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29. April 2026
Warum Starkregen in der Beratung häufig noch unterschätzt wird
Warum Starkregen in der Beratung häufig noch unterschätzt wird

Warum Starkregen in der Beratung häufig noch unterschätzt wird

Starkregenrisiko wird in der Beratung zur Wohngebäudeversicherung oft zu grob eingeordnet. Wie Makler Risiken deutlich präziser bewerten, Kunden fundierter zu Elementarschutz und möglichen Deckungslücken beraten, und gezieltere Kundenansprache zusätzliche Geschäfte ermöglichen.

Ein Artikel von Florian Bohl, Aktuar (DAV), Prokurist und Leitender Berater Meyerthole Siems Kohlruss (MSK)

Starkregen zählt inzwischen zu den Naturgefahren, die in der Gebäudeversicherung spürbar an Relevanz gewonnen haben. In der praktischen Beratung wird dieses Risiko jedoch häufig noch zu grob eingeordnet, beispielsweise über Regionen, Postleitzahlen oder die allgemeine Erfahrung mit Wetterereignissen in einem Gebiet. Für die tatsächliche Gefährdung eines einzelnen Gebäudes reicht das oft nicht aus, denn Starkregen wirkt lokal, folgt topografischen Strukturen und kann schon auf kurze Distanz sehr unterschiedliche Schadenbilder erzeugen. So können zwei benachbarte Adressen trotz gleicher Gemeinde oder gleicher Straße ein deutlich verschiedenes Risiko aufweisen.

Für Makler ergibt sich daraus eine anspruchsvolle, zugleich aber auch sehr chancenreiche Situation, denn Kunden erwarten zu Recht eine belastbare Einschätzung ihres individuellen Risikos. Ein allgemeiner Hinweis auf zunehmende Extremwetterlagen genügt jedoch nicht mehr, wenn die Beratung substanziell und vertriebswirksam sein soll. Gefragt ist eine Bewertung, die möglichst nah am konkreten Objekt ansetzt und nicht erst dann reagiert, wenn bereits ein Schaden eingetreten ist. Gerade im Bereich Starkregen ist das besonders wichtig, da relevante Ereignisse vielfach zufällig auftreten und sich aus historischen Schadendaten allein nur unzureichend ableiten lassen. Wer Risiken erst aus der Vergangenheit erklären will, erkennt sie häufig zu spät.

Vom Geländeprofil zur adressgenauen Risikobewertung

Genau hier setzt die MSK-Starkregenzone an. Das Modell verfolgt einen prospektiven Ansatz, bei dem Starkregenrisiken nicht primär über die bisherige Schadenhistorie, sondern über die geophysikalischen Eigenschaften des Risikostandorts bewertet werden. Im Mittelpunkt steht die Annahme, dass die Topografie einen maßgeblichen Einfluss auf das Elementarrisiko hat und somit eine stabilere Grundlage für die Risikobewertung bietet als die reine Betrachtung vergangener Ereignisse. Damit wird Starkregen als modellierbares Standortmerkmal greifbar.

Die MSK-Starkregenzone modelliert das Risiko in sehr hoher räumlicher Auflösung. Berücksichtigt werden dabei unter anderem die detaillierte Topografie, unterschiedliche Starkregenintensitäten, die Oberflächenrauheit, resultierende Pegelstände, kinetische Energien sowie weitere geophysikalische Einflussgrößen. Vereinfacht gesagt wird also nicht nur die Frage gestellt, ob Starkregen auftritt, sondern vor allem, wie sich Wasser unter realistischen Bedingungen an einem konkreten Standort sammelt, abfließt und welche Auswirkungen dies auf ein Gebäude haben kann. Dadurch entsteht eine deutlich präzisere Grundlage als bei pauschalen Flächen- oder Durchschnittsbetrachtungen oder anderen Zonierungen.

Für Makler ist dieser Modellansatz aus zwei Gründen interessant. Erstens verbessert er die Beratung auch dort, wo historische Starkregenereignisse bislang kaum dokumentiert sind. So kann ein Objekt ein hohes Risiko tragen, obwohl der Standort in der Vergangenheit unauffällig erschien. Zweitens ist die Bewertung zeitlich stabiler, da sich das zugrunde liegende Geländeprofil nicht mit jedem einzelnen Ereignis verändert. Das macht den Ansatz besonders für die systematische Arbeit im Bestand wertvoll: Risiken werden nicht nur rückblickend erklärt, sondern auch vorausschauend sichtbar gemacht.

Greifbare Ergebnisse für die Beratung

Alle amtlich gemeldeten Adressen in Deutschland und Österreich werden durch die MSK-Starkregenzone quadratmetergenau in sieben Gefährdungsstufen eingeteilt. Für die Beratung bedeutet das: Aus einer komplexen geophysikalischen Modellierung wird eine verständliche, adressgenaue Risikoinformation, die sich im Gespräch, in der Bestandsanalyse und in der Priorisierung von Kunden unmittelbar nutzen lässt.

