Ein Gastbeitrag von Vincenz Klemm, Mitgründer und Geschäftsführer von Baobab Insurance
Mit dem Einzug generativer künstlicher Intelligenz (GenAI) entwickeln sich Cyberangriffe nicht mehr nur in technischer, sondern zunehmend auch in taktischer Tiefe. Schon heute nutzen Cyberkriminelle KI, um Wege in Unternehmensnetzwerke zu finden, Schwachstellen auszulesen, täuschend echte Phishing-Mails zu verfassen oder Passwörter zu erraten. Die klassischen Angriffsphasen aus Aufklärung, Eindringen, Ausbreitung, Ausnutzung werden dadurch beschleunigt und automatisiert – und das oft ohne menschliches Zutun.
Damit verändert GenAI die Angriffsfläche radikal: Sie erweitert sie nicht nur quantitativ, sondern qualitativ. Systeme, die gestern noch sicher schienen, werden durch KI-gestützte Analyse- und Manipulationsverfahren in kürzester Zeit ausgenutzt – und das oft, bevor klassische Abwehrmechanismen überhaupt reagieren können. Diese Dynamik belegt der jüngste BSI-Lagebericht. Trotz professionellerer Abwehrmaßnahmen bleibt die Cyberbedrohung in Deutschland „angespannt auf hohem Niveau“.
Neue Bedrohungen: KI-gestütztes Social-Engineering und Vishing
Am deutlichsten spiegelt sich diese Transformation im Bereich Social Engineering wider. Phishing war lange ein Low-tech-Problem: schlecht formulierte Mails, leicht zu durchschauen. Mit KI-modulierten Angriffen ändert sich das grundlegend. Heute erstellen generative Modelle personalisierte, kontextbezogene Nachrichten, die selbst geschulte Mitarbeitende täuschen. Wie real die Gefahr ist, zeigt die Studie des TÜV Verbands: So sind 84% aller gemeldeten Sicherheitsvorfälle in Deutschland auf Phishing zurückzuführen, wobei KI diese Angriffe noch raffinierter macht.
In der sprachbasierten Manipulation zeigen sogenannte Deepfake-Vishing-Angriffe laut den Baobab Cybersicherheitsexperten, wie sich Bedrohungen weiterentwickeln: Täuschend echte Stimmen von Führungskräften werden erzeugt, um Mitarbeitende zu manipulieren – mit wirtschaftlich gravierenden Folgen. So sind die synthetischen Stimmen realistisch genug, um gängige Authentifizierungssysteme wie WeChat Voiceprint und Microsoft Azure zu umgehen.
Auch Gefahr durch Prompt Injections steigt
Ebenfalls durch KI wächst das Risiko von Prompt Injections: Hier manipulieren Angreifer KI-Systeme wie Large-Language-Modelle direkt über Eingabeaufforderungen und bringen sie dazu, schädliche Aktionen oder Ausgaben zu erzeugen. Diese Technik ist besonders gefährlich, wenn KI-Modelle in Geschäftsprozesse eingebettet sind, da sie so legitime Prozesse kompromittieren können, so die Baobab Cybersicherheitsexperten.
Vom Schutz zur Resilienz: Strategische Neuausrichtung der Versicherungsindustrie
Vor diesem Hintergrund wird klar: Prävention allein reicht nicht mehr aus. Technischer Schutz, Firewalls oder Anti-Virus-Software bleiben wichtig, bilden jedoch nur die erste Verteidigungslinie. Denn angesichts einer immer komplexeren Bedrohungslage dürfen Unternehmen und Versicherer Sicherheitsmaßnahmen nicht nur punktuell denken. Stattdessen muss Cyberresilienz ganzheitlich betrachtet werden.
