Ein Artikel von Adrian Schmidt, Geschäftsführer von KÄPSELE
„Ne, ein Video sende ich nicht zu.“ Ich überlege kurz. Dann lehne ich ihn ab: „Okay, kann ich nachvollziehen, leider kann ich keine Ausnahmen vom Prozess machen. Ohne das Video kann ich dir kein Vorstellungsgespräch anbieten.“
Früher bin ich bei solchen Bewerbern von unserem Standardprozess abgewichen. Denn dem ersten Eindruck nach ist er ein absoluter A-Player: Vorerfahrung in der bAV-Beratung, auch in der Geschäftsführerversorgung, Erfahrung in der Online-Beratung und im Leadgeschäft, nachweislich gute Closing- und geringe Stornoquoten. Absoluter Top-Berater.
Auch der Papst ...
Aber es ist mein Bewerbungsprozess und ich will, dass sich die Bewerber für den Job beweisen. Irgendwo gab es dazu mal den Spruch: „Auch der Papst hat sich an den Prozess zu halten.“
Es gibt also keine Ausnahmen, und wer jetzt schon nicht bereit ist, ein Vorstellungsvideo zuzusenden, ist später auch nicht bereit, sich bedingungslos an alle sonstigen Abläufe und Standards zu halten. Dann gibt es Chaos.
Die Idee hinter dem Bewerbungsvideo ist simpel: Du hältst dich für sehr gut? Beweise es uns. Bist du bereit, dein Ego fallen zu lassen und neue Wege zu gehen?
Wasser predigen und Wein trinken
Und da muss ich mich an der eigenen Nase packen: Ich weiche heute noch viel zu häufig vom Prozess ab. Business-ADHS nennt sich das. Es fällt mir schwer, konstant immer wieder den gleichen Weg zu gehen. Ich hinterfrage: „Ja, aber was wäre, wenn …“ „Vielleicht ist es ja doch nicht der richtige Weg …?“
Hältst du dich selbst bedingungslos an deine Beratungsskripte und Abläufe oder gehst du viel nach Talent? Machst es mal so und mal so? Selbst wenn dein Ergebnis – beispielsweise in der Beratung – dann für dich spricht, ist es weder skalierbar oder auf andere Mitarbeiter übertragbar, noch weißt du, WARUM es funktioniert.
In solch einer Situation denke ich mir: Deine Mitarbeiter würdest du so jedenfalls nicht arbeiten lassen. Warum also tue ich es dann trotzdem immer wieder selbst?
Theorie und Praxis
Ein Beispiel aus der Beratung: Der Kunde ist jetzt noch nicht bereit zu investieren? Egal, ich setze mich trotzdem mit ihm zusammen, er wird es mir sicher danken, dass ich mir die Zeit genommen habe, und in drei bis vier Monaten an mich denken. Dabei gibt es eine EINFACHE Regel: Es wird erst mit dem Kunden gesprochen, wenn er auch investieren kann und will. ZACK. Regel gebrochen.
Beispiel Nr. 2: Ein Bewerber will ein höheres Fixgehalt? Geringere Stunden? Nebenher selbstständig sein? Die Regel sagt nein, aber ZACK. Regel gebrochen.
Hier merke ich, dass ich bestechlich bin. Weil ich nicht genug andere Bewerber oder Kunden habe, um den Prozess bedingungslos durchzuziehen. Ich weiche ab. In der Hoffnung „Das wird schon“. Am Ende hat es sich jedes (!) einzelne (!) Mal (!) gerächt. Es hat mich Zeit gekostet, Nerven und Geld. Und warum? Weil ich bestechlich war. Weil ich nicht genug andere Bewerber, nicht genug qualifizierte Kunden hatte.
Bestechlichkeit ist der Anfang vom Untergang. Der Anfang von „nur diese eine Ausnahme“ und „nur einmal noch“. Der Anfang von Frust, verschwendeter Energie und Zeit. Der einzige Schlüssel, nicht bestechlich zu sein? Optionen schaffen: Mehr tolle Kunden. Mehr top Bewerber. Dann bin ich auf die eine Ausnahme nicht mehr angewiesen.
Mein Fazit
Ein guter Unternehmer ist einer, der immer weitere Optionen in der Hinterhand hat. Der mental NIE, NIEMALS auf die eine Ausnahme angewiesen ist und sich deshalb eisern an seinen Prozess halten kann.
Wenn du dir also schon die Mühe machst (Appell an mich selbst), einen Prozess aufzustellen, klare Kriterien für diesen Prozess zu definieren wie etwa beim Beispiel des Bewerbungsvideos, dann sei eisern genug, diesen Prozess bedingungslos einzuhalten – in dem Wissen: Es lohnt sich.
Denn der Bewerber, der nicht bereit war, ein Vorstellungsvideo zu senden, signalisiert von Anfang an: „Ich bin nicht bereit, mich an deinen Prozess zu halten.“ Und damit ist er ungeeignet.
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