Ein Kommentar von Steffen Ritter
Wenn wir heute über die Entwicklung von Vermittlerbetrieben sprechen, dreht sich vieles noch um einzelne Anwendungen. Es geht um Entlastung via KI, um Automationen usw. Das ist sinnvoll. Aus meiner Sicht reden wir dabei aber noch immer über die ersten Schritte.
Die Branche auf dem falschen Weg?
Meine These: Bereits 2027 wird es in den meisten Versicherungsvermittlerbetrieben völlig normal sein, dass Mitarbeiter mit eigenen KI-Assistenzen arbeiten. Dann wird nicht mehr die Frage sein, ob ein Betrieb KI nutzt. Die spannendere Frage wird lauten: Welche KI-Assistenzen hat eigentlich welcher Mitarbeiter?
Und ich meine damit ausdrücklich nicht die eine große Lösung für das gesamte Unternehmen. Die Branche sucht aktuell genau diese.
Aus meiner Sicht ist das der falsche Ansatz. Viel entscheidender werden kleine, konkrete Assistenzen sein, die einzelne Aufgaben übernehmen oder vorbereiten.
Passgenaue Assistenzen sind gefragt
Die Vertriebsassistenz braucht andere Unterstützung als ein Kundenberater. Der Service wiederum andere als der Unternehmer selbst. Eine Assistenz bereitet Kundentermine vor, eine andere fasst Gesprächsnotizen zusammen. Eine weitere formuliert Mails vor, durchsucht vorhandenes Unternehmenswissen, erinnert an offene Vorgänge oder stößt Folgeprozesse an.
Das klingt zunächst wenig spektakulär. Genau darin liegt aber die eigentliche Wirkung. Denn der Mitarbeiter mit KI wird nicht plötzlich doppelt so gut. Er wird jeden Tag ein bisschen schneller, strukturierter und konsequenter arbeiten.
Zehn Minuten hier. Dreißig Minuten dort. Eine Rückfrage weniger. Ein offener Vorgang, der nicht liegen bleibt. Ein besser vorbereiteter Termin. Eine schnellere Antwort an den Kunden. Und daraus entsteht irgendwann Abstand.
Ich glaube deshalb, dass wir die Diskussion um „KI ersetzt Arbeitsplätze“ teilweise am eigentlichen Punkt vorbeiführen. Die viel spannendere Entwicklung wird sein, dass Mitarbeiter mit KI-Unterstützung Mitarbeiter ohne KI-Unterstützung zunehmend abhängen. Nicht, weil sie intelligenter sind. Nicht, weil sie härter arbeiten. Sondern weil sie bessere Werkzeuge nutzen. In keinem Thema führt unser Institut aktuell mehr Trainings durch, der Bedarf ist riesengroß.
Dasselbe gilt für den gesamten Vermittlerbetrieb. Ein Unternehmen, in dem jeder Mitarbeiter mit passenden KI-Assistenzen unterstützt wird, kann auf Dauer anders arbeiten als ein Betrieb, in dem KI nur gelegentlich genutzt wird, wenn einmal ein Text geschrieben oder etwas recherchiert werden soll.
Der Vorsprung wird wachsen
Am Anfang fällt dieser Unterschied kaum auf. Nach zwölf Monaten schon eher. Nach zwei oder drei Jahren wird daraus ein erheblicher Vorsprung werden.
Und genau an dieser Stelle wird es aus meiner Sicht kritisch für alle, die noch darauf warten, dass KI irgendwann „fertig“ ist oder dass die perfekte Lösung auf den Markt kommt. Diese für alle perfekte Lösung wird nicht kommen.
Viel wichtiger ist, jetzt Erfahrungen zu sammeln. Zu testen, was funktioniert. Zu lernen, wo KI wirklich entlastet und wo nicht. Und Schritt für Schritt eigene Assistenzen aufzubauen.
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