Eine Kolumne von Dr. Andreas Kick, Geschäftsführer des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP)
Die Reform der geförderten privaten Altersvorsorge nimmt langsam Konturen an und setzt dabei auf zwei Produktlinien, die bewusst unterschiedliche Bedürfnisse adressieren sollen. Neben sicherheitsorientierten Garantieprodukten soll künftig auch ein renditeorientiertes Altersvorsorgedepot ohne Garantien möglich sein.
Ergänzend ist ein Standarddepot vorgesehen: Wer keine individuellen Entscheidungen treffen möchte, kann ein vorher durch den Anbieter definiertes Portfolio aus zwei Fonds mit unterschiedlicher Risikoausprägung und vorgegebenem Mischverhältnis wählen. Für dieses Standarddepot ist ein Kostendeckel von 1,5% geplant und genau darüber wird derzeit intensiv gestritten.
Kostendeckel: Worauf beziehen sich die 1,5% überhaupt?
Die Fronten sind schnell beschrieben. Die einen halten 1,5% für viel zu hoch, weil sie befürchten, dass unnötig Kosten im Finanzsektor verbleiben. Die anderen argumentieren, 1,5% sei zu niedrig, wenn man Produktvielfalt erhalten will, etwa auch jenseits reiner ETF-Lösungen. Darüber hinaus reiche der zu erwartende Wettbewerb aus, um zu hohe Kosten zu vermeiden. Doch auf was beziehen sich die 1,5% denn nun?
Einordnung: Es geht nicht darum, einzelne Kostenarten wie Abschluss- und Vertriebskosten auf 1,5% zu begrenzen – auch wenn dies zurzeit häufig zu lesen ist. Der Gesetzentwurf stellt klar, dass es um die Effektivkosten geht, also um die durchschnittliche jährliche Renditeminderung durch Kosten über die Vertragslaufzeit. Damit wird nicht ein einzelner Gebührenblock gedeckelt, sondern die Gesamtkostenwirkung auf die Rendite. Effektivkosten sind eine Kennziffer, die zeigt, um wie viele Prozentpunkte pro Jahr die Gesamtkosten eines Vertrags die Rendite reduzieren. Und Gesamtkosten heißt: In dieser Kennziffer stecken nicht nur laufende Verwaltungskosten, sondern auch Abschluss und Vertrieb sowie – bei kapitalmarktorientierten Produkten besonders relevant – die Kosten der Kapitalanlage, wie etwa Fondskosten.
Wie ist der Kostendeckel einzuordnen?
Wie ist der Deckel von 1,5% einzuordnen? Aktuelle Analysen des IVFP zeigen, dass moderne Fondspolicen bei langen Laufzeiten im Mittel rund 1,2% Effektivkosten (es handelt sich hierbei um Normaltarife mit voller Provision und nicht etwa um Honorartarife) erreichen können, wenn bspw. ein ETF mit 0,2% laufenden Kosten zugrunde gelegt wird.
Das bedeutet zweierlei: Erstens gibt es bereits heute Produkte, die einen Kostendeckel in dieser Größenordnung einhalten und dabei zum Teil deutlich flexibler sind als das oben genannte Standardprodukt. Zweitens spricht vieles dafür, dass sich zusätzliche Aufwände, etwa für die Zulagenverwaltung, über ein konsequent standardisiertes Design und geringere Komplexität zumindest teilweise auffangen lassen. Für mittlere bis lange Laufzeiten erscheint ein Deckel von 1,5% (möglicherweise sogar etwas darunter) damit grundsätzlich machbar.
Ohne Beratung kein Erfolg?
In dieser Debatte darf ein Punkt jedoch nicht untergehen: Beratung ist und bleibt ein zentraler Baustein dafür, dass Menschen überhaupt Altersvorsorge betreiben. Das gilt erst recht in einer Reformwelt, die zusätzliche neue Wahlmöglichkeiten eröffnet: Standarddepot oder AV-Depot? Was ist gefördert? Gibt es Alternativen? Welche Kapitalanlage passt? Soll diese aktiv oder passiv gemanagt werden? Mit oder ohne Garantie? Und welche Konsequenzen hat das über die Laufzeit, wenn sich Lebenssituation, Präferenzen und Risikoprofil verändern, etwa beim Übergang in die Entnahmephase?
Hinzu kommt die Riester-Welt: Kann ein Wechsel sinnvoll sein, ist Beitragsfreistellung die bessere Lösung oder sollte man bestehende Verträge weiterführen? Es ist davon auszugehen, dass diese zusätzliche Komplexität den Beratungsbedarf weiter erhöht oder anders formuliert: Ohne Beratung – und sei das Produkt noch so attraktiv – ist nicht von einem flächendeckenden Erfolg des Altersvorsorgedepots auszugehen.
Kostengünstige Lösungen
Gleichzeitig wird es im neuen System auch sehr günstige Wege geben. Wer sich in Finanzfragen selbst gut auskennt, bereit ist, die notwendigen Entscheidungen eigenständig zu treffen und einen Online-Direktabschluss nutzt, wird attraktive Lösungen finden, teils auch deutlich unter 1% Effektivkostenbelastung.
Direktbanken und Neobroker dürften hier die Kosten-Benchmark setzen und damit den Wettbewerbsdruck auf den Gesamtmarkt erhöhen. Allerdings kommen im Kontext der staatlich geförderten Vorsorge zusätzliche Pflichtbausteine hinzu, etwa Zertifizierung, die Anbindung einer Zulagenverwaltung und gegebenenfalls Mechanismen wie Ablaufmanagement. Diese Komponenten kosten Geld, dürften aber bei konsequent einfacher Produktgestaltung beherrschbar bleiben. Somit werden auch viele „normale“ AV-Depotslösungen vermutlich unter der Ein-Prozent-Hürde bleiben, vorausgesetzt die Kapitalanlage ist schlank und kosteneffizient aufgesetzt.
Fazit
Am Ende könnte genau darin die Stärke der Reform liegen: Es wird für nahezu jede Zielgruppe ein ausreichendes Angebot geben. Einerseits für finanzaffine Sparer:innen extrem günstige, digitale Lösungen (mit eigener Verantwortung für regelmäßige Überprüfung, sofern nicht das Standarddepot gewählt wird) und anderseits für alle die Unterstützung wünschen beratungsintensivere Konzepte, die idealerweise passgenau ausgestaltet und über die Laufzeit begleitet werden.
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