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25. Juli 2026
Wearables: Wann Gesundheitsdaten wirklich Nutzen stiften
Wearables: Wann Gesundheitsdaten wirklich Nutzen stiften

Wearables: Wann Gesundheitsdaten wirklich Nutzen stiften

Wearables versprechen Krankenversicherern Zugang zum Gesundheitsalltag ihrer Versicherten. Ob daraus Prävention mit messbarem Nutzen entsteht, hängt von mehreren Faktoren ab. Für Krankenversicherer entscheidet sich daran, ob digitale Prävention tatsächlich zur Gesundheitsbegleitung im Alltag beiträgt.

Ein Artikel von Susanna Krämer Consultant im Bereich Health Services bei der adesso SE

Die gesetzlichen Krankenversicherer haben im Jahr 2023 rund 630,6 Mio. Euro für Prävention ausgegeben. Hinzu kommen Bonusprogramme, Gesundheits-Apps und Wearables. Auch private Krankenversicherer prüfen, wie digitale Services ihre Rolle vom Kostenerstatter zum Begleiter erweitern können. Für Beratung und Vertrieb wird damit relevant, welche Services Versicherte im Alltag wirklich unterstützen.

Der Nutzen liegt auf der Hand: Wer Risiken früher erkennt, Gesundheitskompetenzen stärkt und chronische Erkrankungen besser begleitet, kann Versorgung verbessern und langfristig Kosten begrenzen. Relevant werden Kennzahlen wie Vorsorgequote, Adhärenz, vermeidbare Komplikationen und Kundenbindung.

Kosten entstehen sofort – Wirkung oft erst später

Gleichzeitig ist der Business Case anspruchsvoll. Präventionsangebote verursachen Kosten für Zuschüsse, Lizenzen, IT-Integration, Datenschutz, Support, Governance und Evaluation. Der Nutzen entsteht häufig erst mittel- bis langfristig, während Investitionen sofort anfallen. Studien zu Wellness-Programmen zeigen: Verhalten kann sich verbessern, kurzfristige Einsparungen sind jedoch nicht automatisch nachweisbar.

Ein Wearable-Zuschuss allein ist daher noch keine Präventionsstrategie. Mehrwert entsteht erst, wenn Datenerhebung, Interpretation, Intervention und Erfolgsmessung zusammenspielen. Einmalige Challenges wie „10.000 Schritte am Tag“ können motivieren, ersetzen aber kein nachhaltiges Konzept. Wer dauerhaft Daten erfassen soll, braucht Geräte und Services, die zum Alltag passen.

Daten allein garantieren noch keine Prävention

Damit Vorsorge wirkt, ist die Interpretation von Daten entscheidend. Ein Schlaf-Score, ein erhöhter Ruhepuls oder eine Gewichtsschwankung stiften erst dann Nutzen, wenn sie verständlich eingeordnet werden. Falsch verstandene Gesundheitsdaten können verunsichern und dazu führen, dass Versicherte Tracking abbrechen.

Ein Blick auf Wearable-Daten zeigt, wie wichtig Kontext ist. Wer Schlaf-, Puls- oder Aktivitätsdaten über Monate auswertet, erhält nicht automatisch belastbare Präventionshinweise. Erst Angaben zu Alter, Gesundheitszielen, Lebensstil, Dia-gnosen oder Gerätewechseln machen die Interpretation sinnvoll. Ein scheinbarer Sprung in der Herzfrequenzvariabilität kann etwa auf einen Trackerwechsel zurückgehen – nicht auf eine physiologische Veränderung.

GenAI: Nicht Diagnose, sondern Orientierung

GenAI kann für die Prävention eine wichtige Rolle spielen – nicht als Diagnoseinstrument, sondern als Orientierungsschicht. Die Technologie übersetzt Messwerte in verständliche Sprache, erklärt Muster und personalisiert Empfehlungen. Daten werden so nicht als abstrakter Score zusammengefasst, sondern als alltagsnaher Hinweis: „Dein Gewicht schwankt im Wochenverlauf. Im Zusammenhang mit Zyklus, Flüssigkeitshaushalt oder Training kann das normal sein.“ So wird digitale Prävention weniger zahlengetrieben und stärker unterstützend.

