Die Europäische Zentralbank (EZB) entscheidet am morgigen Donnerstag über den Leitzins im Euroraum. Am Markt erwarten viele Beobachter mit einer Zinserhöhung zum ersten Mal seit Sommer 2025. Der anhaltende Energiepreisdruck infolge des Iran-Konflikts hat die Inflation im Euroraum auf 3,2% steigen lassen. Das ist deutlich über dem erklärten Ziel der EZB von 2,0%. Experten gehen von einer Anhebung des Hauptrefinanzierungssatzes um 25 Basispunkte auf 2,4% aus.
„EZB-Direktorin Isabel Schnabel hat dem geldpolitischen Kurs der Notenbank eine spürbare Tendenz gegeben, indem sie eine Zinserhöhung im Juni öffentlich als ‚nötig‘ bezeichnet hat“, erklärt Antonio Skoro, Geschäftsführer der Qualitypool GmbH. Der Ölpreisschock arbeite sich durch die Wirtschaft und treibe die Inflation über einen beträchtlichen Zeitraum vom Zielwert weg. Auch bei einem raschen Ende des Konflikts im Iran seien Energieinfrastruktur und Lieferketten bereits erheblich beschädigt.
Balanceakt für Währungshüter
„Insbesondere die EZB will verhindern, dass sich höhere Inflationserwartungen verfestigen, sie muss aber gleichzeitig die eher schwache Konjunktur im Blick behalten“, sagt Skoro.
Wie Antonio Skoro spricht auch Florian Pfaffinger, Mitglied im Expertenrat des Kreditvermittlers Dr. Klein, von einem „Balanceakt“ für die EZB. „Bislang haben sich die Währungshütenden angeschaut, wie sich die Folgen der Nahost-Krise auf die europäischen Wirtschaftsdaten auswirken. Ich rechne nun allerdings damit, dass die EZB ihre abwartende Haltung zeitnah zugunsten einer Leitzinserhöhung von voraussichtlich 0,25% aufgeben wird“, so Pfaffinger. Ob weitere Zinsschritte in der zweiten Jahreshälfte folgen werden, bleibe abzuwarten. Das Ziel jedoch sei klar: die Preisstabilität sichern, ohne das Wirtschaftswachstum zu gefährden.
Ein Blick auf die Bauzinsen
Den Zinsschritt der Europäischen Notenbank habe der Markt wohl schon teilweise eingepreist – dennoch dürfte die Unsicherheit über den weiteren geldpolitischen Weg laut Skoro hoch bleiben.
Bei den Bestzinsen für Baufinanzierungen gab es laut Daten von Qualitypool seit Anfang Mai wenig Veränderung: Die Zinsen für zehnjährige Darlehen liegen weiterhin zwischen 3,59 und 3,64%, die 15-jährigen Zinsbindungen zwischen 3,74 und 3,88%. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen bewegte sich zuletzt in einem engen Korridor um 3,0%.
„Seit Jahresbeginn haben die Baufinanzierungszinsen damit nur eine minimale Aufwärtsbewegung vollzogen. Der Einfluss auf die Zinsentwicklung hält sich also bisher trotz des Iran-Konflikts und den damit verbundenen Inflationswerten in Grenzen. Für potenzielle Finanzierungskunden ist das – zumindest vorerst – eine gute Nachricht“, unterstreicht Skoro.
Seitwärtsbewegung mit Schwankungen
Kurzfristig erwarten die Experten von Qualitypool bei den Bauzinsen eine volatile Seitwärtstendenz bis leicht steigende Entwicklung.
Florian Pfaffinger von der Dr. Klein Privatkunden AG berichtet von einer zuletzt größeren Schwankungsbreite. Im Mai pendelte der repräsentative Zins von Dr. Klein für eine zehnjährige Baufinanzierung zwischen 3,47 und 3,69% und liegt aktuell bei 3,50% Prozent (Stand: 08.06.2026). „Die Dynamik bei den Baufinanzierungszinsen hat deutlich zugenommen“, erklärt Pfaffinger. Nichtsdestotrotz sei das Zinsniveau nach wie vor attraktiv. Kaufinteressenten empfiehlt er weiterhin, nicht auf sinkende Zinsen zu spekulieren – „die werden wir aller Voraussicht nach so schnell nicht sehen“, so der Experte von Dr. Klein. Bei den Bauzinsen geht er kurzfristig von einer Seitwärtsbewegung mit Schwankungen aus. „Für die nächsten Wochen ist meines Erachtens eine Seitwärtsbewegung mit Schwankungen von 0,1 bis 0,2 Prozentpunkten realistisch.“ (tik)
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