mitarbeiter komplexe operative Entscheidungen anhand von Echtzeit-Erkenntnissen treffen und KI-Agenten routinemäßige Aufgaben automatisieren. Orchestrierungsmanager könnten daran arbeiten, die Geschäftsstrategie und KI-Prinzipien so aufeinander abzustimmen, dass sich die Intelligenz in großen Unternehmen skalieren lässt.
Versicherungs-CEOs sehen KI als bedeutendste Technologie für Branche
Wie eine weitere Studie zeigt, halten Führungskräfte der Versicherungsbranche künstliche Intelligenz für die derzeit einflussreichste – und potenziell disruptivste – Technologie. Wie aus dem aktuellen Sollers-Report „Künstliche Intelligenz und der menschliche Faktor“ hervorgeht, schreiben sie der KI eine noch größere Relevanz zu als der Cloud, Kernsystemen und dem Internet der Dinge. Der Bericht beruht auf den Einschätzungen von elf CEOs führender Versicherungsunternehmen aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den USA, Australien, Kanada und Slowenien.
Transformation der Belegschaft als größte Herausforderung
Wie die Interviews mit den Führungskräften zeigen, betonen die CEOs wiederholt, dass KI Empathie, Personalisierung und persönliche Interaktion verbessern und nicht beeinträchtigen sollte.
„Mehrere CEOs sehen in der Transformation der Belegschaft eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahre“, erklärt Marcin Pluta, Präsident und Mitbegründer von Sollers. „Unsere Interviewpartner lehnen die Vorstellung ab, dass KI zwangsläufig Arbeitsplätze zerstört. Stattdessen verschieben sich Rollen hin zu stärker technologischen, analytischen und strategischen Aufgaben.“
Den vollständigen Bericht von Sollers gibt es zum Download auf sollers.com.
Über die Studie von Capgemini
Der Bericht von Capgemini stützt sich auf Daten aus drei Hauptquellen: den 2026 Global Insurance Executive Interviews, den 2026 Global Insurance Employee Surveys und der 2026 Global Voice of the Customer Survey. Im Rahmen dieser Untersuchungen wurden 344 Führungskräfte führender Schaden- und Unfallversicherer, 809 Versicherungsmitarbeiter aus den Bereichen Underwriting, Schadenbearbeitung, Vertrieb und Kundenservice sowie 1.113 Versicherungsnehmer befragt. (tik)
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