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2. Juni 2026
„Beschäftigte sollen sich mit ihrem Arbeitgeber identifizieren“
„Beschäftigte sollen sich mit ihrem Arbeitgeber identifizieren“

„Beschäftigte sollen sich mit ihrem Arbeitgeber identifizieren“

Die bAV-Geschäfte laufen nicht überall schlecht, aber die Unterschiede zwischen den Unternehmen sind groß wie lange nicht. Georg Pamboukis schildert, warum Arbeitgeber gerade jetzt in ihre Belegschaften investieren und wo Versicherer noch flexibler werden müssen.

Interview mit Georg Pamboukis, Geschäftsführer von GPI-Service-Center | bAV-Konzepte GmbH & Co. KG
Herr Pamboukis, wie stark wirkt sich die konjunkturelle Schwäche derzeit auf die bAV und die bKV aus?

Die Schwäche ist klar spürbar. Aber ihre Wirkung hängt stark von der jeweiligen Branche ab. Was derzeit passiert, ist aus meiner Sicht sogar deutlich extremer als bei der Finanzkrise 2008. Wir erleben einen noch nie dagewesenen Spread zwischen Unternehmen, die vor der Schließung stehen, und anderen, die kaum wissen, wohin mit den Aufträgen. Besonders schwierig ist die Lage dort, wo energieintensive Produktion und eine starke Abhängigkeit von der Automobilindustrie zusammenkommen.

… und die positive Seite?

Gleichzeitig gibt es Branchen wie Pharma, Medizintechnik, Gesundheitswesen, IT oder Softwareentwicklung, die sehr gut laufen. Und selbst innerhalb einzelner Branchen gibt es massive Unterschiede. Genau dort, wo Erträge erwirtschaftet werden und Zukunftsperspektiven da sind, wird auch in Mitarbeiter investiert. Diese Unternehmen wollen ein Signal in die Belegschaft senden, gerade weil die Stimmung ja vielerorts eher gedrückt ist. In einer Krise werden „Good News“ von Beschäftigten stärker wahrgenommen und geschätzt.

Das heißt, bei Ihnen laufen die Geschäfte aktuell gut?

Ja. Wir sind aktuell mit diesen Unternehmen, die in ihre Belegschaften investieren, vergleichsweise gut ausgelastet. Darüber hinaus besteht bei Unternehmen mit größeren bAV-Vertragsbeständen immer häufiger der Wunsch nach einer smarten und digitalen Verwaltung.

Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Wir kombinieren die bAV mit weiteren betrieblichen Vorsorgebausteinen, insbesondere der bKV. Die bAV erzeugt am Anfang ein gutes Gefühl, ist im Alltag aber oft nicht ständig präsent. Die bKV hat dagegen einen permanent erlebbaren Mehrwert, auch unterjährig. Das macht sie für Beschäftigte greifbarer. Wenn ein Arbeitgeber sagt: Wir investieren in eure Zukunft, in eure Altersversorgung und in eure Gesundheit, dann ist das ein starkes Zeichen.

Welche Rolle spielt in der betrieblichen Vorsorge mittlerweile der Einkommensschutz?

Eine sehr große. Viele junge Leute interessieren sich stark für Einkommensschutz. Im Einzelgeschäft stoßen sie aber immer häufiger auf eine restriktive Annahmepolitik. Schon geringe Vorerkrankungen führen dazu, dass sie nicht weiterkommen oder hohe Risikozuschläge zahlen müssen. Im betrieblichen Kontext kann man gemeinsam mit Arbeitgebern und Versicherern Rahmenkonzepte bauen. Dann lassen sich zum Beispiel BU-Renten bis 2.000 Euro ohne Gesundheitsprüfung darstellen, wenn eine Dienstobliegenheitserklärung genügt. Für Arbeitgeber ist das hochattraktiv, weil sie ihren Mitarbeitern etwas bieten können, was es am freien Markt so oft nicht gibt.

Wie wird sich die betriebliche Vorsorge darüber hinaus weiterentwickeln?

Pflegerisiken sind aus meiner Sicht der nächste interessante Punkt. Denn ich halte es heute für schwierig, in der betrieblichen Vorsorge neben Biometrie und bKV auch das Thema Pflege nicht mitzudenken. Mit einigen Versicherern arbeiten wir bereits mit einer sogenannten Pflegeoption. Das heißt: Entscheidet sich ein Mitarbeiter später für eine Rentenleistung und wird er nach Renteneintritt zum Pflegefall, dann kann das noch vorhandene Restkapital zur Erhöhung der Rente genutzt werden.

Und die Beratung dazu?

