Ein Artikel von Stefanie Symmank, Geschäftsführerin der VFS Personalberatung GmbH
Berufliche Netzwerke sind kein neues Phänomen. Neu ist jedoch, wie bewusst und strategisch sie heute eingesetzt werden. Menschen nutzen Beziehungen seit jeher, um Informationen auszutauschen, Handel zu betreiben, Schutz zu erhalten oder gesellschaftlich und beruflich voranzukommen.
Bereits im Mittelalter schufen Zünfte, Gilden und Berufsverbände Strukturen, über die Wissen weitergegeben und der Zugang zu bestimmten Berufen ermöglicht wurde. Mit der Industrialisierung kamen Gewerkschaften hinzu, später entwickelten sich Alumni-Organisationen an Hochschulen zu wichtigen Plattformen für fachlichen Austausch und berufliche Kontakte.
Mit E-Mail, Internetforen und schließlich den sozialen Medien veränderte sich das Networking grundlegend. Beziehungen ließen sich plötzlich unabhängig von Ort und Zeit aufbauen und über viele Jahre hinweg pflegen. Gleichzeitig gewann ein weiterer Aspekt zunehmend an Bedeutung: die eigene berufliche Sichtbarkeit.
Modernes Networking bedeutet deshalb heute weit mehr als das Sammeln möglichst vieler Kontakte. Erfolgreiche Netzwerke bilden vielmehr ein berufliches Ökosystem. Persönliche Begegnungen und digitale Communitys gehören ebenso dazu wie Mentoring, Wissenstransfer, fachlicher Austausch und nicht zuletzt der Zugang zu Menschen, die neue Perspektiven und Möglichkeiten eröffnen können.
Der Wert eines solchen Netzwerks bemisst sich dabei weniger an seiner Größe als an der Qualität der Beziehungen. Vertrauen, gegenseitige Unterstützung und die Bereitschaft, Wissen und Erfahrungen miteinander zu teilen, machen aus einzelnen Kontakten ein tragfähiges Netzwerk.
Netzwerke – bisher eine Männerdomäne?
In meinen mittlerweile 25 Jahren in der Versicherungswirtschaft habe ich berufliche Netzwerke von Anfang an als wichtigen Bestandteil der Branche wahrgenommen. Viele dieser Strukturen waren allerdings traditionell von Männern initiiert und geprägt. Frauen waren zwar keineswegs grundsätzlich ausgeschlossen, jedoch häufig deutlich weniger präsent.
Männer nutzten diese Netzwerke ganz selbstverständlich zum Austausch von Wissen, zur Entwicklung von Ideen, zur Anbahnung von Kooperationen und damit auch für die eigene berufliche Entwicklung. Kontakte entstanden dabei nicht nur im unmittelbaren Arbeitsumfeld, sondern auch bei Veranstaltungen, Branchentreffen oder in informellen Runden.
Was aus meiner Sicht lange fehlte, war ein vergleichbarer Rahmen, in dem Frauen ihre Themen offen miteinander diskutieren, Erfahrungen teilen und eigene tragfähige Beziehungen aufbauen konnten. Gerade in einer Branche, die über viele Jahre in zahlreichen Bereichen und insbesondere auf Führungsebenen männlich geprägt war, konnten Frauen daher seltener auf gewachsene eigene Netzwerkstrukturen zurückgreifen. Genau hier setzen Frauennetzwerke an. Sie verstehen sich nicht als Gegenmodell zu bestehenden Netzwerken, sondern schaffen zusätzliche Räume für Austausch, gegenseitige Unterstützung und berufliche Entwicklung.
Warum Frauennetzwerke sinnvoll und wichtig sind
Frauennetzwerke erfüllen mehrere Funktionen gleichzeitig. Sie schaffen einen eigenen Rahmen für Austausch und gegenseitige Unterstützung, sind aber zugleich Plattformen für Wissenstransfer, Sichtbarkeit und berufliche Entwicklung. Wer sich aktiv vernetzt, erhält Zugang zu Erfahrungen und Perspektiven, die im eigenen unmittelbaren Arbeitsumfeld möglicherweise nicht vorhanden sind. Herausforderungen müssen nicht immer allein gelöst werden, wenn andere vergleichbare Situationen bereits erlebt haben und bereit sind, ihr Wissen zu teilen. Das kann dabei helfen, schneller Lösungsansätze zu entwickeln und Entscheidungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten.
Hinzu kommt die persönliche Sichtbarkeit. Kompetenzen und Erfahrungen werden über die Grenzen des eigenen Unternehmens oder der eigenen Funktion hinaus wahrgenommen. Aus Kontakten können Empfehlungen, Kooperationen, neue Aufgaben oder andere berufliche Chancen entstehen.
Netzwerke können außerdem den Boden für Patenschaften und Mentoringprogramme bereiten. Sie erleichtern den Austausch mit erfahrenen Führungskräften und Entscheiderinnen und können Zugänge schaffen, die im normalen beruflichen Alltag nicht ohne Weiteres entstehen würden.
