Interview mit Martin Markowsky, Geschäftsführer der DOGVERS GmbH
Herr Markowsky, welchen Stellenwert haben Haustiere heute in der Gesellschaft?
Haustiere haben in Deutschland einen sehr hohen Stellenwert. Für viele Menschen sind sie längst ein fester Teil der Familie und nicht mehr nur ein Begleiter im Alltag. Diese Entwicklung war schon vor der Corona-Pandemie sichtbar, hat sich in dieser Zeit aber deutlich beschleunigt.
Während der Pandemie haben sich viele Menschen ein Tier angeschafft. Der Wunsch nach Nähe, Struktur im Alltag und emotionaler Unterstützung hat dazu geführt, dass v. a. Hunde stark nachgefragt waren. Gleichzeitig hat sich die Bindung zwischen Mensch und Tier intensiviert, da viele Besitzer deutlich mehr Zeit mit ihren Tieren verbringen konnten. Diese Entwicklung wirkt bis heute nach. Damit steigt gleichzeitig die Bereitschaft, Geld in Gesundheit, Ernährung und Absicherung der Tiere zu investieren. Doch es gibt auch eine problematische Seite: Nach der Pandemie ist eine große Zahl von Hunden wieder abgegeben worden und viele Tierheime standen plötzlich vor massiven Herausforderungen.
Gibt es denn Zahlen dazu, wie viele Menschen für ihre Tiere eine Versicherung abgeschlossen haben?
Die Zahlen schwanken je nach Quelle, aber ein klares Bild zeigt sich trotzdem. In Deutschland sind mehrere Millionen Hunde und Katzen kranken- oder OP-versichert. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 15 bis 20% der Hunde eine OP- oder Krankenversicherung haben. Bei Katzen ist die Quote deutlich niedriger. Es hat eine Zeit gedauert, bis bei Katzenhaltern die deutlich höheren Kosten durch die geänderte Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) angekommen sind. Seit dieser Anpassung sind die tierärztlichen Kosten für Katzen denen für Hunde gleichgestellt. Katzen gelten statistisch aber als weniger krankheitsanfällig, weshalb viele Halter die steigenden Kosten zunächst nicht unmittelbar gespürt haben. Inzwischen erkennen immer mehr Katzenhalter, welche finanziellen Risiken mit tierärztlichen Behandlungen verbunden sind. Entsprechend steigen aktuell auch die Zahlen bei der Absicherung von Katzen. Doch es besteht hier noch erhebliches Wachstumspotenzial.
Sie haben kürzlich einen LinkedIn-Beitrag veröffentlicht, in dem es um eine verpflichtende Hundekrankenversicherung geht – ein kontroverses Thema. Es gibt natürlich diverse Pro- und Kontrapunkte, aber was ist Ihre Meinung dazu?
Die Idee einer verpflichtenden Hundekrankenversicherung klingt auf den ersten Blick für viele Menschen logisch: Wenn jeder Hund versichert wäre, könnten Tierarztkosten immer bezahlt werden. In der Theorie wirkt das wie eine einfache Lösung. In der Praxis ist sie das nicht.
Ich bin klar gegen eine solche Pflichtversicherung. Nicht weil Versicherungen grundsätzlich schlecht wären – im Gegenteil, ich beschäftige mich beruflich täglich damit –, sondern weil eine Pflichtversicherung in diesem Bereich niemals wirklich gerecht umgesetzt werden kann. Versicherungen funktionieren über Risikokalkulation. Alter, Rasse, Gesundheitszustand und Vorerkrankungen spielen dabei eine zentrale Rolle. Deshalb gibt es Altersgrenzen, Wartezeiten oder Ausschlüsse. Wenn der Staat nun eine Pflichtversicherung einführen würde, müsste jedes Tier versicherbar sein – unabhängig von Risiko, Alter oder Gesundheitszustand.
Spätestens an diesem Punkt beginnt das Problem: Entweder die Beiträge explodieren für alle oder der Staat müsste massiv eingreifen. Beides wäre am Ende weder für Tierhalter noch für Versicherer sinnvoll. Man darf außerdem nicht vergessen: Eine Pflichtversicherung löst nicht das eigentliche Problem. Wer sich heute keinen Tierarzt leisten kann oder möchte, wird durch eine zusätzliche Pflichtabgabe nicht automatisch verantwortungsvoller.
