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Modularisierung: Der Schlüssel zu maßgeschneiderten Eigenheimpolicen
06. Oktober 2020

Modularisierung: Der Schlüssel zu maßgeschneiderten Eigenheimpolicen

Versicherungsprodukte von der Stange sind nicht mehr zeitgemäß. Das trifft auch auf Versicherungen zum Schutz des Eigenheims zu. Die klassische Produktaufteilung in Sparten wie Wohngebäude oder Hausrat ist überholt. Kunden denken nicht in Sparten, sondern in Problemen und Risiken, die sie in ihrem persönlichen Umfeld wahrnehmen.


Versicherungsprodukte von der Stange sind nicht mehr zeitgemäß. Das trifft auch auf Versicherungen zum Schutz des Eigenheims zu. Die klassische Produktaufteilung in Sparten wie Wohngebäude oder Hausrat ist überholt. Kunden denken nicht in Sparten, sondern in Problemen und Risiken, die sie in ihrem persönlichen Umfeld wahrnehmen.


Modularisierung: Der Schlüssel zu maßgeschneiderten Eigenheimpolicen
Von Dr. Marco Felten, Bereichsverantwortlicher Produktmanagement der Konzept & Marketing GmbH

Ein Kunde würde niemals auf die Idee kommen, einen Leitungswasserschaden von zwei unterschiedlichen Versicherungen regulieren zu lassen. Das ergibt aus Kundensicht schlichtweg keinen Sinn. Daher kann für eine kundenorientierte Produktgestaltung auch nur die Lebenswelt des Kunden ein geeigneter Maßstab sein. Statt starrer Produkte in vordefinierten Sparten wünschen sich Kunden einen individuellen Schutz, der alle für sie relevanten Gefahren absichert. Möglich wird dies durch einen modularen Produktaufbau. Dadurch können Kunden einzelne Module gleich einem Baukasten flexibel zu einem neuen Produkt und damit zu ihrer ganz persönlichen Versicherung zusammensetzen.

Ursprung der Modularisierung: Die Automobilwirtschaft

Erfolgreich vorgemacht hat es die Automobilindustrie, in der die Modularisierung ihren Ursprung im Japan der 1990er-Jahre genommen hat. Das dort entwickelte „Lean Management“-­Konzept verfolgt die wesentliche Zielsetzung, Verschwendung im Produktionsprozess zu vermeiden. Dafür sind die Ver­ringerung von Komplexität, eine schlanke Produktion sowie die Steigerung der Flexibilität und eine strikte Kunden­orientierung wichtige Merkmale.

Individualisierung und Standardisierung zugleich

Mit diesem Konzept ist es den Automobilherstellern gelungen, die Vorteile von Individualisierung und Standardisierung miteinander zu verknüpfen. Der dafür erforderliche hierarchische Produktaufbau besteht aus Produkt, Baugruppe und Komponente. Durch die flexible Kombination standardisierter Komponenten und Baugruppen werden schließlich individuelle Produkte geschaffen. So kann eine große Zahl maßgeschneiderter Produkte schnell und effizient produziert werden.

Kleidergrößenprinzip dominiert noch

Das Streben nach Modularität ist auch in der Versicherungswirtschaft nicht neu. Denn während modulare Produkte zum einen den Wunsch der Kunden nach mehr Individualität erfüllen, bieten sie Anbietern zugleich die Möglichkeit, ihre Produktmodelle über alle Sparten hinweg zu standardisieren und von den damit einhergehenden Vorteilen zu profitieren: geringerer Administrationsaufwand, beschleunigte Produktentwicklung sowie die Freisetzung von Ressourcen, um mehr Innovationen zu entwickeln. Dennoch tut sich die Versicherungsbranche noch immer schwer mit einem Umbau ihrer bestehenden Produktarchitektur. In der Regel sind die Produkte nach dem klassischen Kleidergrößenprinzip (S, M, L) aufgestellt. Zudem sind Möglichkeiten zur Individualisierung nur selten gegeben.

Komplexe IT-Systemlandschaften als Haupthindernis

Das Problem sind vor allem die viel zu komplexen IT-Systemlandschaften von Versicherungsunternehmen. Besonders bei großen Gesellschaften sind diese über Jahrzehnte gewachsen und haben eine Vielzahl von Software-Evolutionen sowie Komplexitätssteigerungen beispielsweise durch Unternehmenszukäufe erlebt. Änderungen an diesen Systemlandschaften sind kompliziert und aufwendig. So nimmt der Aufwand für die technische Anpassung der IT mittlerweile den größten Teil der Produktentwicklungskosten ein. Neben einer Menge Geld kosten diese Änderungen vor allem Zeit. Nach Angaben des Beratungsunter­nehmens zeb beträgt die Weiterentwicklungszeit bestehender Produkte in der deutschen Versicherungswirtschaft zwischen 12 und 18 Monaten.