Mindestens ebenso wichtig ist ein weiterer Effekt: der gegenseitige Rückhalt. Der Austausch mit anderen Frauen kann dabei unterstützen, die eigenen Kompetenzen realistischer einzuschätzen, die eigene Positionierung zu schärfen und berufliche Interessen selbstbewusster zu vertreten.
Ein Netzwerk allein schafft allerdings noch keinen Mehrwert. Entscheidend ist, was seine Mitglieder daraus machen. Wer ausschließlich Kontakte sammelt, nutzt nur einen kleinen Teil des Potenzials. Tragfähige Netzwerke entstehen dort, wo Menschen bereit sind, nicht nur zu nehmen, sondern auch etwas einzubringen: Erfahrungen, Wissen, Kontakte, Zeit und Unterstützung.
Unterschiede zwischen Frauen- und Männernetzwerken
Die grundlegenden Ziele von Frauen- und Männernetzwerken unterscheiden sich zunächst gar nicht so stark. Beide dienen dazu, Kontakte aufzubauen, Informationen auszutauschen, Wissen weiterzugeben, berufliche Möglichkeiten zu eröffnen und sich gegenseitig zu unterstützen. Unterschiede zeigen sich aus meiner Erfahrung eher darin, wie diese Netzwerke gelebt und welche Themen darin angesprochen werden.
Wie wertvoll ein eigener Rahmen für Frauen sein kann, habe ich selbst 2017 erlebt, als ich das VGA-Netzwerk „Frauen und Führung“ mitgründete. Auffällig war von Beginn an die Offenheit, mit der die Teilnehmerinnen miteinander ins Gespräch kamen. Sie gaben sich gegenseitig Rat, teilten Erfahrungen, Wissen und Kontakte und halfen sich damit ganz konkret bei ihrer persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung.
Bemerkenswert ist für mich insbesondere der offene Umgang mit Herausforderungen und auch mit Misserfolgen. Denn ein gutes Netzwerk lebt nicht allein von Erfolgsgeschichten. Gerade die Bereitschaft, über Schwierigkeiten zu sprechen, Rat anzunehmen und aus den Erfahrungen anderer zu lernen, schafft Vertrauen und einen tatsächlichen Mehrwert für die Beteiligten.
Dabei geht es nicht darum, Frauen- und Männernetzwerke gegeneinanderzustellen. Vielmehr können unterschiedliche Netzwerkformen voneinander profitieren und sich ergänzen. Entscheidend ist letztlich, Räume zu schaffen, in denen ein vertrauensvoller Austausch möglich ist und Menschen bereit sind, ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Kontakte miteinander zu teilen.
Frauennetzwerke der Branche: Besonderheiten und Erfahrungen
Gerade in der Versicherungswirtschaft zeigt sich in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung: Immer mehr Netzwerke von und für Frauen entstehen – und treffen offensichtlich auf einen Bedarf. Als aktive Teilnehmerin verschiedener Netzwerke erlebe ich dabei immer wieder einen offenen, wertschätzenden und unterstützenden Umgang – und zwar über Unternehmens-, Funktions- und Hierarchiegrenzen hinweg.
Ein Beispiel dafür waren für mich die ersten „Live“-Community-Days von FemSurance im September in München. Dort begegneten sich Frauen aus ganz unterschiedlichen beruflichen Bereichen, von denen sich viele zuvor ausschließlich digital oder gar nicht kannten. Das Verbindende war nicht eine identische Position oder ein ähnlicher Karriereweg. Es war vielmehr die Bereitschaft, Wissen und Erfahrungen miteinander zu teilen und sich offen und ehrlich zu begegnen.
Genau darin liegt aus meiner Sicht die besondere Stärke der wachsenden Frauennetzwerke in der Versicherungswirtschaft. Sie bieten nicht nur eine zusätzliche Plattform, sondern schaffen Beziehungen, aus denen Wissen, Unterstützung, Sichtbarkeit und neue Möglichkeiten entstehen können. Gleichzeitig bringen sie Frauen aus unterschiedlichen Unternehmen und Bereichen zusammen, die sich im beruflichen Alltag möglicherweise nie begegnet wären.
Der nächste Schritt sollte deshalb sein, nicht nur einzelne Frauen stärker miteinander zu verbinden, sondern auch die bestehenden Netzwerke untereinander. Wenn Communitys ihre Erfahrungen, Kontakte und Kompetenzen miteinander verknüpfen, kann aus vielen einzelnen Initiativen ein noch wirkungsvolleres Ökosystem entstehen.
Mein Appell an die Frauen in der Versicherungswirtschaft lautet deshalb: Vernetzt euch. Bleibt miteinander im Austausch. Und vernetzt auch eure Netzwerke. Denn der eigentliche Wert eines Netzwerks entsteht nicht durch die Anzahl der Kontakte, sondern durch das, was Menschen miteinander teilen und füreinander möglich machen. Und bei aller beruflichen Relevanz darf ein Aspekt nicht zu kurz kommen: Gute Netzwerke machen einfach auch Spaß.
Mehr Infos zu FemSurance unter news.femsurance.com
Lesen Sie hier weitere Informationen zum Trendmonitor: Sichtbarkeit als Wettbewerbsfaktor
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