Wie könnte es dann gehen?
Aus meiner Sicht ist Aufklärung der deutlich bessere Weg. Wenn Tierhalter verstehen, welche Kosten im Ernstfall entstehen können, entscheiden sich viele freiwillig für eine Absicherung. Und freiwillige Entscheidungen funktionieren in der Regel deutlich besser als staatlich verordnete Pflichtlösungen. Am Ende des Tages muss ich mir einen Hund leisten können. Wir reden hier über ein Lebewesen, das – wenn alles gut läuft – 12 bis 15 Jahre Verantwortung bedeutet. Ein Hund beeinflusst viele Bereiche des Lebens: Urlaub, Freizeit, spontane Verabredungen oder auch den Alltag im Beruf. Wer sich für einen Hund entscheidet, übernimmt langfristige Verantwortung – finanziell, organisatorisch und emotional. Genau deshalb sollte diese Entscheidung niemals spontan getroffen werden.
Welche Tiere oder Rassen sind denn aus Ihrer Erfahrung besonders krankheitsanfällig? Und wie gehen Sie als Makler damit um?
Die größte Herausforderung in der Beratung entsteht meist bei sogenannten „Plattnasen“. Dazu gehören z. B. Mops, Französische Bulldogge, Boxer oder auch Perserkatzen. Sie haben aufgrund ihrer Zuchtmerkmale öfter gesundheitliche Probleme, v. a. im Bereich der Atemwege. Für Makler bedeutet das, dass die Auswahl der Versicherer deutlich eingeschränkter ist. Viele Anbieter schließen typische Erkrankungen dieser Rassen ganz oder teilweise aus.
Neben den Atemwegsproblemen gibt es auch bei anderen Rassen typische Erkrankungen, die statistisch häufiger auftreten, z. B. Hüftdysplasie und Ellbogendysplasie bei großen Hunderassen, Patellaluxation bei kleineren Hunden und Herzerkrankungen bei bestimmten Katzenrassen. Viele Versicherer reagieren darauf mit rassespezifischen Ausschlüssen, besonderen Bedingungen oder längeren Wartezeiten.
Als Makler ist meine Aufgabe, Kunden genau über solche Punkte aufzuklären. Natürlich erkläre ich meinen Kunden, welche Leistungen ein Tarif beinhaltet und was konkret versichert ist. Im Zweifel kann man diese Info aber auch auf der Website des jeweiligen Versicherers nachlesen. Deutlich schwieriger wird es bei den Punkten, die nicht oder nur eingeschränkt versichert sind. Genau hier entstehen in der Praxis die meisten Missverständnisse: Ausschlüsse, Begrenzungen oder rassespezifische Einschränkungen sind in Versicherungsbedingungen oft komplex formuliert und für viele Tierhalter nicht sofort verständlich. Gerade deshalb halte ich diesen Teil der Beratung für mindestens genauso wichtig wie die Erklärung der Leistungen. Ein Kunde muss nicht nur wissen, was eine Versicherung zahlt, sondern auch sehr genau verstehen, wo ihre Grenzen liegen. Nur wenn alles transparent auf dem Tisch liegt, kann ein Tierhalter eine wirklich fundierte Entscheidung treffen. Eine ehrliche Beratung bedeutet deshalb nicht nur, Vorteile zu erklären, sondern auch klar auf mögliche Einschränkungen hinzuweisen.
Als Verbrauchertipp wird manchmal gesagt, Tierversicherungen lohnen sich meist nicht und man solle lieber jeden Monat etwas zurücklegen für Tierarztbesuche. Wie stehen Sie dazu – v. a. mit Blick auf die aktualisierte GOT?
Das sogenannte „Selbstansparen“ klingt auf den ersten Blick logisch. In der Praxis funktioniert es jedoch nur selten. Eine Operation beim Hund kann schnell 3.000 bis 6.000 Euro kosten. Komplexe Behandlungen können sogar noch deutlich teurer werden. Um solche Beträge kurzfristig aus eigener Rücklage zu finanzieren, müssten viele Tierhalter über Jahre hinweg erhebliche Summen zurücklegen. Eine Versicherung ersetzt deshalb nicht das Sparen, sondern das Risiko. Sie sorgt dafür, dass im Ernstfall eine große finanzielle Belastung abgesichert ist.
