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„Die deutsche Wirtschaftspolitik muss sich schleunigst ändern“
31. August 2019

„Die deutsche Wirtschaftspolitik muss sich schleunigst ändern“

Michael Heise wurde in der Vergangenheit bereits drei Mal als Prognostiker der Jahres ausgezeichnet. Der Chefvolkswirt der Allianz sieht im Interview mit AssCompact dunkle Wolken auf Deutschland zuziehen und dringenden Handlungsbedarf für die deutsche Wirtschaftspolitik. Anlegern rät er dennoch dringend dazu, ihr Geld mehr für sich arbeiten zu lassen.


Michael Heise wurde in der Vergangenheit bereits drei Mal als Prognostiker der Jahres ausgezeichnet. Der Chefvolkswirt der Allianz sieht im Interview mit AssCompact dunkle Wolken auf Deutschland zuziehen und dringenden Handlungsbedarf für die deutsche Wirtschaftspolitik. Anlegern rät er dennoch dringend dazu, ihr Geld mehr für sich arbeiten zu lassen.

„Die deutsche Wirtschaftspolitik muss sich schleunigst ändern“
Herr Heise, wie sieht denn aktuell Ihre Prognose für die deutsche Wirtschaft aus?

Im Gegensatz zu den relativ guten Prognosen der Vergangenheit leider nicht so positiv. Bei den prämierten Prognosen waren wir relativ zuversichtlich, dass Deutschland gut abschneidet. Leider ist Deutschland zurzeit in einer Phase der Konjunkturabschwächung.

Warum hat sich die Lage gedreht?

Der Welthandel hat sich stark eingetrübt. Das ist für Deutschland als exportabhängige Volkswirtschaft eine besondere Belastung. Daher wird das deutsche Wachstum in der Euroliga relativ weit unten rangieren – und die Euroliga selbst ist ja nicht gerade ein Club, der in der Champions League des Wachstums spielt. Die Eurozone insgesamt dürfte leicht über 1% wachsen, Deutschland um 0,8%. Das hat aber nicht nur mit dem Welthandel zu tun.

Womit noch?

Es hat inzwischen auch viel damit zu tun, dass die Investitions- und Wachstumsbedingungen in Deutschland nicht mehr in jeder Weise konkurrenzfähig sind. Wir müssen dringend wirtschaftspolitische Maßnahmen ergreifen, um die Inlandswirtschaft zu stärken. Wenn nicht, werden wir weiter zurückfallen.

Braucht es gezielte Förderungen einzelner Branchen wie etwa der Automobilindustrie?

In der Automobilindustrie ist die Stimmung enorm gekippt. Das hat sowohl konjunkturelle Ursachen wie etwa die Abschwächung Chinas, aber vor allem auch strukturelle Ursachen wie Diesel-Gate, Fahrverbote oder verschärfte CO2-Vorgaben. Bei wirtschaftspolitischen Maßnahmen denke ich dennoch nicht an einzelne Branchen. Ich denke an die Standort- und Wachstumsbedingungen, die schon immer wichtig gewesen sind, die wir aber ein bisschen aus dem Auge verloren haben. Dazu gehört unter anderem die Steuerbelastung. Sie ist in Deutschland für Unternehmen und insbesondere Mittelständler im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hoch. Andere Länder haben sich diesbezüglich in den vergangenen Jahren bewegt – ob die USA, Großbritannien oder auch Frankreich. Wichtige Wettbewerber liegen bei der Steuerbelastung wieder deutlich unter uns. Das ist ein Punkt, an dem man dringend ansetzen müsste.

Auch bei den Energiepreisen steht Deutschland ganz oben. Das ist für eine industrielastige Wirtschaft problematisch, zumal im verarbeitenden Gewerbe auch die Lohn- und Lohnnebenkosten höher sind als bei fast allen unserer Wettbewerber. Das ist in Ordnung, wenn die Produktivität Schritt hält. Das tut sie aber seit einiger Zeit nicht mehr; gesamtwirtschaftlich werden wir in diesem Jahr ein Produktivitätswachstum von Null haben. Es gibt also ein paar Themen, die die Wirtschaftspolitik aktuell nicht ausreichend auf der Agenda hat. Das muss sich schleunigst ändern. Sonst wird aus der viel bewunderten und gelobten Stärke Deutschlands bald ein Rückfall ins Mittelmaß.

Von Mittelmaß ist das Zinsniveau seit Jahren weit entfernt. Besteht die Hoffnung, dass sich daran etwas ändert?

Nein, denn die Weichen für die weitere Geldpolitik der EZB sind bereits gestellt. Mario Draghi hat uns in der letzten großen Konferenz in Sintra noch einmal auf eine lange Zeit niedriger Zinsen eingeschworen. Der neue Chefökonom der Bank steht auch für eine expansive Geldpolitik. Die Zinsen werden daher auf der Geldmarktseite noch lange ganz tief bleiben. Daher werden auch die Kapitalmarktzinsen etwa für zehnjährige Bundesanleihen nur minimal steigen können. Einen kräftigeren Renditeanstieg werden wir nicht bekommen, weil die Geldpolitik die Renditen tief halten will und sich in diesem Zusammenhang als wirkungsmächtig erwiesen hat. Man muss als Lehre der letzten Jahre anerkennen, dass die Geldpolitik wirksame Instrumente hat, um den langfristigen Zins unten zu halten. Alle damit verbundenen Probleme werden uns somit erhalten bleiben. Für den Sparer bleibt die Lage unbefriedigend.

