Ein Artikel von Jennifer Brockerhoff von Brockerhoff Finanzberatung
Als ich im Sommer 1999 meine Bankausbildung bei der Dresdner Bank antrat, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, das Thema Finanzbildung oder Finanzberatung für Frauen in den Fokus zu stellen. Nicht weil es nicht sinnvoll gewesen wäre, sondern weil ich frisch nach dem Abitur selbst keine Ahnung vom Finanzwesen hatte.
Meine wenigen Kontaktpunkte mit der Bank hinterließen bis dahin immer ein ehrfürchtiges Gefühl für diese heiligen Hallen, wo Frauen vorwiegend an den Auszahlschaltern arbeiteten und die „wichtigen“ Mitarbeiter nach meiner Wahrnehmung immer Männer waren.
Was dieses Bild in der Bankausbildung noch weiter zementierte, war, als mein Mitauszubildender sofort zum Wertpapierberater in der Filiale gesetzt wurde und ich zu den Servicemitarbeiterinnen. Fachlich erlebten wir die gleiche Ausbildung. Behandelt wurden wir dennoch sehr unterschiedlich. Damals sagte ich nichts. Ich dachte: So ist es eben.
Heute, mehr als 25 Jahre später, hat sich unfassbar viel getan. Über FinfluencerInnen und Social-Media-Kanäle ist der Zugang zu einfach erklärtem Finanzwissen omnipräsent. Die Herausforderung besteht mehr darin, seriöse von unseriösen Quellen zu trennen.
Die Ergebnisse können sich laut neuester Veröffentlichung des Deutschen Aktieninstituts sehen lassen: Im Vergleich zu 2024 investieren 24% mehr Frauen in Aktien – das sind über eine Million Frauen!
Was der Bericht jedoch auch aufzeigt:
- Regional wirtschaftlich starke Regionen und Aktienbesitz bedingen sich gegenseitig (Bayern liegt bei 25,5% der Bevölkerung und Sachsen nur bei 12,7%).
- Das monatliche Einkommen spielt eine große Rolle (bei > 4.000 Euro Nettoeinkommen investieren mehr als 47% in Aktien – bei < 2.000 Euro Nettoeinkommen nur 12%).
Finanzbildung allein reicht also nicht. Wer in der Schule ein neues Fach „Finanzkompetenz im Alltag“ lernt, jedoch nach Hause kommt zu der Lebensrealität von unbezahlter Care-Arbeit, Gender Pay Gap, Teilzeitfalle und fehlenden finanziellen Ressourcen, wird sich dem schwer entziehen können.
Nachhaltige Veränderungen in einer Struktur bedürfen auch einer Veränderung der Struktur an sich. Initiativen wie Finanzwende und Tax Me Now geben Lösungsansätze.
Und noch etwas: Während die Zahl der Aktionärinnen stark angestiegen ist, sinkt die Zahl der Vorständinnen. Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend, so sagen Zukunftsforscher. Die Gleichzeitigkeit auszuhalten, ist eine weitere Herausforderung.
Strukturen zu verändern, braucht Zeit. Gesetze, Rentenpunkte für Care-Arbeit – das sind keine Schnelllösungen. Aber es gibt eine Ebene, auf der Veränderung sofort möglich ist: die eigene Finanzbiografie.
Denn selbst wenn sich Strukturen verschieben, laufen innere Überzeugungen nach. Frauen, die gelernt haben, dass Geld nicht ihr Terrain ist, werden nicht automatisch anders handeln, weil ein neues Gesetz gilt oder ein Instagram-Kanal ETFs erklärt. Was fehlt, ist die Überzeugung, dass dieses Thema auch meins ist. Dass meine finanzielle Zukunft nicht Glückssache, sondern Gestaltungssache ist.
Und genau hier liegt die eigentliche Aufgabe von Finanzberatung: nicht nur Produkte erklären, sondern verstehen, warum jemand trotz Finanzwissen nicht handelt. Wer das versteht, berät nicht am Menschen vorbei. Sondern mit ihm.
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