Vor diesem Hintergrund wird die Änderung von bestehenden Strukturen zur Etablierung modularer Produkte zur Herkulesaufgabe. Dass eine Modernisierung der Systemlandschaften dennoch unumgänglich ist, haben viele Versicherer zwar erkannt, aber noch lange nicht abgeschlossen. Bis die alten Systeme durch neue Plattformen mit einer deutlich schnelleren Produktmigration ersetzt werden, wird es noch einige Zeit dauern.

Modulare Ergänzungen bislang vor allem in Kompositprodukten

Während Versicherungen von einer spartenunabhängigen Modularität also noch ein gutes Stück entfernt sind, gibt es durchaus Produkte, die mit ergänzenden Modulen bereits spartenfremde Leistungen einschließen und damit im Interesse ihrer Kunden neue Synergien schaffen.

Vorwiegend sind solche Produkte mit modularen Ansätzen in der Kompositsparte zu finden, wie eine Studie des Beratungsunternehmens Simon-Kucher & Partners bestätigt. Über die Hälfte der Wohngebäude- und Hausrattarife werden demnach mit ergänzenden Modulen angeboten. Etabliert hat sich unter Versicherern vor allem das Angebot von Modulen zur Absicherung zusätzlicher Risiken wie Elementarschaden, Glasbruch, Fahrraddiebstahl oder Reisegepäck.

Einige Versicherer orientieren sich immer stärker an der Lebenswelt ihrer Kunden und erkennen deren Absicherungsbedarf. So sind zum Beispiel mit der zunehmenden Fahrradliebe der Deutschen in jüngster Vergangenheit auch immer mehr Module mit einem Kaskoschutz für Fahrräder und E-­Bikes zu finden.

Spartenübergreifende Synergien

Mithilfe solcher Module können durch eine Kombination klassischer Spartenprodukte neue Leistungen entstehen, die Kunden sogar vor bislang unbeachteten, aber durchaus bedrohlichen Risiken schützen. Ein Beispiel dafür ist der Tarif­baustein „Internet & Cyber“ als Ergänzung zur K&M-Hausratversicherung allsafe home, der zum einen die Leistungen eines privaten Cyberversicherungsschutzes enthält und zum anderen durch die Kombination mit dem Hausratschutz das Risiko des spurenlosen Einbruchdiebstahls abdeckt.

Beispiel: Wenn Einbrecher durch eine Manipulation der Smart-Home-Anlage die Tür öffnen, gelangen sie ins Haus, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. Gewöhnliche Hausrattarife helfen hier nicht weiter, weil diese den Nachweis physischer Einbruchspuren wie zum Bespiel eingeschlagener Fenster oder aufgebrochener Türen verlangen. Mit dem optionalen „Internet & Cyber“-Schutz genügt der Nachweis einer Cyber­attacke auf die Smart-Home-Anlage. Der Baustein erweitert also physische um digitale Gefahren und schließt damit eine Lücke in der Absicherung smartvernetzter Eigenheime.

Erweiterungsmöglichkeiten durch neue Module

Neue Module werden also nicht nur den Schutz vor herkömmlichen Gefahren wie Sturm, Feuer und Leitungswasser erweitern, sondern mit zunehmender Verbreitung smarter Gebäudetechnik neue und spartenfremde Gefahren und dadurch mögliche Folgeschäden absichern. Ein Beispiel dafür wäre ein Cyberangriff auf die smartgesteuerte Heizungsanlage und ein daraus resultierender Frostschaden wegen der ausgefallenen Heizung infolge eines Cyberangriffs.

Versicherungen werden endlich individualisierbar

Die Zahl modularer Produkte bzw. von Produkten mit modularen Ergänzungen wird weiter zunehmen. Schließlich lassen sich diese besser als je zuvor dem Kundenbedarf anpassen. In anderen Worten: Versicherungen werden endlich individualisierbar. Eine Anforderung, die lange vernachlässigt wurde.

Den Artikel lesen Sie auch in AssCompact 09/2020 und in unserem ePaper.

Bild: © CrazyCloud – stock.adobe.com


Dr, Marco Felten Dr, Marco Felten



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