4,5% Bauzinsen – für viele Menschen ist das derzeit eine wichtige Zahl, an der sich die Debatte über Wohneigentum mitentscheidet. Dabei führt der Vergleich mit den vergangenen Jahren leicht in die falsche Richtung. Die Zinsen von unter 1% in den Jahren 2020 und 2021, die bei sehr guten Finanzierungen bereits Ende 2019 erreichbar waren, waren keine Normalität, sondern eine historisch niedrige Ausnahme. Anfang der 1980er-Jahre lagen langfristige Bauzinsen bei rund 10%, um die Jahrtausendwende bei etwa 6%.
Warten ist nicht die beste Option
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Kommen die Niedrigzinsen irgendwann zurück? Sondern, was viel wahrscheinlicher ist: Was mache ich, wenn sie es voraussichtlich nicht tun? Angefangen mit der Pandemie, den Lieferkettenproblemen, der Deglobalisierung, dem Krieg in der Ukraine, der Energiekrise bis hin zum Krieg im Persischen Golf haben uns all diese Ereignisse und ihre Folgen in eine Spirale der steigenden Kosten, Inflation, steigenden Staatsverschuldung vieler Länder und einer großen Verunsicherung geführt. Das Resultat zeigt sich in den weltweiten Bondmärkten. Gleichzeitig wächst der weltweite Finanzierungsbedarf – für Verteidigung, Gesundheit und Soziales, Infrastruktur, Energiewende, Bildung, Digitalisierung und den Wohnungsbau. Ein Bauzins von 5% oder gar 6% ist in einem solchen Umfeld denkbar, lässt sich heute aber nicht seriös prognostizieren. Umso weniger sollte eine Kaufentscheidung allein auf der Erwartung beruhen, dass sich die Konditionen für Baufinanzierungen bald wieder dem Niveau von 2020 annähern.
Welche Faktoren nun wieder an Relevanz gewinnen
Die neue Zinslage rückt Faktoren wieder stärker in den Vordergrund, die in den Jahren extrem günstiger Finanzierungszinsen oft weniger ins Gewicht fielen: die langfristige Tragfähigkeit der Rate, der energetische Zustand, die Qualität des Standorts sowie die eigene Immobilie als sichere Geldanlage. Das ist der Zeitpunkt, an dem sich der Markt neu sortiert. Nicht jede Immobilie, die in der Niedrigzinsphase einen Käufer gefunden hätte, wird ihren Preis heute in ähnlicher Weise behaupten können.
In den Niedrigzinsjahren ließ sich ein zu hoher Kaufpreis häufig über steigende Preise und günstige Konditionen auffangen. Heute muss die Immobilie überzeugen: durch die gute Lage, die Substanz, den Energieverbrauch, die Wertstabilität und einen Preis, der zur tatsächlichen Nachfrage passt.
Energieeffizienz fällt stärker ins Gewicht
Die neue Zinsrealität hat damit auch den Blick auf den energetischen Zustand einer Immobilie verändert. Wenn die Finanzierung einen großen Teil des monatlichen Budgets beansprucht, bleibt weniger Spielraum für hohe Energiekosten oder teure Modernisierungen. Käufer rechnen deshalb nicht nur den Kaufpreis, sondern auch den künftigen Investitionsbedarf und die laufenden Ausgaben genauer mit. Eine Immobilie mit hohen Sanierungsaufwand kann trotz niedrigerem Angebotspreis an Attraktivität verlieren. Gut modernisierte oder neuwertige Immobilien in guten und gefragten Lagen sind dagegen wieder deutlich beliebter. Die Nachfrage wird nicht pauschal schwächer – sie verschiebt sich wieder zu den wertigen Immobilien und zu den guten und somit wertstabilen Wohnlagen.
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