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DWS: „Riester könnte künftig wieder seine Leistungskraft entfalten“
21. November 2018

DWS: „Riester könnte künftig wieder seine Leistungskraft entfalten“

Die Riester-Rente steht weiter in der Kritik. Vor allem auch, weil Garantien im Niedrigzinsumfeld die Wirkungsweise von Riester bremsen. Die DWS setzt sich deshalb dafür ein, dass die Garantiehöhen gesenkt werden. Sie macht Vorschläge zur Vereinfachung des Zulagensystems und erklärt die Entwicklung im eigenen Haus. Interview mit Frank Breiting, Leiter Altersvorsorgeprodukte bei der DWS.


Die Riester-Rente steht weiter in der Kritik. Vor allem auch, weil Garantien im Niedrigzinsumfeld die Wirkungsweise von Riester bremsen. Die DWS setzt sich deshalb dafür ein, dass die Garantiehöhen gesenkt werden. Sie macht Vorschläge zur Vereinfachung des Zulagensystems und erklärt die Entwicklung im eigenen Haus. Interview mit Frank Breiting, Leiter Altersvorsorgeprodukte bei der DWS.


DWS: „Riester könnte künftig wieder seine Leistungskraft entfalten“
Herr Breiting, wie einfach lässt sich die Frage „Lohnt sich Riester?“ aus Ihrer Sicht beantworten?

Natürlich lohnt sich Riester, allerdings aktuell primär aufgrund der staatlichen Förderung. Je höher die Förderung im Verhältnis zum Eigenbeitrag, desto mehr lohnt sich das Produkt. Ein Geringverdiener kann aus 60 Euro kaum mehr machen, als zum Beispiel eine Grundzulage und zwei Kinderzulagen dafür zu beziehen. Welche andere Anlageform kann aus 60 Euro 800 Euro machen nach einem Jahr? Aber auch Gutverdiener unterschätzen die steuerliche Förderung regelmäßig, weil diese auf dem Girokonto landet und nicht im Vertrag. Auch hier können leicht über 800 Euro jedes Jahr zusammenkommen – Stichwort Zulage plus Günstigerprüfung.

Unser Problem ist, dass man aus diesen 800 Euro über die Jahre einige Tausend Euro machen könnte, wenn wir als Anbieter nicht vom selben Staat, der die Fördergelder bereitstellt, gezwungen würden, eine Garantie abzugeben, die es erfordert, große Teile der Anlagen in sicheren Vehikeln zu parken, die aktuell kaum Ertrag abwerfen. Wenn dieses Problem gelöst würde, könnte Riester wieder seine Leistungskraft entfalten.

Der Verzicht auf eine 100%-ige Garantie bei Riester-Produkten soll es also künftig richten und die Attraktivität der Riester-Rente steigern. Wie könnte das denn aussehen und was würde sich genau ändern?

Die Veränderung selbst wäre ein minimaler Eingriff ins Zertifizierungsgesetz. Wichtig ist aber, dass auch jeder Kunde, der bereits einen Riester-Vertrag hat, wenn er dies wünscht, die bestehende 100%-Garantie auf ein für ihn geeignetes Niveau absenken kann. Wohl gemerkt freiwillig und auf Wunsch des Kunden. Technisch ist das für die Anbieter kein Problem. Die meisten Riester-Anbieter haben schon heute außerhalb der Riester-Palette Produkte mit flexiblen und anpassbaren Garantien. Eine Umstellung auch im Bestand mit Kundenauftrag ist eine Kleinigkeit. Das Absenken der Garantie würde in aller Regel das sofortige Ansteigen der chancenreichen Anlagevehikel bedeuten, also des zweiten und dritten Topfes in einem Hybridprodukt oder des Aktienfonds in einer reinen Fondssparlösung. Bei komplettem Verzicht auf eine Garantie könnte der Kunde sogar völlig frei einen Fonds wählen und wäre sofort zu 100% in diesem Fonds investiert.

Trifft es Investmentgesellschaften härter als Versicherer, die Riester-Garantie zu erzeugen? Müssen sie immer mehr für die Absicherung in sichere, renditeärmere Anlagen umschichten?

Mal so, mal so. Unter dem Strich ist es eine Frage nach Zins und Kosten. Zuallererst benötigen Sie einen positiven Zins, um einen Teil des Geldes in eine chancen-, aber auch risikoreichere Anlage investieren zu können. Den Rest des Geldes benötigen Sie im Zweifel, um mit eben diesem Marktzins die Garantie zu erreichen. Außerdem muss der Anbieter auch noch aus den Beiträgen des Kunden seine eigenen Kosten finanzieren. Der günstige Anbieter mit hohem Zins hat es also per se leicht. Ein teurer Anbieter mit niedrigen Zinsen hat es schwer. Das Kostenniveau ist nicht an eine Branchenzugehörigkeit gekoppelt.

