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06/2014
17. Juni 2014
Die Vernetzung der Versicherungswirtschaft nimmt Formen an
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Die Vernetzung der Versicherungswirtschaft nimmt Formen an

Mit Einrichtung der Trusted German Insurance Cloud (TGIC) nimmt die Versicherungsbranche eine Vorreiterrolle ein. Mit ihr sollen Geschäftsprozesse mit unabhängigen Vermittlern, Servicepartnern und öffentlichen Stellen durchgängig gestaltet werden. Technisch in das System eingebunden ist beispielsweise auch die Initiative „gut beraten“.

Herr Schmallenbach, erklären Sie uns bitte kurz, was die Trusted German Insurance Cloud (TGIC) ist und welche Ziele die Versicherer damit verfolgen.

Bereits seit 1993 wird das GDV-Branchennetz zum sicheren Datenaustausch zwischen Versicherern, Behörden und externen Geschäftspartnern genutzt. Allein im Jahr 2013 wurden hierüber 175 Millionen Nachrichten ausgetauscht. Wegen der speziellen Technologie wird es vorwiegend von großen Versicherern und Behörden genutzt. Um nun auch weiteren Geschäftspartnern den Zugang zu ermöglichen, wurde die Trusted German Insurance Cloud (TGIC) entwickelt: Damit können die Branchen­services des GDV künftig sicher und ­effizient direkt über das Internet genutzt werden. Unser Ziel ist es, mithilfe der TGIC die Geschäftsprozesse in Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen und Geschäftspartnern durchgängig zu gestalten und elektronisch zu unterstützen. Letztendlich können wir für alle Marktteilnehmer und damit auch für unsere Kunden den Service erhöhen und die Kosten reduzieren.

Welche Marktbeteiligten werden mit dem System vernetzt?

Das GDV-Branchennetz bietet heute bereits Standardservices wie die Übermittlung der elektronischen Versicherungsbestätigung (eVB) beim Wechsel des Versicherers oder die Kommuni­kation mit der Zulagenstelle für Altersvermögen (ZfA) für die Riester-Rente. Zukünftig werden dann über die TGIC die Servicepartner im eBusiness – etwa Makler, Werkstätten, Anwälte – sowie neue Servicepartner im eGovernment angebunden.

Im Hinblick auf die Datenmenge: Welche Bereiche verursachen die größten Transaktionen? Können Sie uns ein paar Zahlen nennen?

Die Bereiche mit den größten Transaktionen sind die bereits erwähnten: Die Übermittlung der elektronischen Versicherungsbestätigung (eVB) löst zum Beispiel etwa 75 Millionen Transaktionen aus und die Kommunikation mit der Zulagenstelle für Altersvermögen (ZfA) weitere 25 Millionen.

Die TGIC wurde gerade durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zertifiziert. Damit wird der Cloud eine hohe Datensicherheit bescheinigt. Haben Sie keine Angst, dass es zu Datendiebstählen kommt, wie wir dies schon bei Unternehmen gesehen haben?

Datensicherheit sowie der verantwortungsvolle Umgang mit Daten ist für die gesamte Versicherungsbranche besonders wichtig und wir nehmen hier eine Vorreiterrolle in ­Deutschland ein. So hat unsere Branche bereits seit vielen Jahren ein eigenes Lage- und Krisenreaktionszentrum für IT-­Sicherheit (LKRZV). Dieses steht im ständigen Dialog mit den zuständigen Sicherheitsbehörden der Bundesregierung. Das LKRZV arbeitet im 7x24-Betrieb und gewährleistet im ­Krisenfall die schnelle Reaktion zur Behebung von Sicherheitsproblemen als Informations- und Kommunikationsdrehscheibe zwischen den Versicherern und den verantwortlichen Sicherheitsbehörden. Aber auch für die TGIC bestätigt das ISO 27001-Zertifikat die erfolgreiche Umsetzung der technischen und organisatorischen Anforderungen der IT-Grundschutz-Methodik. Weiterhin wird zur Jahresmitte eine Common-­Criteria-Zertifizierung für Anwendungssysteme angestrebt, welche dann die Sicherheit der Anwendung selber bestätigen soll.

Die Weiterbildungspunkte der Initiative „gut beraten“ sollen über die TGIC dokumentiert werden. Wie sind Makler in das System eingebunden? Hilft es auch bei der Prozessoptimierung mit Versicherern oder beim Zugang zu den Versicherer-Extranets?

