Ein Kommentar von Tobias Knörrer, Geschäftsführer bbg Betriebsberatungs GmbH
Was mich an der Diskussion über Gleichberechtigung in unserer Branche zunehmend stört, ist nicht nur das, was noch nicht erreicht wurde. Es ist auch die Selbstzufriedenheit darüber, was angeblich längst erreicht sei.
Die Versicherungswirtschaft beschreibt sich heute gerne als modern, divers und offen. Vieles davon ist nicht erfunden. Unternehmen haben sich verändert, alte Rollenbilder verlieren an Selbstverständlichkeit. Das sollte man anerkennen.
Aber Fortschritt hat eine unangenehme Nebenwirkung: Er erzeugt irgendwann ein positives Selbstbild. Es gibt Netzwerke, Initiativen und Kongresse für Frauen in der Branche. Das ist gut und richtig. Problematisch wird es, wenn schon ihre Existenz als Beleg dafür gilt, dass die Sache im Wesentlichen erledigt ist.
Genau da werde ich skeptisch.
Zwischen Diversity-Panel und Alltag
Ein Blick auf LinkedIn reicht. Auf den Bildern von Vorständen und Führungsrunden sieht man noch immer wenige Frauen. Die Zahlen bestätigen das: In den Vorständen der 60 größten Versicherer sind laut DIW fast vier von fünf Mitgliedern Männer.
Eine Branche wird nicht dadurch modern, dass sie sich selbst häufig genug so bezeichnet. Modernität zeigt sich nicht in der Anzahl der Veranstaltungen, auf denen man über Veränderung spricht. Sie zeigt sich darin, wie Menschen miteinander umgehen, wenn gerade keine Veranstaltung daraus gemacht wird.
Dort erlebt man manchmal einen bemerkenswerten Kontrast. Auf der Bühne wird darüber gesprochen, wie wichtig Frauen für die Zukunft der Branche sind. Wenig später hört man in einer informellen Runde Witze darüber, dass Frauen bestimmte Runden verändern würden, dass man sich in ihrer Anwesenheit anders verhalten müsse oder dass manches „unter Männern“ eben besser funktioniere.
Das eine löscht das andere nicht aus. Aber beides gleichzeitig sollte uns zumindest irritieren.
Und es bleibt nicht bei Witzen. Ich kenne kaum eine Frau in der Branche, die nicht selbst eine Geschichte dazu erzählen kann. Oft geht es darum, dass Frauen auf ihr Äußeres reduziert werden, statt an ihrer Arbeit gemessen zu werden. Oder um ein anderes Muster: Wehrt sich eine Frau gegen Kritik, gilt sie schnell als emotional. Bei einem Mann spräche man von Klarheit.
Manches ist nicht böse gemeint und sagt trotzdem viel. Auf Jubiläen wird ein Mann geehrt, und irgendwann fällt der Satz: Ohne eine starke Frau an seiner Seite wäre das nie möglich gewesen. Der Dank ist ehrlich. Aber man drehe den Satz einmal um. Bei ihm denkt man an eine Frau, die ihm den Rücken freigehalten hat. Bei ihr an einen Mann, der die wichtigen Entscheidungen für sie getroffen hat. Derselbe Satz macht ihn größer und sie kleiner.
Einzeln wirkt jede dieser Situationen klein. Zusammen ergeben sie ein Muster. Genau das macht sie strukturell.
Ich habe oft in solchen Runden gesessen. Mit Menschen, die sich nach außen klar positionieren und intern ein merkwürdiges Frauenbild pflegen. Eine echte Haltung steht dahinter nicht. Wenn ich das angesprochen habe, wurde es weggelächelt und übergangen. Wer so etwas als Jüngerer anspricht, gilt schnell als naiv. Auch das gehört zum Bild: Das Problem ist nicht nur der Witz, sondern auch der Umgang mit denen, die ihm widersprechen.
Wenn Haltung zur Fassade wird
Vielleicht besteht unser Problem inzwischen weniger darin, dass wir nicht wissen, was moderne Gleichberechtigung bedeutet. Wir wissen es längst. Wir sind nur erstaunlich gut darin geworden, darüber zu sprechen, ohne danach zu handeln. Schaut man auf das Verhalten mancher, könnte man meinen, sie hätten nicht verstanden, worum es geht. Oder sie wollen es nicht verstehen.
Am deutlichsten wird das, wo Initiativen vor allem der Imagepflege dienen. Man könnte es Femwashing nennen: Seit das Thema Aufmerksamkeit bringt, stürzen sich manche regelrecht darauf. Sie tauchen auf, wenn es Aufmerksamkeit gibt, und verschwinden, wenn keine mehr da ist. Im eigenen Haus ändert sich nichts. Das schadet nicht nur der Glaubwürdigkeit dieser Absender. Es schadet auch den Initiativen, die es ernst meinen und die die Branche dringend braucht.
Es ist gut, wenn sich Männer für das Thema einsetzen. Unangenehm wird es, wenn es dieselben sind, die in der informellen Runde mitlachen. Dann dient das öffentliche Engagement nicht der Sache, sondern dem eigenen Bild.
Fortschritt zeigt sich nicht auf der Bühne
Gerade deshalb halte ich Selbstlob bei diesem Thema für gefährlich. Wer überzeugt ist, bereits auf der richtigen Seite zu stehen, prüft das eigene Verhalten irgendwann weniger kritisch. Dann sind problematisch immer die anderen. Die anderen Unternehmen. Die anderen Generationen. Die anderen Männer.
Man hat schließlich ein Diversity-Panel veranstaltet. Man hat schließlich eine Frau im Vorstand. Man hat schließlich eine Tochter.
Und damit schließt sich der Kreis: Aus Fortschritt wird ein Argument dafür, sich mit den verbliebenen Widersprüchen nicht mehr beschäftigen zu müssen.
Wir sollten deshalb weniger darüber sprechen, wie modern unsere Branche inzwischen geworden ist. Und häufiger prüfen, wo sie sich nur bereits dafür hält.
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