Der Hauptunterschied ergibt sich beim Zins. Während der Versicherer einen fixen Garantiezins hat für die gesamte Laufzeit eines Vertrages, greift eine Fondsgesellschaft auf den Marktzins zurück durch den Kauf entsprechender Wertpapiere. Letzterer schwankt, während der sogenannte Rechnungszins des Versicherers bis zur Rente gleich bleibt, also aktuell 0,9%. Das ist im Moment etwas niedriger als der Zins 30-jähriger Bundesanleihen, aber minimal höher als der 20-jähriger Anleihen. Die fixen 0,9% machen es also leichter zu kalkulieren, allerdings bleiben sie für den Kunden auch für immer auf diesem Niveau. Wenn die Zinsen sich am Markt also wieder erholen, wird es für die Fondsgesellschaft leichter, die Garantie zu erzeugen, während für den Versicherer der Niedrigzins auf diesem Niveau verharrt.

Auf Versichererseite sind Riester-Produkte dann interessant, wenn schon früh im Vertragsverlauf ein hoher Sparanteil in Fonds läuft. Manche schaffen das besser als andere. Wo geht hier der Weg hin?

Von diesen Produkten müsste es mehr geben, de facto werden es aber immer weniger. Und wenn man ein Auge auf die Marktzinsen wirft, muss man sich fragen, wann der Rechnungszins das nächste Mal nach unten korrigiert wird, und das würde eine neue Welle des Aussterbens fondslastiger Produkte bedeuten. Deswegen müssen wir so dringend an die Garantie ran.

Die Studie des IVFP vom Beginn des Jahres zeigt, dass schon heute fondsorientierte Riesterprodukte nur in den Chance-Risiko-Klassen 2 und 3 zu finden sind. Bei „kurzen“ Ansparphasen gibt es überhaupt nur noch Produkte in der CRK 2. Ausschließlich! Das heißt, es ist vollkommen egal, wie Sie die Risikotragfähigkeit Ihres 55-jährigen Kunden im Rahmen der IDD oder MiFID eingestuft haben. Wenn es Riester sein soll, haben sie die Auswahl in exakt einer einzigen Klasse. Das ist absurd und muss dringend geändert werden.

Was bedeutet das Riester-Dilemma ganz konkret für die DWS? Ihr Fondssparplan war allseits beliebt.

Es ist ja bekannt, dass wir uns entschlossen haben, den schmerzhaften Weg zu gehen, weil wir überzeugt davon sind, dass es der einzig redliche und richtige ist. Wir haben mehrfach die Gebühren des Produktes abgesenkt. Einerseits die laufende Kostenbelastung der Fonds, andererseits die Abschlusskosten. Sie wissen so gut wie wir, dass eine Senkung der Abschlusskosten nicht für Begeisterungsstürme sorgt. Uns war es aber auch im Sinne der Berater wichtig, ein Produkt anzubieten, welches dem Kunden ab Tag eins eine angemessene Beteiligung an chancenreichen Anlagen ermöglicht. Natürlich hätten wir weiter ein Produkt mit hohen Abschlusskosten anbieten können. Das wäre kurzfristig der Weg des geringeren Widerstands gewesen. Aber was hätten unsere Kunden und die Kunden der Berater in 10 oder 20 Jahren über die Rendite gesagt? Wie hätten wir erklären sollen, dass wir nicht reagiert haben, als noch Zeit dazu gewesen ist? Also haben wir den schweren Weg gewählt, der uns viel Neugeschäft gekostet hat. Die Berater, die uns die Stange halten – und das sind nicht wenige –, haben langfristig deutlich mehr Freude an den vermittelten Verträgen. Neue Riester-Verträge haben jetzt wieder auch in der Zillmerungsphase 25 bis 35% Aktienquote. Ab Jahr sechs tendenziell mehr.

Ein bekanntes Problem ist ja, dass viele Versicherte ihre Zulagen und Förderungen nicht abgerufen haben. Gibt es hier aus Ihrer Sicht Lösungsansätze?

Ja, wir müssen das Zulagensystem radikal vereinfachen. In Stichworten bedeutet dies:

1. Abschaffung der Unterscheidung mittelbar, unmittelbar, nicht zulageberechtigt – jeder Steuerpflichtige sollte Zulage bekommen.