Was sagen Sie also Ihren Kunden?
Ich empfehle meinen Kunden oft Tarife mit einem Selbstbehalt, z. B. 250 Euro pro Jahr. Das hat für Tierhalter zwei Vorteile: Erstens sinkt der monatliche Beitrag teilweise deutlich. Zweitens sind Tarife mit Selbstbehalt in der Regel weniger anfällig für außerplanmäßige Beitragsanpassungen. Eine Operation wie ein Kreuzbandriss mit Kosten von etwa 2.500 Euro ist für einen Versicherer ein kalkulierbares Risiko. Das eigentliche Problem sind die sogenannten Frequenzschäden. Damit sind viele kleine Rechnungen gemeint, die regelmäßig entstehen und in Summe sehr hohe Kosten verursachen. Genau diese Schäden treiben Verwaltungsaufwand und Kosten bei Versicherern massiv nach oben. Ein interessanter Blick auf die Praxis: Mehr als 85% aller Tierarztrechnungen liegen unter 500 Euro. Ein moderater Selbstbehalt sorgt deshalb dafür, dass viele kleinere Rechnungen weiterhin vom Tierhalter getragen werden, während die Versicherung v. a. bei wirklich teuren Behandlungen einspringt. Genau dieses Prinzip macht Tarife langfristig stabiler.
Worauf achten Kunden denn besonders? Und was ist Ihnen als Makler in der Beratung wichtig bzw. was legen Sie Ihren Kunden ans Herz?
Viele Kunden wünschen sich v. a. eins: In Gesprächen höre ich oft den Wunsch, dass „einfach alles versichert sein soll“. Dazu gehören aus O Kundensicht oft auch Vorsorgeleistungen. Das ist verständlich. Tierhalter möchten sich möglichst wenig Gedanken machen müssen und erwarten eine Art Rundum-sorglos-Paket. In meiner Beratung setze ich andere Schwerpunkte: Mir ist wichtig, dass Kunden verstehen, wie der Versicherungsschutz in den wirklich relevanten Punkten funktioniert. Ein weiterer zentraler Punkt ist für mich die Erstattung nach der GOT. Gute Tarife leisten bis zum Höchstsatz der GOT, denn genau dort entstehen in der Praxis häufig die größten Kosten.
Ein Thema, das früher kaum eine Rolle gespielt hat und nun wichtiger geworden ist, sind die Kündigungsregelungen der Versicherer. Ich achte sehr darauf, ob es kundenfreundliche Regelungen gibt, z. B. beim Thema Kündigung nach einem Schadenfall oder bei der ordentlichen Kündigung zum Vertragsablauf.
Das Thema Vorsorgeleistungen in der Tierkrankenversicherung halte ich in vielen Fällen für wirtschaftlich unsinnig. Ein Beispiel: In einem Tarif ist vereinbart, dass der Versicherer 100 Euro pro Jahr für Vorsorgeaufwendungen erstattet. Der Versicherer weiß jedoch genau, dass diese Leistung von den meisten Kunden regelmäßig genutzt wird. Deshalb kalkuliert er die Verwaltungskosten ein und schlägt zusätzlich die Versicherungssteuer auf. Im Ergebnis zahlt der Kunde über seinen Beitrag nicht 100 Euro, sondern ungefähr 130 Euro, um am Ende wieder 100 Euro erstattet zu bekommen. Aus meiner Sicht ergibt das wirtschaftlich keinen Sinn. In meiner Beratung erkläre ich deshalb offen, wo eine Versicherung wirklich sinnvoll ist – und wo nicht.
Haben Sie Empfehlungen für Makler, die sich stärker auf Tierversicherungen konzentrieren wollen?
Der wichtigste Punkt ist für mich Authentizität. Makler, die sich mit Tierversicherungen beschäftigen möchten, sollten in der Lage sein, auf Augenhöhe mit Tierhaltern zu sprechen. Dazu gehört, dass man zumindest die grundlegenden Sorgen, Fragen und Probleme kennt, die Tierhalter im Alltag haben. Nur wer diese Perspektive versteht, kann Kunden wirklich sinnvoll beraten.
