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18. August 2026
GDV-Chef Asmussen über Altersvorsorge, Prioritäten und Wert der Beratung
GDV-Chef Asmussen über Altersvorsorge, Prioritäten und den Wert der Beratung

GDV-Chef Asmussen über Altersvorsorge, Prioritäten und Wert der Beratung

Die Versicherungswirtschaft steht vor weitreichenden politischen Reformen und großen wirtschaftlichen Herausforderungen. Im Interview spricht GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen über die Prioritäten des Verbands, neue Wachstumsfelder für Versicherer und Vermittler sowie die Zukunft der Altersvorsorge.

Interview mit Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. (GDV)
Herr Asmussen, wie fällt Ihre Zwischenbilanz für das Versicherungsjahr 2026 aus?

Wir rechnen derzeit damit, dass das Prämienwachstum insgesamt etwas unter unserer bisherigen Prognose von 4,7% liegen wird. Das liegt im Wesentlichen daran, dass es im ersten Halbjahr weniger Einmalbeitragsgeschäft in Leben gegeben hat, als wir bei unserer Prognose erwartet hatten.

Welche strategischen Prioritäten hat der GDV als Lobbyverband der Versicherungswirtschaft angesichts aktueller Reformen und Marktveränderungen?

Politisch haben wir in den vergangenen sechs Monaten mehr Bewegung gesehen als in vielen Jahren zuvor. Das Altersvorsorgereformgesetz wurde verabschiedet, die Rentenkommission hat 33 Empfehlungen vorgelegt und auch der Koalitionsvertrag enthält wichtige Vorhaben zu Arbeitsmarkt, Steuern und Bürokratieabbau.

In der zweiten Jahreshälfte beginnt nun die eigentliche Gesetzgebungsarbeit. Die Empfehlungen der Rentenkommission müssen in Gesetze gegossen werden. Wir erwarten außerdem den Gesetzentwurf zur Frühstartrente [Anm. d. Red.: Das Interview wurde geführt, bevor der Gesetzentwurf vom Kabinett verabschiedet wurde.], den angekündigten Sozialpartnerdialog zur betrieblichen Altersversorgung sowie im Bereich Nicht-Leben einen Gesetzentwurf zur Elementarschadenversicherung; da gab es eine Verzögerung, aber meine Erwartung wäre, dass wir einen Gesetzentwurf im vierten Quartal sehen werden. Darüber hinaus bleiben bessere Standortbedingungen und Bürokratieabbau – in Berlin ebenso wie in Brüssel – für uns eine Daueraufgabe.

Das Wachstum der Versicherungswirtschaft beruht derzeit vielfach auf steigenden Beiträgen. Wo sehen Sie die größten Potenziale für organisches, nachhaltiges Wachstum?

Ich glaube, nachhaltig wachsen können wir dort, wo wir reale Absicherungslücken schließen. Der Bedarf an kapitalgedeckter Altersvorsorge besteht weiterhin. Daran ändern auch die geplanten Rentenreformen nichts. Gerade wenn die Menschen wissen, was die gesetzliche Rente künftig leistet, brauchen wir betriebliche und private Vorsorge mit guter Beratung. Daneben gewinnt die betriebliche Krankenversicherung weiter an Bedeutung.

Zudem glaube ich, dass die Elementarschadenversicherung ein Wachstumsfeld ist. Sollte es zu einer Pflichtversicherung mit Opt-out kommen, gäbe es Millionen Gespräche mit potenziellen Kundinnen und Kunden. Auch Cyber bleibt ein wichtiges Wachstumsfeld, denn die Risiken werden in diesem Bereich nicht weniger. Grundsätzlich kann man sagen, dass komplexe Haftungsrisiken ein Feld sind, wo Versicherer und Vermittler als – ich nenne es mal – Risikopartner gefragt sind.