2. Abschaffung der Günstigerprüfung, stattdessen zusätzliche prozentuale Zulage in den Vertrag, nicht auf das Girokonto.

3. Einfache Ermittlung des Mindestbeitrags auf Basis des Bruttoeinkommens, idealerweise nur drei Stufen, zum Beispiel Geringverdiener 60 Euro, Normalverdiener 1.000 Euro, Gutverdiener 2.000 Mindestbeitrag für volle Zulage. Jeder Euro wird zusätzlich prozentual gefördert.

4. Wegfall des Zulagenantrags. Die Meldung eines Vertrags seitens des Anbieters genügt als Anspruchsgrundlage.

Mit einem so simplen System müsste der Anbieter der Zulagenstelle nur noch die Steuernummer des Kunden und den Jahresbeitrag liefern. Die Zulagenstelle könnte fallabschließend das Einkommen und die Anzahl der Kinder und das Erreichen des Mindestbeitrags prüfen. Danach wird endgültig ausgezahlt. Der Kunde müsste nur einmalig seine Steuer-ID beim Anbieter hinterlegen. Die Kinderförderung könnte bei Paaren standardmäßig hälftig auf beide Verträge verteilt werden, um die letzte Fehlerquelle auch noch zu eliminieren.

Glauben Sie noch an eine Lösung vonseiten der Politik?

Ja, daran glaube ich. Es ist ja kein Zufall, dass man trotz aller Schwierigkeiten das Thema Riester in den Koalitionsvertrag aufgenommen hat. Mit der Alterung der Babyboomer kommt ein Problem immer näher, dessen Nicht-Lösung ein politisches Risiko ist. Deswegen wird die Politik hier handeln. Da bin ich ganz sicher. Die Frage ist, wie schnell das geht.

Noch einmal zurück zu Produkten mit geringeren oder gar keinen Garantien. In der bAV gibt es dies im Sozialpartnermodell schon. Bei Riester wird es gefordert. Werden die Deutschen da überhaupt mitmachen?

Ich denke, wenn man dieses Modell gut erklärt und der Arbeitgeber sich finanziell beteiligt, werden sich auch die angeblich risikoscheuen Deutschen beteiligen. Hat irgendwer seine vermögenswirksamen Leistungen nicht abgerufen beim Arbeitgeber, weil er gezwungen wurde, das Geld in Fonds zu investieren, die mindestens 60% Aktienquote haben? Die Antwort ist nein. Und das sind dieselben Deutschen, die jetzt angeblich ohne Garantie nicht in Aktien investieren.

Ich denke, wir haben die Bevölkerung dahin erzogen in den Zeiten, als die Garantie kaum Renditenachteile nach sich gezogen hat. Wer würde schon auf die Frage „Wollen Sie eine Garantie?“ mit „Nein“ antworten. Natürlich lieben Menschen Garantien, wenn sie verfügbar und „gratis“ sind. Wenn sie fehlen oder sehr teuer sind, dann geht es aber in aller Regel auch ohne. Ein Gefühl der Sicherheit ist aber wichtig. Das kann durch eine Garantie erzeugt werden, aber auch durch andere Methoden der Absicherung.

Was sind Ihrer Meinung nach dann aktuell kluge Anlagevehikel für die Altersvorsorge?

Das ist eine Frage, die individuelle Antworten erfordert. Während es für den einen primär die eigenen vier Wände sind, ist es für den nächsten ein Aktienportfolio oder ein Investmentfonds. Ich selbst gehe für mich davon aus, dass Sachwerte gerade vor dem Hintergrund der unsicheren Zukunft solider sind als Staatsschulden, die irgendwann mal jemand zurückzahlen muss. Im Zweifel unsere Kinder oder wir selbst. Ein Mehrwert ist dadurch noch nicht gewonnen. Wenn ich in die Wertschöpfung vieler Industrien investiere, streue ich nicht nur mein Risiko, sondern ich partizipiere an der kreativen Energie aller arbeitenden Menschen weltweit. Staaten kommen und gehen, eine Wirtschaft wird es geben, solange es Menschen gibt, und daran würde ich immer teilhaben wollen.

Inwieweit finden sich denn diese Entwicklungen und Anforderungen konkret im Angebot der DWS wieder?

Wenn irgendwer dafür steht, Menschen den Weg in die Kapitalmärkte zu ebnen mit aktiv gemanagten oder passiven Fondsprodukten, dann ist es die DWS. Nicht umsonst stecken wir so viel Zeit und Energie in Erklärvideos, Geschichten, Aufklärung, denken Sie nur an die böse Null. Wir wollen, dass sich jeder an Kapitalmärkten engagieren kann – und ohne Zwangsgarantie gerne auch wieder in Riester-Produkten.

Foto: Frank Breiting, Quelle: DWS.

Das Interview lesen Sie auch in AssCompact 11/2018, Seite 48 ff.




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