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22. Juli 2026
Ohne Prävention kein Versicherungsschutz: Chance oder Belastung?
Ohne Prävention kein Versicherungsschutz: Chance oder Belastung?

Ohne Prävention kein Versicherungsschutz: Chance oder Belastung?

Prävention gewinnt im Gewerbeversicherungsgeschäft an Bedeutung. Versicherer prüfen genauer, Unternehmen und Versicherungsmakler sind stärker beim Managen von Risiken gefordert. Entsteht daraus ein neues Spannungsfeld oder profitieren am Ende alle davon?

„Der beste Schaden ist der, der gar nicht erst entsteht“ – dieser Satz dürfte jedem in der Versicherungswirtschaft geläufig sein. Er bringt den Grundgedanken der Schadenprävention treffend auf den Punkt. Tatsächlich gewinnen Maßnahmen zur Risikoreduzierung aufseiten der Versicherungsnehmer im Zusammenhang mit dem Abschluss von Versicherungsschutz zunehmend an Bedeutung. Vor allem in der Kompositversicherung erwarten Versicherer von ihren Kunden immer häufiger konkrete Maßnahmen zur Schadenvermeidung. Das gilt insbesondere im Gewerbe- und Industriekundengeschäft.

Für Versicherungsmakler stellt sich damit die Frage, welche Auswirkungen diese Entwicklung auf die Beratungspraxis hat. Ebenso relevant ist, ob sich Investitionen in Präventionsmaßnahmen für Kunden wirtschaftlich auszahlen – etwa durch günstigere Prämien oder verbesserte Versicherungsbedingungen.

Dass Prävention im Markt an Bedeutung gewinnt, zeigt auch die aktuelle AssCompact AWARD-Studie „Gewerbliches Schaden-/Unfallgeschäft“. Demnach geben 50% der befragten Versicherungsmakler an, dass präventive Maßnahmen bereits vor Vertragsabschluss wichtiger werden. 70% erleben zudem, dass Versicherer deutlich höhere Anforderungen an die Risikoinformationen der Unternehmen stellen.

Prävention war aber schon immer Bestandteil eines professionellen Risikomanagements und eine Voraussetzung für die Versicherbarkeit. Neue datenbasierte Technologien und detailliertere Risikobewertungen eröffnen heute neue Möglichkeiten, Risiken präziser zu analysieren und Präventionsmaßnahmen gezielter einzusetzen.

Prävention als Voraussetzung für Versicherungsschutz?

Bedeutet diese Entwicklung, dass Unternehmen künftig ohne Präventionsmaßnahmen keinen Versicherungsschutz mehr erhalten? Eine pauschale Antwort gibt es darauf nicht. Vielmehr hängt dies von Branche, Sparte und Risikoprofil ab. Besonders wichtig ist Prävention dort, wo hohe Schadenpotenziale bestehen, etwa bei Feuer-, Naturgefahren-, Cyber- oder Betriebsunterbrechungsrisiken. Hinzu kommen in einigen Bereichen gesetzliche und behördliche Vorgaben, beispielsweise in der Umwelthaftpflicht. Auch bei kleinen und mittleren Unternehmen mit kritischer Infrastruktur oder komplexen Lieferketten gewinnt Prävention zunehmend an Bedeutung.

Für Andreas Faden, Geschäftsführer des Versicherungsmaklers Leue & Nill, ist die Entwicklung eindeutig: „Prävention wird vom Nice-to-have zum Must-have. Versicherer kalkulieren zunehmend noch stärker risikobasiert. Wer präventiv handelt, zahlt weniger. Ohne Prävention wird Versicherungsschutz in vielen Branchen zwar nicht unmöglich werden, aber zunehmend wirtschaftlich unattraktiv. Hochexponierte Branchen werden nicht mehr versicherbar sein.“

Auch für Christoph Willi, Vorstand Schadenversicherung der Helvetia Deutschland, gehören Versicherungsschutz und Prävention untrennbar zusammen: „Die Versicherung eines Risikos ist Teil des Risikomanagements. Dem Entschluss, ein Risiko zu versichern, gehen die Fragen voraus, wie Risiken vermieden oder vermindert werden können. In diesem Sinne ist Prävention schon immer eine Voraussetzung für ein professionelles Risikomanagement und die Versicherbarkeit gewesen. Wichtige Präventionsmaßnahmen sind beispielsweise Brandschutz oder der Schutz vor Naturgefahren. Damit schützen wir in erster Linie Menschenleben und natürlich auch Sachwerte als Existenzgrundlage für Unternehmen.“

Besteht die Gefahr einer Versicherungslücke?

