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4. März 2026
„Beratung muss das eigentliche Produkt unserer Branche werden“
„Beratung muss das eigentliche Produkt unserer Branche werden“

„Beratung muss das eigentliche Produkt unserer Branche werden“

Die Gen Z wird oft missverstanden, da ihre Lebensrealität und die Erwartungen an die Versicherungswirtschaft weit auseinandergehen. Sie wächst in einem Umfeld der ständigen Unsicherheit auf und nimmt Flexibilität wichtiger als langfristige Sicherheit. Ob die Versicherungsbranche bereit ist, sich auf die sich schnell verändernden Bedürfnisse dieser Generation einzulassen, fragt AssCompact Kolumnist Andreas Wollermann.

Die Versicherungswirtschaft redet viel über die Gen Z, aber leider erstaunlich selten mit ihr. Gerade dieses „über bestimmte Menschen und Kategorien reden, aber nicht mit ihr reden“ wird für die Zukunft eine der größten Herausforderungen. Warum? Weil die meisten Menschen nicht zuhören, um zu verstehen, sondern um mit Erfahrungen der Vergangenheit zu antworten. Gerade in Zeiten, in denen wir aktuell leben und in denen junge Menschen aufwachsen, wird dieses Verhalten ein Problem. Lebenswirklichkeiten verändern sich schneller denn je. Social Media, Algorithmen und u. a. Gaming sind tägliche Begleiter und Einflussnehmer auf Verhalten und Erwartungen. Wenn wir diese Veränderungen nur oberflächlich betrachten und bewerten, passiert genau das, was wir aktuell erleben: Vorurteile die blockieren.

Zu anspruchsvoll, zu unverbindlich, zu wenig loyal und zu wenig bereit, Verantwortung zu übernehmen. Doch vielleicht ist genau das der Denkfehler, denn wir bewerten eine Generation mit Maßstäben aus einer Welt, die es so nicht mehr gibt.

Wenn Risiken existieren, aber nicht erlebt werden

Schrödingers Katze liefert dafür ein erstaunlich passendes Bild. Die Katze ist gleichzeitig lebendig und tot, solange niemand in die Box schaut. Erst der Blick hinein zwingt zur Entscheidung und zur Klarheit. Übertragen auf die Gen Z bedeutet das: Risiken sind da. Jeder weiß das, aber solange sie nicht konkret erlebt werden, bleiben sie abstrakt, theoretisch und damit leicht verdrängbar!

Berufsunfähigkeit? Kann passieren, aber nicht jetzt. Altersvorsorge? Irgendwann, aber nicht heute und nicht ohne Flexibilität. Absicherung generell? Wenn mein Leben sortiert ist, aber irgendwie wird das nichts. All dies wirkt bequem, ist es aber nicht.

Eine Generation im Dauerkrisenmodus

Die Gen Z und gerade folgend die Gen Alpha sind die ersten Generationen, die mit Dauerkrisen sozialisiert werden. Pandemie, Krieg, Inflation, Klimawandel, politische Polarisierung, wirtschaftliche Unsicherheit und das Ganze dann noch verstärkt durch Social Media, Algorithmen und permanente Überreizung.

Wer in so einem Umfeld groß wird, plant nicht jetzt und auch zukünftig nicht mehr 40 Jahre im Voraus. Man versucht, im Hier und Jetzt handlungsfähig zu bleiben. Kontrolle wird wichtiger als langfristige Sicherheit, und Flexibilität wird wichtiger als feste Versprechen. Genau hier kollidiert diese Lebensrealität frontal mit der Logik unserer Branche.

Wenn Versicherungslogik auf Lebensrealität trifft

Die Versicherungswirtschaft denkt in Jahrzehnten, die Gen Z lebt in Quartalen. Die Versicherungswirtschaft verspricht Stabilität, die Gen Z erlebt Instabilität als Normalzustand. Das Problem ist nicht mangelnde Einsicht, es ist fehlende Anschlussfähigkeit. Wir erklären Produkte, während junge Menschen Orientierung und Unterstützung suchen. Wir argumentieren rational, während unser aller Alltag mittlerweile emotional überfordernd ist. Wir sprechen über Verantwortung, während alle erleben, dass Verantwortung oft belastet statt schützt. Schrödingers Katze bleibt in der Box, weil niemand den Moment attraktiv genug macht, um hineinzuschauen.

Entscheidung fällt nicht gegen Absicherung, sondern gegen Überforderung

Die Gen Z entscheidet sich nicht gegen Vorsorge, sie entscheidet sich gegen Überforderung. Denn solange Versicherung abstrakt bleibt, bleibt auch die Entscheidung abstrakt. Solange Produkte komplexer sind als die Lebensrealität junger Menschen, wird aufgeschoben, und solange wir Sicherheit verkaufen, ohne Unsicherheit ernst zu nehmen, verlieren wir Relevanz. All dies ist unbequem, aber notwendig.

Sicherheit neu denken

Vielleicht müssen wir aufhören, Sicherheit als Endzustand zu verkaufen, und anfangen, Absicherung als Werkzeug für Freiheit zu erklären.

Nicht: „Du musst vorsorgen.“ Sondern: „Das gibt dir Handlungsspielraum.“ Nicht: „Das ist vernünftig.“ Sondern: „Das nimmt dir Druck.“ Nicht: „Das macht man so.“ Sondern: „Das passt zu deinem Leben, auch jetzt schon.“

Die Zukunft der Versicherungswirtschaft entscheidet sich nicht über neue Tarife, sie entscheidet sich über Übersetzung, Haltung und Beziehung.

Der entscheidende Blick in die Box

Die Gen Z, aber auch alle Generationen vorher, wollen nicht belehrt werden, sie wollen verstanden werden. Junge Menschen wollen ernst genommen werden, und das in ihrer Realität, nicht angepasst an unsere.

Wer bereit ist, wirklich in die Box zu schauen, wird feststellen: Die Katze war nie das Problem, das Wegschauen war es und vielleicht ist genau jetzt der Moment, an dem die Versicherungswirtschaft entscheiden muss, ob sie weiter wartet oder endlich hinschaut.

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Ein Artikel von
Andreas Wollermann