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12. März 2026
Prävention mit Daten: Zukunft der Risikosteuerung
Prävention mit Daten: Zukunft der Risikosteuerung

Prävention mit Daten: Zukunft der Risikosteuerung

Steigende Schadenaufwendungen, Inflation, Naturereignisse und komplexe Lieferketten belasten die Industrieversicherung. Marktreaktionen wie höhere Prämien und steigende Selbstbehalte sind nachvollziehbar, adressieren jedoch vor allem die Finanzierung des Risikos – nicht seine Ursache.

Ein Gastbeitrag von Artur Reimer, CEO der corify GmbH

Für Industrieunternehmen ist die Versicherungsprämie ein kalkulierbarer Kostenblock. Sie definiert den Preis der Risikofinanzierung. Der eigentliche Belastungsfaktor entsteht jedoch durch das Schadenereignis selbst. Auch wenn Sachschäden und Betriebsunterbrechungen versichert sind, tritt der operative Einschnitt real ein: Produktionslinien stehen still, Lieferverpflichtungen können nicht eingehalten werden, Vertragsstrafen drohen, Kunden weichen auf Wettbewerber aus, Marktanteile gehen verloren. Gleichzeitig werden interne Ressourcen gebunden – Management, Technik, Einkauf und Recht arbeiten über Wochen oder Monate an Wiederanlauf, Ersatzbeschaffung und Abstimmung mit Versicherern.

Prävention ist keine optionale Ergänzung

Diese indirekten Folgen sind häufig nicht vollständig kompensierbar. Lieferketten müssen neu aufgebaut werden. Kundenbeziehungen leiden, und auch das Vertrauen von Geschäftspartnern und Kapitalgebern kann beeinträchtigt werden. Investitionspläne werden verschoben, weil Liquidität gebunden ist. Selbst bei vollständiger finanzieller Entschädigung bleibt der strategische und reputative Schaden bestehen.

Gleichzeitig wirken steigende Schäden auch auf die Versicherer zurück. Wenn Schadenaufwendungen strukturell zunehmen, geraten Combined Ratios unter Druck. Die Folge sind Anpassungen bei Kapazitäten, Bedingungen oder Preisstrukturen. Es entsteht eine Wechselwirkung: Schäden belasten Unternehmen operativ – und verändern zugleich die Risikotragfähigkeit des Marktes. Prävention ist damit keine optionale Ergänzung, sondern ökonomische Notwendigkeit für beide Seiten.

Prävention ist etabliert – aber strukturell begrenzt

Der Markt hat das Thema Prävention längst erkannt. Zahlreiche Versicherer verfügen über eigene Risk-Engineering-Teams, führen systematische Standortanalysen durch und geben konkrete Empfehlungen zu Brandschutz, Anlagensicherheit, Prozessstabilität oder organisatorischen Maßnahmen. Einige internationale Anbieter stellen die ingenieurtechnische Risikobewertung in den Mittelpunkt ihres Modells und verknüpfen technische Analyse eng mit Underwriting und Preisgestaltung. Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung im Cyberbereich: Mindestanforderungen an IT-Sicherheit, Schulungsprogramme oder technische Schutzmaßnahmen sind häufig Voraussetzung für den Versicherungsschutz. Prävention wird hier zur Bedingung der Versicherbarkeit.

Rolle des Maklers verschiebt sich hin zum Risikomanager

Auch große Maklerhäuser haben spezialisierte Risikomanagement-Einheiten aufgebaut. Sie führen Risiko-Workshops durch, analysieren Schadenverläufe und beraten Unternehmen bei der strategischen Balance zwischen Eigenbehalt, Prävention und Versicherung. Die Rolle des Maklers verschiebt sich damit zunehmend vom Verhandler zum Risikomanager.

Dennoch stoßen diese Ansätze in der Praxis an strukturelle Grenzen. Risikoingenieure betrachten einzelne Standorte zu definierten Zeitpunkten. Makler analysieren Programme im Rahmen von Renewal-Zyklen. Versicherer bewerten Risiken spartenbezogen. Schadendaten werden zwar erfasst, aber nicht immer systematisch mit strukturierten Risikobeschreibungen verknüpft. Unterschiedliche Datenformate, individuelle Excel-Listen und unstrukturierte Textfelder erschweren Vergleichbarkeit und Skalierung.

Der Engpass liegt daher weniger im fehlenden Engagement als in der Datenbasis. Solange Risiken nicht konsistent, standardisiert und vergleichbar beschrieben werden, bleiben selbst gute Präventionsservices punktuell. Technologien wie datenbasierte Analytik oder Künstliche Intelligenz entfalten ihr Potenzial nur auf strukturierten Daten. Ohne gemeinsame Risikosprache bleiben Analysen fragmentiert.

Der Hebel liegt in der gemeinsamen Risikostruktur

Wirksame Risikosteuerung setzt dort an, wo Risiken als strukturierte Objekte erfasst, historisiert und mit Schadendaten sowie externen Informationen, etwa zu Naturgefahren, Infrastruktur oder klimatischen Veränderungen, verknüpft werden. Erst dadurch entstehen belastbare Muster und priorisierbare Handlungsfelder.

Hier setzt der Ansatz von corify an. Mit einem standardisierten Risk Object Model werden Risikoinformationen standort-, technologie- und branchenübergreifend vergleichbar gemacht. Dadurch entsteht eine konsistente Datengrundlage, die es erlaubt, Risiken systematisch auszuwerten, nicht nur im Einzelfall, sondern unternehmens- und marktübergreifend.

Werden strukturierte Risikodaten mit historischen Schadenerfahrungen und externen Gefährdungsdaten kombiniert, lassen sich Trends erkennen, Risikokonzentrationen identifizieren und potenzielle Schadenkonstellationen frühzeitig sichtbar machen. Risikoingenieure können gezielter priorisieren, Makler fundierter beraten und Versicherer Portfolios präziser steuern. Künstliche Intelligenz kann auf dieser Basis Zusammenhänge erkennen, Szenarien simulieren und konkrete Maßnahmen vorschlagen – nicht als Ersatz menschlicher Expertise, sondern als deren Beschleuniger.

Fazit: Risikosteuerung ist eine Frage der Transparenz

Industrieversicherung wird langfristig nicht allein durch Preismechanismen stabilisiert, sondern durch bessere Entscheidungen. Diese entstehen dort, wo Risiken transparent, vergleichbar und datenbasiert analysierbar sind.

Für Makler bedeutet das eine strategische Rolle als Risikomanager. Für Versicherer bedeutet es die konsequente Verzahnung von Daten, Engineering und Portfoliosteuerung. Und für Industrieunternehmen bedeutet es, Prävention als integralen Bestandteil unternehmerischer Steuerung zu verstehen – nicht als Reaktion auf Schadenereignisse, sondern als Teil der Wertschöpfung.

Der Schritt vom Risikotransfer zur aktiven Risikosteuerung beginnt mit einer gemeinsamen Datenbasis. Wer Risiken strukturiert erfasst und intelligent auswertet, schafft die Voraussetzung dafür, Schäden früher zu erkennen, gezielt zu vermeiden und wirtschaftliche Resilienz nachhaltig zu stärken.

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