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„Für die Pflegeversicherung gibt es nur einen Königsweg: mehr private Vorsorge“
07. Mai 2019

„Für die Pflegeversicherung gibt es nur einen Königsweg: mehr private Vorsorge“

Zur künftigen Finanzierung der Pflege kursieren verschiedene Vorschläge in Berlin. Sie reichen von der Verlagerung der Kosten auf den Steuerzahler bis hin zu mehr privater Eigenvorsorge. Mit Einführung der geförderten Pflegezusatzversicherung stiegen die Abschlüsse privater Pflegeversicherungen an, so könnte auch die jetzige Diskussion eine gute Grundlage für das Beratungsgespräch sein. Zu den aktuellen Vorschlägen hat AssCompact nachgefragt bei Dr. Florian Reuther, seit 01.03.2019 Direktor des Verbandes der Privaten Krankenversicherung (PKV).


Zur künftigen Finanzierung der Pflege kursieren verschiedene Vorschläge in Berlin. Sie reichen von der Verlagerung der Kosten auf den Steuerzahler bis hin zu mehr privater Eigenvorsorge. Mit Einführung der geförderten Pflegezusatzversicherung stiegen die Abschlüsse privater Pflegeversicherungen an, so könnte auch die jetzige Diskussion eine gute Grundlage für das Beratungsgespräch sein. Zu den aktuellen Vorschlägen hat AssCompact nachgefragt bei Dr. Florian Reuther, seit 01.03.2019 Direktor des Verbandes der Privaten Krankenversicherung (PKV).


„Für die Pflegeversicherung gibt es nur einen Königsweg: mehr private Vorsorge“
Herr Reuther, die Kosten in der Pflege steigen. Die SPD will die Belastung der Pflegebedürftigen deshalb begrenzen und den Rest über die Steuerzahler finanzieren lassen. Das stößt bei Ihnen auf Kritik?

Ja, und eigentlich sollten solche Pläne bei allen Menschen in Deutschland Kritik auslösen. Der SPD-Vorstoß zur Deckelung der Eigenanteile verschärft nämlich den Generationenkonflikt und stellt gewissermaßen einen Blanko-Scheck zulasten jüngerer Erwerbstätiger sowie unserer Kinder und Enkel aus. Denn durch die demografische Entwicklung wird es immer mehr Ältere geben, die Pflege beanspruchen, und immer weniger erwerbstätige Beitragszahler, die das finanzieren müssen. Die Folge sind steigende Beitragssätze auf Kosten der Jüngeren und steigende Lohnzusatzkosten zu Lasten des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Das ist schon jetzt unausweichlich, also mit den Pflegeleistungen im Status Quo. Der SPD-Plan würde diese Entwicklung aber noch drastisch weiter verschärfen. Dadurch würde die kritische 40%-Obergrenze für die Belastung der Einkommen dauerhaft durchbrochen.

Eine Deckelung der Eigenanteile ist außerdem ein fatales Signal für weniger statt mehr Eigenvorsorge – und sozialpolitisch ungerecht. Denn davon würden auch Gutverdiener profitieren, die sehr gut aus eigener Kraft für die Pflege-Kosten aufkommen bzw. vorsorgen können und dies auch tun.

Gibt es in der Politik andere Vorschläge, die Ihre Zustimmung erhalten?

Um die Pflegeversicherung zukunftsfest zu machen, gibt es nur einen Königsweg: mehr private Vorsorge. Das bedeutet, dass jede Generation für ihre Pflegekosten im Alter selbst anspart. Das hat zum Beispiel die FDP erkannt und sich Anfang dieses Jahres in einem Antrag für den Ausbau der kapitalgedeckten Säule der Pflegefinanzierung ausgesprochen. Diese Idee unterstützen wir natürlich. Die System-Vorteile eines Sicherungsmodells mit Alterungsrückstellungen werden nämlich in der Pflegeversicherung besonders deutlich: Für kaum ein Risiko lässt sich so gut langfristig vorsorgen wie für den Pflegefall, weil er in den meisten Fällen erst in sehr hohem Alter eintritt. Dadurch lassen sich schon ab jungen Jahren die erforderlichen Rückstellungen aufbauen. Das ist nicht nur Theorie: Die Entwicklung der privaten Pflegeversicherung seit ihrer Einführung 1995 zeigt sehr eindrucksvoll, dass die Kapitaldeckung dem Umlageverfahren überlegen ist.