Gleichzeitig kommen wir bei der staatlichen Absicherung – egal ob in der Altersvorsorge, der Krankenversicherung oder der Pflege – an Grenzen. Deshalb sehe ich durchaus Wachstumsfelder, die über reine Beitragserhöhungen hinausgehen.

Der GDV vertritt mehrere Hundert Versicherungsunternehmen hierzulande. Wie gelingt es, diese unterschiedlichen Interessen zu einer gemeinsamen Position zusammenzuführen?

Ich bin zutiefst überzeugt, dass unsere Stärke darin liegt, ein Gesamtverband zu sein. Wir haben in der Tat derzeit 460 Mitglieder. Wir vertreten international tätige Versicherungsgruppen ebenso wie mittelständische Unternehmen und hochspezialisierte Versicherer – etwa Anbieter, die nur bestimmte Risiken oder Regionen absichern. Diese Unternehmen sind alle bei uns. Ich glaube, das ist eine echte Stärke. Im Bankensektor etwa gibt es sechs Verbände. Das schwächt die Interessenvertretung meiner Meinung nach. Auf der anderen Seite müssen wir natürlich sicherstellen, dass wir alle diese Interessen auch gemeinsam abbilden.

Unsere Positionen entstehen von unten nach oben. Dafür haben wir mehr als 200 Gremien. Die Themen werden dort diskutiert und anschließend in den drei Präsidialausschüssen – Leben, Nichtleben und Finanzmarktregulierung – sowie schließlich im Präsidium zusammengeführt. Wenn es unterschiedliche Auffassungen gibt, werden sie auf dieser Ebene entschieden.

Wichtig ist dabei unser Grundsatz „One member, one vote“. Jedes Mitglied hat in der Mitgliederversammlung dieselbe Stimme – unabhängig von seiner Größe. Zugleich haben wir mit dem „Netzwerk Proportionalität“ ein spezielles Format, in dem wir gezielt die Situation kleiner und weniger komplexer Versicherer adressieren, weil sie regulatorische Anforderungen naturgemäß anders bewältigen müssen als große internationale Konzerne.

Mit der Reform der geförderten privaten Altersvorsorge hat sich der GDV dafür ausgesprochen, die verpflichtende Beratung beim Standardprodukt entfallen zu lassen. Vermittlerverbände warnen jedoch vor Nachteilen für Beratungsqualität und Verbraucherschutz. Warum hält der GDV diesen Schritt dennoch für richtig?

Wir nehmen diese Sorge ernst. Ich kenne natürlich die Kritik der Vermittlerverbände an der Position des GDV. Unsere Position bezog sich ausschließlich auf das vom Staat klar definierte kostengedeckelte Standardprodukt mit dem im Gesetz vorgeschriebenen digitalen Abschlussweg. Nach heutiger Rechtslage sind Versicherer und Versicherungsvermittler selbst in diesem Fall zur persönlichen Beratung verpflichtet. So eine Pflicht gibt es in anderen Ländern der EU nicht und auch nicht in anderen Bereichen der Finanzindustrie.

Plattformen, Neobroker oder Banken unterliegen dieser Beratungspflicht für vergleichbare Produkte nicht. Dadurch entstehen unterschiedliche Spielregeln für denselben Produkttyp und denselben Kostendruck. Deshalb haben wir uns dafür ausgesprochen, die Beratungspflicht für dieses Standardprodukt, das laut Gesetzesbegründung prinzipiell ohne Beratung konzipiert ist, entfallen zu lassen, damit die Versicherungsbranche unter gleichen Wettbewerbsbedingungen agieren kann.

Bedeutet das aus Ihrer Sicht, dass persönliche Beratung künftig an Bedeutung verliert?

Nein. Beratung bleibt wichtig und ist sinnvoll – dort, wo sie einen echten Mehrwert bietet. Das gilt insbesondere für individuelle Vorsorgelösungen. Sobald jemand über das Standardprodukt hinausgeht und beispielsweise Berufsunfähigkeitsschutz oder weitere Absicherungen wünscht, verlassen wir den Bereich des Standardprodukts. Dann ist persönliche Beratung aus unserer Sicht weiterhin der richtige Weg.