Gerade darin liegt der Mehrwert für Makler. Die MSK- Starkregenzone macht das abstrakte Thema Starkregen greifbar. Anstatt nur allgemein über Wetterextreme zu sprechen, kann die Risikoexponierung eines bestimmten Gebäudes sachlich eingeordnet werden. Das verbessert die Qualität der Beratung, weil sich der Schutzbedarf nachvollziehbarer erklären lässt. Gleichzeitig eröffnen sich neue vertriebliche Möglichkeiten: Im Bestand lassen sich gezielt diejenigen Kunden identifizieren, deren Objekt ein erhöhtes Starkregenrisiko aufweist, bei denen das Thema aber bislang nicht aktiv besprochen wurde. So wird aus einem diffusen Naturgefahrenhinweis ein belastbarer Beratungsanlass.

Ein weiterer spannender Aspekt für die Maklerschaft ist, dass die MSK-Stark- regenzone sehr fein differenziert, bei vergangenen Ereignissen wie dem Ahrtal-Ereignis bis zu Faktor 200. Dadurch wird sichtbar, wie stark Starkregenrisiken selbst innerhalb kleiner räumlicher Einheiten auseinanderlaufen können. Für Makler entsteht daraus die Chance, Risiken nicht nur genauer zu erkennen, sondern auch gezielter zu selektieren. Besonders interessant sind jene Objekte, bei denen die Exponierung bereits erhöht ist, der Marktpreis für Versicherungsschutz dies aber noch nicht vollständig widerspiegelt. Genau dort kann der Makler echten Mehrwert für seine Kunden schaffen: durch frühzeitige Ansprache, bessere Aufklärung und die Vermittlung eines vergleichsweise günstigen Schutzes.

Mehr Service, bessere Selektion, zusätzliche Abschlusschancen

In der praktischen Anwendung kann die MSK-Starkregenzone deshalb weit mehr als nur ein Analysewerkzeug sein. Für Makler wird sie zum Hebel für eine intelligentere Bestandsarbeit. Bestände lassen sich auf Einzelrisikoebene bewerten, auffällige Exponierungen identifizieren und Kundenansprachen deutlich gezielter vorbereiten. Das ist nicht nur für das einzelne Objekt relevant, sondern auch für die Sicht auf Kumulationsrisiken im Bestand. Gerade wer größere Wohngebäude- oder Gewerbebestände betreut, gewinnt dadurch eine zusätzliche Steuerungsperspektive.

Der Nutzen ist dabei doppelt: Auf der Serviceseite erhalten Kunden eine fundiertere Einschätzung ihres individuellen Starkregenrisikos. Das stärkt die Beratungsqualität und die Position des Maklers als risikoorientierter Partner. Auf der Vertriebsseite entstehen konkrete, gut begründbare Anlässe für Zusatzgeschäft. Der Makler kann gezielt auf Deckungslücken hinweisen, den Elementarschutz neu platzieren oder bestehende Absicherungslösungen überprüfen. Besonders wertvoll ist das in Fällen, in denen ein erhöhtes Risiko bereits vorliegt, der Versicherungsschutz aber noch ohne erhebliche Preisnachteile organisiert werden kann. So wird die Bestandsarbeit zugleich kundenorientierter und wirtschaftlich attraktiver.

Doppelter Nutzen für Makler

Auch aus operativer Sicht spricht viel für diesen Ansatz. Die Starkregenzonierung ist einsatzbereit und kann auf unterschiedliche Weise bereitgestellt werden, etwa über eine API, einen Webservice oder ein interaktives Kartentool. Das erleichtert die Integration in bestehende Prozesse. Für Makler ist entscheidend, dass aus komplexen Daten kein zusätzlicher Beratungsaufwand entsteht, sondern ein praktikables Instrument zur Priorisierung und Kundenansprache. Je besser sich Risiken adressgenau einordnen lassen, desto leichter wird es, Beratungsressourcen auf die richtigen Fälle zu konzentrieren. Dabei muss der Makler nur die Adresse des Kunden kennen und keine weiteren Informationen abfragen.

Starkregen ist damit nicht nur ein möglicher Schadenanlass, sondern auch ein datenbasierter Ansatzpunkt für eine bessere Beratung und eine gezielte vertriebliche Entwicklung. Für Makler ergibt sich ein doppelter Nutzen: Kunden erhalten eine deutlich präzisere Einschätzung ihres individuellen Starkregenrisikos, und zugleich lassen sich genau die Objekte identifizieren, bei denen erhöhter Absicherungsbedarf auf noch attraktive Versicherungsmöglichkeiten trifft. Das verbessert den Service – und schafft zusätzliche Chancen im Bestand.

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Ein Artikel von
Florian Bohl