Seit Anfang April können in der Weiterbildungsdatenbank der Initiative „gut beraten“ die entsprechend vergebenen Weiterbildungspunkte dokumentiert werden. Die Weiterbildungsdatenbank ist somit eine der ersten Anwendungen, die in der TGIC eingebettet ist. Zurzeit nutzen bereits rund 100 akkreditierte Trusted Partner und Bildungsdienstleister die Datenbank im Vollbetrieb. Die Anmeldung für die Makler ist denkbar einfach: Nach der Kontoeröffnung durch einen frei auswählbaren Trusted Partner erhalten die Makler ihre Zugangsdaten zu dem personalisierten Vermittlerkonto. Dieser Zugang, Stichwort „Single Sign-on“, ist dann auch die Grundlage für die zukünftige Anbindung weiterer Services. Beispielsweise arbeiten wir gerade intensiv daran, im Bereich der Maklerkommunikation erste fachliche ­BiPRO-Standards auf der TGIC-Infrastruktur bereitzustellen. Das entsprechende GDV-Projekt ist eng mit den ­BiPRO-Gremien, Maklerverbänden und Herstellern von Maklerverwaltungsprogrammen verzahnt und arbeitet aktuell – neben einer sicheren Authentifizierung – an der Umsetzung der ersten Fachstandards.

Kann das System auch die Kommunikation zwischen Versicherer, Vermittler und Kunden digitalisieren?

Über die BiPRO-Standards wird zunächst die digitale Kommunikation zwischen Versicherer und Vermittler erfolgen. Prinzipiell ist es jedoch möglich, künftig auch kundennahe Services über die TGIC anzubinden.

IT-Projekte kosten in der Regel viel Geld. Wen kostet es wie viel und wird die TGIC auch dazu beitragen, den Marktbeteiligten Kosten zu sparen?

Die Finanzierung der TGIC erfolgt durch die Versicherungsunternehmen selbst, die hier in Vorleistung treten und unter anderem eine Infrastruktur für die Maklerkommunikation bereitstellen. Aufseiten der Versicherer erwartet man dafür eine erhebliche Steigerung der 175 Millionen aktuell ausgetauschten Nachrichten mithilfe ganz neuer Services. Von anschließenden Kosteneinsparungen profitieren dann aber alle Beteiligten, also auch die Makler.

Wie weit ist das System? Gibt es eine stufenweise Einführung?

Die TGIC wurde Ende 2013 in Betrieb ­genommen. Die technische Infrastruktur ist zur CeBIT fertiggestellt und am 11.03.2014 durch das BSI zertifiziert worden. Als Nächstes ist dann – wie bereits ­erwähnt – die Common-Criteria-Zertifizierung für Anwendungssysteme geplant. Derzeit werden die Maklerkommunikation auf Basis von BiPRO-Normen sowie die Weiterbildungsdatenbank für Versicherungsvermittler über die TGIC bereitgestellt. Weitere Anwendungen werden dann Stück für Stück folgen.

Kann die Cloud auch bei den neuen Telematik-Tarifen in der Kfz-Versicherung oder auch beim eCall für Beruhigung bei den Kunden sorgen?

Eine automatische Unfallmelde-Funktion wird auf Kundenwunsch zukünftig auch über die TGIC erfolgen. Damit wird ­sichergestellt, dass bei Unfällen, unabhängig vom Fahrzeugtyp, schnellere Hilfe erfolgt. Die Realisierung des Service ist noch für dieses Jahr geplant. Die Nutzung der TGIC für Telematik-Tarife in der Kfz-Versicherung ist derzeit nicht projektiert.

Wie sieht Ihre finale Vision für die Vernetzung einer datensicheren Versicherungswirtschaft aus?

Moderne IT bietet das Potenzial, alle an den Geschäftsprozessen Beteiligten – angefangen bei den Versicherern über die Vermittler, Kunden und externen Partner – mithilfe von Internet- und Portaltechnologie zu vernetzen. Gleichzeitig werden wir den bereits heute steigenden Anforderungen unserer ­internetaffinen Kunden und ihrem hybriden Kundenverhalten an eine moderne und gleichzeitig hochsichere Umgebung gerecht und stärken das Vertrauen unserer Kunden in unsere Unternehmen und Services. Das GDV-Branchennetz war hierzu bereits ein wichtiger und guter Schritt, doch jetzt gilt es, den Kreis der angebundenen Beteiligten zu erweitern. ­Daher bin ich mir sicher, dass wir erst am Anfang einer dynamischen Entwicklung stehen und die TGIC eine notwendige und richtungsweisende Grundlage hierfür darstellt.

 
Ein Artikel von
Christoph Schmallenbach