Es findet aus meiner Sicht immer noch zu viel Produktverkauf statt. Die bAV ist aber kein Produkt, sondern ein Buffet an Vorsorgelösungen. Viel wichtiger ist doch die Frage, welche Kernthemen bei den Beschäftigten gelöst werden sollen. Das sind Altersversorgung, Gesundheit und Schutz vor Einkommensverlust. Genau dort muss die Beratung ansetzen. Der Bedarf, der Sinn und der Vorteil müssen erkennbar sein. Deshalb sage ich lieber: mit Strategie und einem konzeptionellen Ansatz Sog erzeugen, statt mit klassischem Produktvertrieb Druck aufzubauen. Das Produkt verkauft sich nicht von selbst. Es muss in einen nachvollziehbaren Zusammenhang gestellt werden.

Wo sehen Sie derzeit die größten Defizite bei den Produktgebern?

Vor allem bei der Flexibilität und beim konzeptionellen Denken. Es wird nach wie vor viel mit Standardprodukten gearbeitet und viel zu wenig strategisch. Ein konkreter Schwachpunkt ist für mich der Berufsunfähigkeitsschutz. Es gibt Versicherer, die nicht einmal eine Beitragsbefreiung ohne Gesundheitsprüfung anbieten. Stattdessen müssen für eine einfache Beitragsbefreiung drei bis fünf Gesundheitsfragen beantwortet werden. Manche Branchen oder gewerbliche Tätigkeiten werden sogar kategorisch abgelehnt oder nur unter engen Quotenbedingungen akzeptiert. Das passt nicht zu einem kollektiven Ansatz. Wenn wir über betriebliche Vorsorge sprechen, dann gehört Einkommensschutz für mich dazu. Da wünsche ich mir von den Versicherern deutlich mehr Offenheit, mehr Flexibilität und einen stärkeren Fokus auf tragfähige Konzepte.

Und wo liegt aus Ihrer Sicht die größte Baustelle im Mittelstand?

Im Mittelstand wird das Thema bAV oft noch immer stiefmütterlich behandelt. Häufig heißt es: Wir haben das schon mal angeboten, aber die Leute wollen es nicht. Wenn man dann genauer hinschaut, stellt man fest, dass oft kaum kommuniziert wurde und das Modell für Beschäftigte nicht attraktiv genug ist. Ein Pflichtzuschuss von 15% reicht vielfach nicht aus. Im Einzelfall wird man einem Mitarbeiter sogar ehrlich sagen müssen, dass sich das für ihn so gar nicht rechnet. Es braucht also echte Matching-Modelle oder klare Arbeitgeberbeiträge, etwa in Form eines Festbetrags oder eines deutlich höheren Zuschusses. Und es braucht viel bessere Kommunikation.

Was heißt bessere Kommunikation konkret?

Es heißt vor allem: weg von der Versichererlogik. Viele Versicherer kommen immer noch mit ihren eigenen Prospekten. Das ist aus meiner Sicht nicht mehr zeitgemäß. Wenn die Firma Meyer heißt, dann muss das eben im „Look and Feel“ von Meyer kommuniziert werden. Dann braucht es einen eigenen Flyer, eine Landingpage und ein Arbeitgeberportal. Die gesamte Kampagne muss auf den Arbeitgeber ausgerichtet sein. Beschäftigte sollen sich mit ihrem Arbeitgeber identifizieren, nicht mit dem Versicherer. Genau dieser Gedanke wird aus meiner Sicht von vielen Produktgebern noch nicht ausreichend gesehen.

Wie bewerten Sie die aktuellen Reformansätze rund um das Betriebsrentenstärkungsgesetz II?

Ich sehe darin ein paar kleine Schritte in die richtige Richtung. Aber das reicht bei Weitem nicht. Besonders kritisch sehe ich das Opting-out. Das ersetzt keine qualifizierte Beratung. Wenn einfach für 30, 40 oder 50 Euro monatlich irgendeine bAV eingerichtet wird, weiß noch lange niemand, welche Förderrahmen bestehen, was zusätzlich möglich wäre oder wie biometrische Risiken mitgedacht werden müssten. Ich halte es für hochproblematisch, wenn Arbeitgeber glauben, sie könnten mit Opting-out einen Haken hinter das Thema setzen. Das ist nicht so. Arbeitnehmer haben einen Anspruch auf qualifizierte Beratung.

Georg Pamboukis ist Keynote Speaker beim Vorsorge Forum 2026 am 11.06.2026 in Köln. Bei der Weiterbildungsveranstaltung wird er erklären, wie ein modernes betriebliches Vorsorgekonzept im Jahr 2026 aussehen kann. Mehr zur Veranstaltung lesen Sie hier: Vorsorge Forum 2026: Orientierung im Vorsorge-Dschungel

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