Dabei bedeutet Resilienz nicht nur, Angriffe zu verhindern. Es geht viel eher darum, Attacken vorzugreifen, abzufedern und zu überstehen. Aber auch sich von ihnen zu erholen und an sie anzupassen. Gerade in diesem Punkt herrscht im Mittelstand jedoch großer Nachholbedarf, wie der jüngste BSI-Lagebericht zeigt. Noch immer würden kleine und mittlere Unternehmen überschätzen, wie gut bzw. angemessen sie auf Cyberbedrohungen vorbereitet sind. 2026 ist es für Unternehmen daher unumgänglich, ihre Mitarbeitenden für die technischen Möglichkeiten der Angreifer zu sensibilisieren. Ebenso sollte Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA) eingeführt werden.
Für Versicherer hat ein ganzheitlicher Ansatz der Cyberresilienz zur Folge, dass nicht mehr der reine finanzielle Transfer im Vordergrund steht. Stattdessen geht es um aktive Partnerschaften mit den Versicherten. Versicherungsprodukte müssen technische, organisatorische und strategische Maßnahmen bündeln – von Incident Response-Services über Notfallpläne, Phishing-Simulationstrainings bis zur forensischen Analyse nach einem Vorfall.
Hybride Schadensbilder erfordern kombinierte Cyber- und Vertrauensschadenversicherung
Angesichts einer immer komplexer werdenden Bedrohungslage werden Versicherungspolicen, die Cyber- und Vertrauensschadenversicherung kombinieren, 2026 unerlässlich. Denn während traditionelle Cyberversicherungen IT-bezogene Schäden wie Datenverlust, Betriebsunterbrechungen oder Lösegeldforderungen abdecken, adressieren Vertrauensschadenpolicen Schäden, die aus dem Missbrauch von Vertrauen entstehen, dazu gehören etwa durch Social Engineering ausgelöste Zahlungen oder Identitätsbetrug.
Da KI-gestützte Angriffe genau an diesem Schnittpunkt operieren, nämlich technische Systeme ausnutzen, um menschliches Vertrauen zu manipulieren, entstehen häufig hybride Schäden: Ein Angriff beginnt technisch, entfaltet aber erst durch soziale Manipulation seine Wirkung. Klassische Policen stoßen hier an Grenzen. Bündelansätze reflektieren dagegen die Realität moderner Schadenslagen und bieten Maklern wie Versicherern ein differenziertes Leistungsportfolio.
Ein solches Produktdesign darf jedoch nicht nur Schadenersatz leisten. Es muss auch präventive Dienstleistungen, Sensibilisierungstrainings, Unterstützung im Krisenfall sowie kontinuierliche Risikoanalysen umfassen. Kurz: Resilienz als Service.
Resilienz als Wettbewerbsvorteil – und Pflicht
Makler und Versicherer, die sich frühzeitig auf diese Entwicklung einstellen, gewinnen nicht nur Wettbewerbsvorteile. Sie erfüllen eine zunehmend unternehmerische und gesellschaftliche Pflicht. In einer Welt, in der KI nicht nur Produktivitätsgewinne schafft, sondern auch systemische Risiken, können Versicherer zu Architekten der digitalen Resilienz werden.
Denn am Ende des Tages entscheidet nicht die Verhinderung jedes einzelnen Angriffs über den Erfolg eines Unternehmens, sondern seine Fähigkeit, trotz erfolgreicher Angriffe handlungsfähig zu bleiben. Versicherer, die diesen Paradigmenwechsel verstehen und umsetzen, werden 2026 nicht nur Risiken decken, sondern nachhaltige Sicherheit gestalten.
Über Baobab Insurance
Baobab Insurance ist ein Assekuradeur digitaler Risiken. Das Unternehmen ist in Deutschland, Österreich und den Benelux-Ländern aktiv. Das Produktportfolio umfasst eine Cyberversicherung, eine IT-Haftpflichtpolice für IT-, Software-, Technologie- und Telekommunikationsunternehmen aus Deutschland und Österreich sowie die Vertrauensschadenversicherung eCrime.
- Anmelden, um Kommentare verfassen zu können