Heute ist ein Hund oder eine Katze für viele Menschen ein echtes Familienmitglied. Genau deshalb reagieren Tierhalter sehr sensibel, wenn sie merken, dass jemand ihr Tier nur als Versicherungsobjekt betrachtet. Grobe Fehler in der Beratung werden in diesem Bereich sehr schnell und sehr deutlich übel genommen. Es geht deshalb nicht darum, Tierversicherungen als zusätzliches Produkt im Portfolio zu sehen und nach dem Motto zu arbeiten: „Das machen wir mal eben mit.“
Wie nehmen Sie die finanzielle Stabilität von Assekuradeuren und Risikoträgern im Bereich Tierversicherungen aktuell wahr? Hat sich Ihre Beratung dadurch verändert?
Der Markt für Tierversicherungen ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Gleichzeitig hat sich gezeigt, dass das Geschäftsfeld für Versicherer deutlich anspruchsvoller ist, als viele anfangs gedacht haben. In der Praxis war es für viele Anbieter in den vergangenen Jahren nicht einfach, mit Tierversicherungen Geld zu verdienen, insbesondere seit der Anpassung der GOT 2022. Gleichzeitig haben viele Versicherer ihre Tarife in den Jahren davor sehr aggressiv kalkuliert, um schnell Marktanteile zu gewinnen.
Die Folge sieht man heute sehr deutlich: Die Beiträge für viele Tarife haben sich in den letzten Jahren teilweise mehr als verdoppelt. Diese Entwicklung sorgt natürlich bei vielen Tierhaltern für Unmut, ist aus Sicht der Versicherer aber oft die notwendige Korrektur einer zuvor zu optimistischen Kalkulation.
Außerdem haben sich einige Versicherer wieder aus dem Bereich Tierversicherungen zurückgezogen. Teilweise gab es Probleme zwischen Assekuradeuren und ihren Risikoträgern. Meines Erachtens steckt der Markt noch in einer Konsolidierungsphase.
Für mich als Makler bedeutet das, dass ich noch stärker darauf achte, mit welchen Gesellschaften und Risikoträgern ich zusammenarbeite. Neben den Leistungen eines Tarifs spielt die finanzielle Stabilität und langfristige Strategie des Versicherers eine Rolle. Viele Kunden schließen eine Tierkrankenversicherung für viele Jahre ab, meist über die gesamte Lebensdauer des Tieres. Deshalb ist wichtig, dass der Anbieter auch langfristig stabil am Markt bleibt und seine Verpflichtungen erfüllen kann. Diese Aspekte sind ein fester Bestandteil meiner Beratung.
Welches Erlebnis mit einem Tierbesitzer ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?
Mich rief ein älterer Herr an, 76 Jahre alt, nennen wir ihn Hans. Hans hatte sich für einen sechsjährigen Dackelmischling aus dem Tierschutz entschieden. Der Hund hieß Bernie und Hans wollte ihn nun absichern. Er erzählte mir, dass seine Frau zwei Jahre zuvor nach 53 Jahren Ehe verstorben war. Nach dieser schweren Zeit begann er langsam, seinen Alltag zu ordnen. Er sagte, dass er sich Gesellschaft im Alltag wünschte. Einen Freund, um den er sich kümmern kann und mit dem er Zeit verbringt. Ganz bewusst hat er sich deshalb für Bernie entschieden, der zuvor kein besonders gutes Leben hatte und auch nicht mehr zu den jungen Hunden zählte. Hans sagte: „Mein größter Wunsch ist, dass Bernie ein gutes Leben hat – und dass er bis zu seinem letzten Tag bei mir bleiben kann.“ Er wollte unter allen Umständen vermeiden, dass der Hund wieder im Tierheim landet. Während er das erzählte, merkte ich sofort, wie ihn diese Entscheidung verändert hatte. Hans wirkte glücklich, motiviert und voller positiver Energie. Solche Gespräche zeigen, welche Rolle Tiere im Leben von Menschen spielen können. Es geht dabei nicht nur um Versicherungsschutz. Es geht um Begleitung, Verantwortung und manchmal auch darum, einem Leben wieder neue Lebensfreude zu geben.
Bild: Tierversicherungsmakler Martin Markowsky mit seinem Hund Paule
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