Für die dauerhafte Finanzierbarkeit der Versorgung der Pflegebedürftigen wäre es daher richtig, die kapitalgedeckte Säule weiter auszubauen. Dazu bedarf es gar keiner großen Reformen, die nötigen Instrumente gibt es längst: Jeder Einzelne kann, wenn er möglichst früh damit beginnt, mit einer privaten Zusatzversicherung zu sehr überschaubaren Beiträgen eine Vorsorge für 100% der Kosten im Pflegefall aufbauen. Ziel müsste es deshalb eigentlich sein, möglichst jeden Berufsanfänger für diese preiswerte zusätzliche Vorsorge zu gewinnen.

Privat für den Pflegefall vorsorgen wollen aber nur die Wenigsten. Und höhere Kosten werden sich auch auf die Prämien in der privaten Pflegeversicherung auswirken. Welche Ideen gibt es da aufseiten der PKV-Versicherer?

Wie in der privaten Krankenversicherung zeichnet sich auch der Markt bei privaten Pflegezusatzversicherungen durch gelebten Wettbewerb aus. Ob Pflege-Bahr, ungeförderte Pflegetagegeld-Policen, Pflegekostenversicherungen oder Kombiprodukte aus mehreren dieser Bausteine: Es ist für jeden Bedarf etwas zu finden. Inzwischen bieten die ersten deutschen Unternehmen in Zusammenarbeit mit unseren Mitgliedsunternehmen ihren Mitarbeitern sogar Pflegeversicherungen in Form einer betrieblichen Absicherung an. Insofern bin ich sicher, dass es in Zukunft wie in der Vergangenheit eine Fülle an Ideen aufseiten der PKV-Unternehmen geben wird.

Mit der geförderten Pflege – Pflege-Bahr – hat der Gesetzgeber auch die Versicherer in die Pflicht genommen. Das Modell ist nicht überall auf große Gegenliebe gestoßen. Ist es gescheitert?

Alles andere als das. Allein im vergangenen Jahr hat die Zahl der geförderten Versicherungen nach unseren Erkenntnissen um mehr als 5% zugenommen. Es wäre aber zu kurz betrachtet, wenn man nur die Entwicklung beim Pflege-Bahr ins Auge nimmt. Die Diskussion um die staatliche Förderung von Pflegezusatzversicherungen hat insgesamt zu einer Sensibilisierung der Bevölkerung für die Notwendigkeit privater Eigenvorsorge geführt. Dadurch hat sich die Gesamtzahl der Pflegezusatzversicherungen – also ungeförderte und geförderte zusammengezählt – von 2011 bis 2017 um fast 90% auf 3,6 Millionen erhöht. Seit dem Beginn der Debatte sind somit mehr Pflegezusatzversicherungen abgeschlossen worden als in den 25 Jahren seit Markteinführung der freiwilligen Pflegeversicherung insgesamt. Wie ein Scheitern sieht das für mich nicht aus.

Die aktuelle Pflegediskussion wiegt die Öffentlichkeit allerdings in einer Art Vollkasko-Illusion und gefährdet damit die Einsicht in die notwendige Vorsorge. So unterschätzen zwei Drittel aller Deutschen die Kosten, die sie im Pflegefall selbst zu tragen hätten. Sie wissen nicht, dass ihre Pflegepflichtversicherung als „Teilkasko-Versicherung“ nicht die gesamten Pflegekosten übernimmt. Für den Pflegebedürftigen bleibt ein Eigenanteil, der bei stationärer Pflege schnell über 1.500 Euro im Monat betragen kann. Wer sich und seine Angehörigen vor finanziellen Belastungen im Pflegefall schützen möchte, muss daher privat vorsorgen.

Befürchten Sie Schlimmstes, nachdem der Ruf nach Eingliederung der privaten Pflegeversicherung größer wird – Stichwort Bürgerversicherung in der Pflege?

Der alte Ladenhüter mit dem irreführenden Titel „Bürgerversicherung“ würde das demografische Dilemma der gesetzlichen Pflegeversicherung nur weiter vergrößern. Das Ausgabenproblem bliebe völlig ungelöst – es würde sich nur um die Ausgaben für weitere 9,3 Millionen Versicherte verschärfen, die jetzt noch generationengerecht in der privaten Pflegeversicherung abgesichert sind. Und der SPD-Wunsch nach einem Zugriff auf die Kapitalvorsorge der privaten Pflegeversicherung wäre schon verfassungsrechtlich gar nicht möglich.

Bild: © everythingpossible - stock.adobe.com


Florian Reuther Florian Reuther


Kommentare

von Jan Lanc am 07.05.2019 um 08:48 Uhr
Es wäre wohl wesentlich besser wenn die gesetzliche PV endlich ausreicht damit die private nur gewünschte Mehrleistungen abdeckt. Aber wie bei allen Versicherungen die der Gesetzgeber anbietet sind auch hier die Leistungen mickrig.


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