Unsere Position bezieht sich ausschließlich auf gesetzlich definierte Produkte wie das Standarddepot. Eine Ausweitung unserer Forderung auf andere Aspekte im Versicherungsbereich ist weder unsere Position noch sehe ich dafür derzeit eine politische Diskussion.

Es gibt Zweifel daran, dass das staatliche Standardprodukt in der privaten geförderten Altersvorsorge wie geplant Anfang 2027 starten kann. Was ist Ihre Einschätzung dazu?

Bis heute gibt es keinen Verordnungsvorschlag des Bundesfinanzministeriums, der regelt, wie dieses staatliche Standardprodukt konkret aussehen soll oder wer es umsetzen wird. Deshalb habe ich erhebliche Zweifel, dass ein Start zum 1. Januar 2027 gelingt.

Sollte sich der Start verzögern, wäre ich darüber nicht besonders traurig. Ich gehe davon aus, dass die deutliche Mehrheit unserer Mitgliedsunternehmen ihre Produkte rechtzeitig anbieten kann. Dann können auch die Vertriebe konkret loslegen.

Kommen wir zur Rentenreform. Sie plädieren seit Jahren für mehr Kapitaldeckung in der Altersvorsorge, sehen den zunehmenden staatlichen Einfluss jedoch kritisch. Warum?

Mehr Kapitaldeckung ist richtig – gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels. Deutschland hat im internationalen Vergleich einen unterdurchschnittlichen Anteil kapitalgedeckter Altersvorsorge. Nach OECD-Daten liegen wir auf dem drittletzten Platz und bei unter 15%. Was ich allerdings nicht verstehe, ist, warum der staatliche Anteil kontinuierlich ausgeweitet wird. Wir haben künftig ein staatliches Standardprodukt in der dritten Säule, gleichzeitig soll es Kapitaldeckung in der ersten Säule geben.

Aus meiner Sicht wäre es sinnvoller gewesen, die bestehenden Strukturen der betrieblichen und privaten Altersvorsorge zu stärken. Dort verfügen wir bereits über Produktkompetenz, Regulierung, Beratung und die notwendige technische Infrastruktur. Mehr Kapitaldeckung ist ohne jeden Zweifel richtig – ich glaube aber, dass man dafür die zweite und dritte Säule hätte stärken sollen.

Die betriebliche Altersversorgung gilt weiterhin als Markt mit großem Potenzial, und das soll auch laut den Vorschlägen der Rentenkommission künftig besser ausgeschöpft werden. Hatten Sie auf ein Obligatorium gehofft?

Nein. Die Probleme der betrieblichen Altersversorgung sind seit vielen Jahren dieselben. Eine hohe Verbreitung haben wir vor allem in großen Industrieunternehmen. In kleinen und mittleren Unternehmen sieht das anders aus. Gerade Unternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten erreichen wir bislang nur unzureichend.

Deshalb haben wir uns immer für mehr Verbindlichkeit auf betrieblicher Ebene ausgesprochen – allerdings mit einem Opt-out-Modell und einfachen, standardisierten Angeboten. Ich glaube, dass sich die Verbreitung auf diesem Weg deutlich erhöhen ließe. Die Rentenkommission hat dieses Thema nun an die Sozialpartner verwiesen. Wir werden unseren Vorschlag für ein Basisprodukt in diesen Dialog einbringen. Die betriebliche Altersversorgung bleibt aus meiner Sicht eine große Chance – sowohl für die Beschäftigten als auch für die Versicherungswirtschaft. Entscheidend wird sein, sie gerade in kleineren Unternehmen und im Dienstleistungssektor stärker zu verbreiten und gleichzeitig verständlicher zu machen.

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Porträtfoto: © GDV