Gesetzliche Krankenversicherer verfügen über Routinedaten, etwa zu Diagnosen, Arzneimittelverordnungen, Krankenhausaufenthalten oder Vorsorgeleistungen. Diese Daten zeigen vor allem, was im Versorgungssystem bereits passiert ist. Wearables und Gesundheits-Apps ergänzen diese Perspektive um Alltagssignale wie Bewegung, Schlaf, Puls, Gewicht, Blutdruck oder Belastung.

Für personalisierte Prävention braucht es deshalb die Verbindung beider Welten: vorhandene Versorgungsdaten, freiwillig geteilte Gesundheitsdaten und eine klare Einwilligungs- und Governance-Struktur. Für die GKV schafft § 25b SGB V in bestimmten Fällen Möglichkeiten zur datengestützten Erkennung individueller Gesundheitsrisiken. Gleichzeitig gilt: Krankenversicherer haben grundsätzlich keinen freien Zugriff auf Daten der elektronischen Patientenakte. Für private Krankenversicherer gelten andere regulatorische Rahmenbedingungen. Die strategische Frage ist jedoch ähnlich: Wie lassen sich Daten nutzen, ohne Vertrauen zu gefährden?

Kontrolle vs. Prävention

Sinnvoll eingesetzt, können Krankenversicherer Daten zunächst auf Populationsebene nutzen. So lassen sich Versichertengruppen mit erhöhtem Risiko identifizieren, fehlende oder selten wahrgenommene Vorsorgeleistungen sichtbar machen und Chronikerprogramme herausarbeiten, die bislang zu wenig genutzt werden. Welche Versichertengruppen haben erhöhte Risiken? Wo fehlen Vorsorgeuntersuchungen? Welche Chronikerprogramme werden zu wenig genutzt? Auf individueller Ebene können daraus freiwillige, passgenaue Angebote entstehen – etwa Hinweise auf Vorsorge, Bewegungsprogramme, Ernährungsberatung, Stressmanagement oder Blutdruck-Coachings.

Ein Beispiel: Ein Versicherter nutzt ein vernetztes Blutdruckmessgerät und teilt seine Werte freiwillig mit einem Präventionsservice. Statt nur Werte zu speichern, erhält er verständliche Hinweise, Erinnerungen zur ärztlichen Abklärung bei Auffälligkeiten und Zugang zu einem Bewegungs- oder Ernährungsprogramm. Der Versicherer bewertet nicht den Kunden, sondern bietet einen Service zur Risikoreduktion. Darin liegt der Unterschied zwischen Kontrolle und Prävention.

Datenhoheit statt gläserner Versicherter

Der kritische Punkt bleibt Vertrauen. Digitale Prävention darf nicht den Eindruck erzeugen, dass Nicht-Tracking zum Nachteil wird. Versicherte müssen verstehen, welche Daten wofür genutzt werden und welchen Nutzen sie erhalten. Gleichzeitig braucht es klare Grenzen. Je stärker KI-Systeme Gesundheitsdaten interpretieren, desto wichtiger werden Validierung, Transparenz und Verantwortlichkeit. Nutzer müssen erkennen können, ob sie eine allgemeine Orientierung, eine Präventionsempfehlung oder eine medizinisch relevante Entscheidungshilfe erhalten. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, entsteht kein gläserner Kunde, sondern mehr Datenhoheit.

Die Zukunft der Prävention liegt nicht im Sammeln möglichst vieler Gesundheitsdaten. Entscheidend ist, ob aus den richtigen Daten zur richtigen Zeit verständliche, freiwillige und wirksame Services entstehen. Für Krankenversicherer liegt darin die Chance: Prävention wird vom Bonusprogramm zum Gesundheitsservice, dem Versicherte vertrauen.

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Ein Artikel von
Susanna Krämer