Was ist von einer EZB-Chefin Christine Lagarde zu erwarten?

Frau Lagarde steht zunächst einmal für Kontinuität im Sinne der Politik Draghis. Sie hat in der Vergangenheit immer wieder gefordert, dass Maßnahmen unternommen werden, um die Nachfrage anzukurbeln. Neben expansiver Geldpolitik hat sie auch empfohlen, dass Deutschland fiskalpolitisch mehr tut und bereit ist, Schulden zu machen. Ich hoffe dennoch, dass sie als EZB-Chefin eine Überprüfung der derzeitigen Strategie veranlasst, die offenkundig in eine Sackgasse hineingelaufen ist. Man versucht seit Jahren erfolglos, die Inflationsrate an die Zielmarke heranzuführen. Diese Politik der eng definierten Inflationsziele hat erhebliche unerwünschte Nebenwirkungen und muss überdacht werden. Strategien sind nicht für die Ewigkeit gemacht. Vielleicht wird Frau Lagarde versuchen, ihre Ära durch strategische Anpassungen in der Geldpolitik zu prägen. Mal schauen. Zurzeit jedenfalls ist die Hoffnung für die Sparer, dass sich die Lage bald bessert, sehr klein.

Klassische Banksparer sind zweifellos die großen Verlierer der Niedrigzinsen. Sind Bauherren und Immobilienkäufer auf der anderen Seite die Gewinner?

Immobilienbesitzer sind definitiv enorme Gewinner gewesen. Sie haben vom großen Preisaufschwung profitiert. Diejenigen, die Immobilien erwerben wollen und am Anfang ihrer Berufskarriere stehen, haben zumindest in den Ballungsgebieten dagegen ein echtes Problem. Die sozialen Spannungen aufgrund der stark steigenden Miet- und Immobilienpreise sind enorm. Deutschland muss eine Lösung hierfür finden. Das ist auch aus sozialpolitischer Perspektive wichtig. Für Investoren dürften Immobilien angesichts der angesprochenen Zinspolitik weiter attraktiv bleiben. Die Preisentwicklung wird wohl erst kippen, wenn auch der Finanzmarkt in einen Abschwung hineingerät. Und das ist im Moment nicht zu erkennen.

Warum nicht?

Die Bereitschaft der Anleger, Risiken einzugehen, wird bei Nullzinsen vorerst hoch bleiben. Sofern wir, womit ich rechne, eine sanfte Landung der Konjunktur bekommen und keine kräftige Rezession droht, haben die Aktienkurse durchaus noch Potenzial. Niedrigzinsen und zumindest verhaltenes Wirtschaftswachstum werden die Stimmung an den Finanzmärkten einigermaßen positiv halten. Und dann werden auch die Immobilienmärkte nicht einknicken. Langfristig bauen sich allerdings durch die ultra-expansive Geldpolitik Gefahren für die Finanzmarktstabilität auf.

Was bedeuten die Rahmenbedingungen für die Kapitalanlage und die private Altersvorsorge der Deutschen?

Angesichts der zunehmenden Risiken ist es zunächst einmal erfreulich, dass der Anteil der Versicherungen und Pensionen im Geldvermögen der Deutschen sehr stabil ist. Der Rückgang der Renditen hat keineswegs dazu geführt, dass die Menschen in großem Stil aus kapitalgedeckten und langfristigen Vorsorgeprodukten ausgestiegen sind, wie es manche an die Wand gemalt hatten. Die Sicherheit, die Versicherungen und Rentenprodukte bieten, werden von den Deutschen sehr geschätzt. Sie schützen sie vor den Volatilitäten an den Kapitalmärkten, die eher noch größer werden dürften. Die Renditen sind nicht mehr so hoch wie vor der großen Finanzkrise, aber sie sind stabil.

Trotzdem stecken die Deutschen immer noch den größten Teil ihrer Ersparnisse Jahr für Jahr in Bankeinlagen. Sie machen 39% des gesamten Geldvermögens aus. Die Bevor­zugung von Bankeinlagen kostet die Sparer enorm an Rendite. Im Vergleich mit anderen Ländern liegt Deutschland bei der Vermögensrendite ganz weit hinten. Die Deutschen arbeiten für ihr Geld, anstatt ihr Geld für sich arbeiten zu lassen, um es auf eine kurze Formel zu bringen. Sie verzichten auf viel Konsum, und trotzdem ist das Vermögenswachstum unterdurchschnittlich. Anleger sollten mehr Mut haben. Sie sollten Wertpapiersparen langfristig betrachten und in der Konsequenz ihre Aktienquoten sowie den Anteil der Versicherungs- und Pensionslösungen erhöhen. (mh)

Das Interview lesen Sie auch in AssCompact 08/2019, Seite 62f und in unserem ePaper.

Bild: © Eisenhans – stock.adobe.com


Michael Heise Michael Heise



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