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8. Juli 2021
Aktuare mit neuen Analysen: So hat sich das BU-Risiko gewandelt

Aktuare mit neuen Analysen: So hat sich das BU-Risiko gewandelt

In Deutschland wird weiterhin jeder Vierte mindestens einmal im Leben berufsunfähig. Wie neue Analysen der Deutschen Aktuarvereinigung weiter zeigen, haben Frauen bis 40 inzwischen ein deutlich höheres BU-Risiko als noch vor 20 Jahren. Berufsunfähige kommen heutzutage schneller in den Beruf zurück.

Die Deutsche Aktuarvereinigung e.V. (DAV) hat in einer Online-Pressekonferenz neue Untersuchungen zum Thema Berufsunfähigkeit vorgelegt. Beleuchtet wurde unter anderem die Eintrittswahrscheinlichkeiten für Berufsunfähigkeit sowie das Thema Reaktivierung, also die Rückkehr der Berufsunfähigen ins Arbeitsleben. Den Erkenntnissen zufolge gilt nach wie vor: Bis zum Renteneintritt wird jeder Vierte mindestens einmal in seinem Arbeitsleben berufsunfähig. Berufsunfähigkeit bleibt damit eines der größten existenzbedrohenden Gefahren.

Frauen bis 40 haben heutzutage höheres BU-Risiko

Für Frauen bis 40 Jahre hat sich die Gefahr sogar erhöht. So weisen sie ein um über 30% erhöhtes BU-Risiko als noch vor 20 Jahren zum Zeitpunkt der vorangegangen Untersuchung, der DAV-Tafel 1997. „In dieser Versichertengruppe sind laut Daten der Rentenversicherung erheblich mehr Schadenfälle aufgrund psychischer Erkrankungen festzustellen“, erklärte der DAV-VorstandsvorsitzenDr. Herbert Schneidemann. Anders bei den Männern: Hier zeigen sich in dieser Altersgruppe keine signifikanten Veränderungen.

Frauen und Männer ab 40 weniger gefährdet als vor 20 Jahren

Als erfreulich bezeichneten die Aktuare die Entwicklung sowohl bei Männern als auch bei Frauen jenseits der 40: Bei weiblichen Versicherten hatsich die Wahrscheinlichkeit, berufsunfähig zu werden, um 36% verringert, bei den männlichen Altersgenossen um etwa 45%. Diese Entwicklung spiegle die Veränderung der Arbeitswelt wider. Zum einen seien immer weniger Personen in körperlich anstrengenden Berufen tätig und zum anderen würden generell die körperlichen Anforderungen in vielen Berufen sinken, so Dr. Schneidemann.

Anstieg psychischer Leiden, aber Rückgang anderer BU-Ursachen

Waren Anfang der 1990er-Jahre noch körperliche Gebrechen der häufigste Grund, warum jemand seine Arbeit aufgeben musste, sind inzwischen psychische Leiden die Hauptursache für eine Berufsunfähigkeit. So ist nahezu jeder dritte BU-Leistungsfall auf psychische Ursachen zurückzuführen, Tendenz steigend. Diese Zunahme von BU-Schadenfällen infolge psychischer Erkrankungen werde aber den Aktuaren zufolge durch den Rückgang anderer BU-Ursachen wie etwa Erkrankungen des Bewegungsapparats und Herz-Kreislauf-Erkrankungen überkompensiert.

Schnellere Rückkehr in den Beruf – zumindest in den ersten ein bis zwei Jahren

Wie die DAV-Untersuchungen zudem ergaben, kehren Versicherte heutzutage nach einer BU-Erkrankung schneller in den Beruf zurück als vor 20 Jahren. So nehmen 19% innerhalb der ersten 24 Monate wieder ihren zuletzt ausgeübten Beruf auf. Vor 20 Jahren waren es nur 11%. Anders verhält es sich aber bei Personen, die drei bis zehn Jahre berufsunfähig sind. Während nach der DAV-Tafel 1997 I rund 26% der Invaliden in diesem Zeitraum in den Job zurückkehrten, sind es laut Ergebnissen der DAV-Tafel 2021 nur 16%.

Keine Rückschlüsse auf Prämienentwicklung

Dr. Schneidemann betonte mit Blick auf die DAV-Erkenntnisse, dass sie keine Rückschlüsse auf mögliche Preisentwicklungen für den BU-Versicherungsschutz zulassen würden. Denn die Prämien würden unternehmensindividuell berechnet und von einer Vielzahl von Faktoren abhängen. Dazu gehöre neben der Entwicklung des Rechnungszinses beispielsweise auch die Zusammensetzung des jeweiligen Kollektivs.

Folgen von Corona und Long-COVID noch nicht absehbar

Noch keine Vorhersage lässt sich darüber treffen, welche Konsequenzen die Pandemie auf die BU-Leistungsfälle hat, zumal sich mögliche Langzeitfolgen bzw. Veränderungen des Arbeitsmarktes erst in den nächsten Jahren zeigen werden, so die Aktuare. „Nach unserer Einschätzung können die potenziellen Auswirkungen aber auf jeden Fall durch das kollektive Geschäftsmodell der Lebensversicherung, zusammen mit gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitspuffern in der Kalkulation und der Reservierung sowie glättenden Mechanismen zum Beispiel der Rückversicherung weitestgehend abgefedert werden“, unterstrich Dr. Schneidemann. Zudem seien auch die Folgen von Long-COVID noch nicht absehbar.

Zu den DAV BU-Tafeln

Die DAV BU-Tafeln bestehen aus altersabhängigen Eintrittswahrscheinlichkeiten für Berufsunfähigkeit, Sterblichkeit der Aktiven und Berufsunfähigen und Reaktivierung der Berufsunfähigen. Von Bedeutung sind die Tafeln insbesondere für die Reservierung der Bestände von BU-Policen. Zugleich stellen sie eine Orientierung für die verantwortlichen Aktuare der Lebensversicherer dar. Die Tafeln sind nicht verbindlich.

Für die DAV Tafel 2021 wurden Versichertendaten aus anonymisierten Rückversicherungsdatenschlüssen im Beobachtungszeitraum 2011 bis 2015 herangezogen, insgesamt rund 59 Millionen Beobachtungsjahre sowie auch Fälle von knapp 155.000 Neuinvaliden. In die Analyse eingeflossen sind Daten von 47 Gesellschaften, was eine Marktabdeckung von ca. 85% darstellt. Zur Plausibilisierung wurden Daten der Deutschen Rentenversicherung herangezogen. (tk)

Bild: © kieferpix – stock.adobe.com