Mit steigenden Präventionsanforderungen stellt sich allerdings die Frage, ob bestimmte Unternehmen dadurch vom Versicherungsschutz ausgeschlossen werden könnten. Hier sind die Einschätzungen von Makler und Versicherer nicht ganz einhellig.

Versicherungsmakler Faden sieht durchaus Risiken für kleinere Unternehmen: „Ja, diese Gefahr besteht – besonders bei kleineren Unternehmen mit knappen finanziellen Ressourcen. Die Herausforderung: Präventionskosten übersteigen regelmäßig die Prämienersparnis. Unsere Aufgabe als Makler ist es, skalierbare Präventionslösungen zu vermitteln und Versicherer für flexible Modelle zu sensibilisieren. Sonst riskieren wir eine Versicherungslücke im Mittelstand.“

Der Versicherer Helvetia bewertet das Risiko einer Versicherungslücke hingegen kleiner. Willi erklärt: „Wir schätzen diese Gefahr als sehr gering ein. Selbstverständlich müssen die Kosten für Prävention risikobasiert kalkuliert und bewertet werden. Aus Kostengründen auf notwendige Maßnahmen zu verzichten und den - potenziellen - Schaden an den Versicherer weiterzureichen, kann jedoch keine Lösung sein. Kosten für Präventionsmaßnahmen können auch über einen vereinbarten Zeitraum verteilt, Versicherungsdeckungen angepasst und damit partnerschaftliche Lösungen zwischen Unternehmenskunden und Versicherern gefunden werden. Ziel ist es nicht, Unternehmen vom Versicherungsschutz auszuschließen, sondern Risiken gemeinsam beherrschbar zu machen und langfristig bezahlbaren Versicherungsschutz sicherzustellen.“ Für Willi sind Investitionen in Prävention deshalb keine Zusatzkosten, sondern Bestandteil eines professionellen Risikomanagements und damit eine Investition in die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens.

Auch Faden plädiert für einen partnerschaftlichen Ansatz: „Als internationaler Makler sehen wir: Prävention ist keine Schikane, sondern Risikomanagement im eigenen Interesse. Versicherer müssen aber aufpassen, dass sie KMUs nicht überfordern und letztlich ökonomisch akzeptable Anforderungen stellen. Die Lösung liegt in Partnerschaften – Makler, Versicherer und Präventionsdienstleister müssen gemeinsam praxistaugliche, bezahlbare Lösungen entwickeln.“

Dass sich Prävention finanziell für ein Unternehmen lohnen kann, bestätigt übrigens die AssCompact AWARD-Studie: 53% der befragten Makler beobachten, dass präventive Maßnahmen zu günstigeren Versicherungsprämien führen.

Prävention braucht auch Verlässlichkeit

Fest steht: Prävention entwickelt sich zunehmend von einer Art Empfehlung zu einem festen Bestandteil der Risikobewertung. Für Makler bedeutet das, das Thema noch stärker in die Beratung zu integrieren und Kunden frühzeitig auf mögliche Anforderungen der Versicherer vorzubereiten. Gleichzeitig brauchen Unternehmen Planungssicherheit. Investieren sie erhebliche Summen in Präventionsmaßnahmen, um Versicherungsschutz zu erhalten, dürfen sie nicht bereits im nächsten Renewal mit neuen, unerwarteten Anforderungen konfrontiert werden. Entscheidend wird daher sein, dass Präventionsvorgaben nachvollziehbar, planbar und wirtschaftlich vertretbar bleiben. Denn langfristig dürfte bezahlbarer Versicherungsschutz nur dort gelingen, wo Versicherer, Makler und Unternehmen Risiken gemeinsam beherrschbar machen. (bh)