Ein Artikel von Mariko Wassy, Bereichsleiterin Technisches Underwriting bei E+S Rückversicherung AG
Schon in den 1980er-Jahren konnte man mit seinem Auto sprechen. Allerdings nur, wenn man Michael Knight hieß und über ein mit künstlicher Intelligenz ausgestattetes Auto namens K.I.T.T. verfügte. Was uns die Fernsehserie „Knight Rider“ damals vor Augen führte, nähert sich heute mit rasanter Geschwindigkeit der Realität. Sprachsteuerung hat nicht zuletzt seit dem Durchbruch von KI-Anwendungen große Fortschritte gemacht und innerhalb weniger Jahre nach Veröffentlichung von ChatGPT Einzug ins Fahrcockpit erhalten.
In Ländern wie China und den USA gehören Robotaxis schon heute mancherorts zum Stadtbild. Lange Zeit galt Tesla als führender Hersteller innovativer Elektroautos. Mittlerweile staunt man jedoch eher über die Fortschritte chinesischer Automarken wie BYD, Nio oder Xpeng.
Warum ist das für Deutschland relevant? Technologische Begeisterung für Elektroautos trifft auch in Europa zunehmend auf erschwingliche Preise – eine Kombination, die auch im deutschen Kfz-Markt Wachstum bei innovativen Elektrofahrzeugen verspricht. Ein Blick auf den chinesischen Markt ist damit ebenso ein Blick in die Zukunft der Mobilität in Europa und bietet relevante Einblicke für Kfz-Versicherer.
„Erlebnis Auto“
Im Jahr 2025 stammten in Deutschland bereits 2,6% der neu zugelassenen Pkw von chinesischen Herstellern. Betrachtet man rein elektrische Modelle, lag der Anteil schon bei über 5%. Damit zeigt sich heute ein signifikantes Wachstum auf kleiner Basis. In China ist die Basis hingegen schon heute deutlich größer: Rund 75% aller E-Autos weltweit werden dort verkauft. Während die Zulassungszahlen insgesamt stagnieren, wächst das E-Auto-Segment dynamisch weiter. Marken wie Li Auto, Geely, BYD oder Nio prägen diesen Trend und setzen neue Impulse.
Mit dieser Dynamik verändert sich jedoch nicht nur die technologische Landschaft, sondern auch das Verständnis davon, was ein Auto heute leisten soll. Immer deutlicher zeigt sich, dass nicht mehr die Mobilität selbst im Zentrum der Vermarktung steht, sondern zunehmend das „Erlebnis Auto“. Moderne Displays, Entertainment-Ausstattung und digitale Vernetzung rücken in den Vordergrund und sprechen eine technikaffine, erlebnisorientierte Zielgruppe an.
Der KI-Assistent NOMI von Nio, ein kleiner, kugeliger Bot auf dem Armaturenbrett, reagiert auf Sprachbefehle und begleitet aktiv durch die Fahrt. NOMI steuert zahlreiche Fahrzeugfunktionen, etwa Klimaanlage, Fenster, Licht, Navigation oder Entertainment, und zwar ohne dass der Fahrende die Hände vom Lenkrad nehmen muss. Dadurch bleibt die Aufmerksamkeit auf der Straße.
Vom Autohaus zum Tech-Store
Mit der neuen Zielgruppe und den zunehmend digitalen Fahrzeugfunktionen verändern sich auch die Vertriebswege. Moderne Elektroautos werden in China heute nicht mehr ausschließlich in großen Autohäusern verkauft – sie rücken zunehmend in die Mitte moderner Tech-Stores. So steht im Shoppingviertel von Shenzhen im Store von Xiaomi ein Modellauto selbstverständlich neben Smartphones, Laptops und Smartwatches. Kunden können dort Sitzbezüge konfigurieren oder Felgen auswählen.
Und dennoch ist nicht alles Gold, was glänzt: Die produzierten Fahrzeuge stoßen im Ausland derzeit noch auf eine vorsichtige Kundschaft. Dabei sind viele chinesische Hersteller ihren Konkurrenten im Ausland heute technologisch weit voraus, insbesondere bei Batterien und beim Thema Sicherheit. So entwickelte BYD etwa eine innovative Batterie, die im Unterschied zu herkömmlichen Akkus selbst bei starker Beschädigung nicht explodiert.
Daten als Schlüssel zum differenzierten Versicherungstarif
Für Versicherer sind bei modernen (Elektro-)Autos vor allem die Assistenzsysteme im Verborgenen relevant. Viele Fahrzeuge verfügen bereits heute über einen hohen Automatisierungsgrad – Abstandswarner, Brems- und Spurhalteassistenten inklusive. Sinkende Schadenhäufigkeiten und steigende Schadendurchschnitte lassen sich bereits heute beobachten.
Ein wesentlicher Unterschied liegt jedoch in der Datengrundlage: Umfassende Fahrzeugdaten werden in China zentral erfasst und auf einer nationalen Plattform zusammengeführt. Aus diesem Datenpool können Softwareunternehmen beispielsweise im Auftrag von Versicherern individuelle Risikoprofile ableiten, die aufgrund der Menge der verfügbaren Informationen deutlich genauer sind. In Deutschland hingegen ist die Nutzung solcher Daten für Telematiktarife noch am Anfang. Mangels umfassend verfügbarer Fahrzeugdaten müssen Versicherer auf alternative Datenerhebungen ausweichen. Eine flächendeckende Datenverfügbarkeit hätte das Potenzial, Tarifierungsansätze grundlegend zu verändern.
Neben der Tarifierung hat die Nutzung künstlicher Intelligenz längst auch die Schadenbearbeitung erreicht. Chinesische Versicherer regulieren Schäden bereits innerhalb weniger Minuten, während in Schaden-Centern KI-Agenten erste Anrufe übernehmen. Dieser Automatisierungsgrad senkt Prozesskosten und kann perspektivisch zu niedrigeren Prämien für Versicherte beitragen.
Rückschlüsse für den deutschen Kfz-Versicherungsmarkt
Bei allem Fortschritt wird es daher entscheidend bleiben, die Märkte nicht isoliert zu betrachten. Chinesische Unternehmen wollen in Europa expandieren und setzen auf Komfort, digitale Features und attraktive Preise. Kommen ihre Fahrzeuge hier flächendeckend auf die Straße und werden Fahrzeugdaten breiter verfügbar, sollten Versicherer diese effizient nutzen, um keinen Nachteil im Pricing zu haben. Auch die Schadenbearbeitung kann davon profitieren, insbesondere bei kleineren Sachschäden, die sich durch digitale Prozesse und automatisierte Analysen deutlich schneller regulieren lassen.
Noch sind die Neuzulassungen chinesischer Marken in Deutschland gering, steigen jedoch kontinuierlich. Langfristig werden hochtechnologisierte Fahrzeuge aus China auch hierzulande Maßstäbe im Zusammenspiel von Mobilität, Technologie und Service setzen und womöglich neue Marktstandards definieren. Dann heißt es allerdings nicht mehr: „K.I.T.T., komm und hol mich ab“, sondern vielleicht: „NOMI, was ist für mich die beste Kfz-Versicherung?“
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