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6. Juli 2026
„Das Aufgabenprofil in der Baufi-Beratung wird sich verändern“
„Das Aufgabenprofil in der Baufi-Beratung wird sich verändern“

„Das Aufgabenprofil in der Baufi-Beratung wird sich verändern“

Technologischer Wandel auch in der Baufinanzierung: Kreditentscheidungen in wenigen Minuten, KI-gestützte Prozesse und automatisierte Abläufe verändern auch die Rolle der Berater. Wie Vermittler von KI und einer neuen Sofortentscheidung profitieren und wie es um die Rolle persönlicher Beratung steht.

Interview mit Florian Tenbusch, Geschäftsführer der Prohyp GmbH
Herr Tenbusch, am Baufinanzierungsmarkt beschleunigt sich der technologische Wandel massiv. Kreditentscheidungen sind mittlerweile in wenigen Minuten möglich, KI hat Einzug gehalten. Wie tiefgreifend sind die Entwicklungen auch im Vergleich zu anderen Bereichen der Finanzbranche?

Wir erleben eine Phase, in der die Baufinanzierung technologisch zu anderen Finanzprodukten aufschließt. Während einfache Konsumentenkredite bereits seit Jahren digital vergeben werden, war die Baufinanzierung aufgrund ihrer Komplexität immer deutlich sperriger und zeitintensiver. Gerade mithilfe von KI lassen sich diese zeitintensiven und manuellen Prozesse, zum Beispiel in der Objekt­bewertung oder der Bonitätsprüfung, mittlerweile massiv beschleunigen oder vollständig automatisieren. Insgesamt ist die Baufi-Bearbeitung in vielen Teilschritten hochgradig repetitiv. Und hier bietet der Einsatz von KI natürlich enorme Potenziale – für uns als Plattformanbieter, aber auch für unsere mehr als 500 Kreditgeber.

Die Baufinanzierung gilt aufgrund ihrer Komplexität als Bereich, bei dem persönliche Beratung zähl. Hat das angesichts der technologischen Entwicklung noch Gültigkeit?

Absolut, die Baufinanzierung wird auch in Zukunft „People Business“ bleiben. Die durchschnittliche Darlehenssumme liegt derzeit bei 343.000 Euro. Für solche Summen verschulden sich Menschen nicht mal einfach so. Sie brauchen und wollen einen emotionalen Anker, der sie bei dieser Entscheidung begleitet. Und dieser Anker soll ein Mensch sein, der ihren Fall am besten bereits hundertfach gesehen hat.

Braucht es in Zukunft denn überhaupt noch Berater?

Ein ganz klares Ja. Aber das Aufgabenprofil wird sich verändern. Es wird in Zukunft weniger darum gehen, den besten Zins für die Anschlussfinanzierung zu finden, als darum, den Kunden bei seinem Wunsch vom eigenen Zuhause bestmöglich zu betreuen. Die Beratung von Mensch zu Mensch wird also wichtiger, alles weitere wird zunehmend automatisiert.

Die Prohyp hat gemeinsam mit der ING eine Sofortkreditentscheidung innerhalb von 30 Minuten gelauncht. Wie funktioniert das?

Die Sofortentscheidung ist das Ergebnis einer volldigitalen Prozesskette auf unserer Plattform ehyp home. Was wir – sehr vereinfacht ausgedrückt – machen: Wir nutzen öffentliche Datenquellen, KI und einen digitalen Kontoblick über eine PSD2-Schnittstelle, um ein völlig neues Vergleichsdatenset für den Kundenantrag und das jeweilige Objekt zu erstellen. Mit diesem Set lassen sich die Antragsdaten deutlich schneller validieren und anschließend von der Bank prüfen. Was früher Tage oder sogar Wochen gedauert hat, ist heute innerhalb von 30 Minuten möglich. Der Kunde bekommt noch im Beratungsgespräch Klarheit darüber, ob die Finanzierung steht.

Ist die Sofortentscheidung für alle Objektarten und Finanzierungskonstellationen möglich?

Wir rechnen zum Start damit, dass zwischen 15 und 20% aller Finanzierungen über die ING dafür infrage kommen. Das ist aber erst der Anfang: Wir werden diesen Anteil sukzessive ausbauen. Und wir möchten den Prozess auch mit anderen Kreditgebern implementieren. Wir haben das klare Ziel, mit der Sofortentscheidung einen neuen Standard innerhalb der Branche zu setzen.

Welche Vorteile bringt es für Finanzierungsberater, die den Prozess auf Ihrer Plattform nutzen?

Ein zentraler Vorteil für unsere Baufi-Partner ist, dass wir die unsichere Wartezeit zwischen der Einreichung und der Kreditentscheidung nahezu komplett auflösen. Jeder Berater kennt das: Das Finanzierungskonzept steht und der Kunde ist zufrieden, aber dann beginnt das Warten auf die Bank. In dieser Phase passiert es immer wieder, dass Kunden aus unterschiedlichen Gründen abspringen – Objekte sind plötzlich weg oder ein Wettbewerber ist einen Tick schneller. Mit dem neuen Prozess bekommt der Kunde sofort Klarheit. Das sichert den Abschluss im Fall einer positiven Prüfung ab und sorgt für mehr Zufriedenheit beim Kunden. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Zeitersparnis: Da ein Großteil des „Papierkrams“ – zum Beispiel die Unterlagenbeschaffung – nahezu komplett wegfällt, hat der Berater mehr Zeit für die eigentliche Beratung.

Sie sprechen von höherer Kundenzufriedenheit – aber wollen die Kunden überhaupt, dass bei einer finanziellen Entscheidung dieser Größe alles so schnell geht?

Der Prozess verkürzt die Wartezeit bis zur Entscheidung der Bank, nicht die Beratung durch den Finanzierungsberater im Vorfeld. Wie eben gesagt: Der Prozess ermöglicht es Beratern, mehr Zeit für die Betreuung ihrer Kunden aufzuwenden. Generell erwarten Menschen heute einfache und digitale Prozesse – da ist die Baufinanzierung keine Ausnahme. Mit der Sofortentscheidung machen wir hier nun einen großen Schritt nach vorne.

Wo kommt denn bei Ihnen KI bereits konkret zum Einsatz und wie sind die Erfahrungen?

KI wird bei uns bereits seit Längerem eingesetzt – etwa wenn es darum geht, Dokumente auszulesen oder Marktwerte einzuschätzen. Durch moderne Sprachmodelle wird die Technologie für Berater nun aber deutlich greifbarer. Wir haben bei Prohyp einen eigenen KI-Assistenten entwickelt, der tief in unsere Plattform integriert ist. Er hat Zugriff auf unser gesamtes Baufi- sowie Banken-Know-how und unterstützt den Berater bei vielen dieser zeitfressenden Alltagsaufgaben. Wir sehen bereits jetzt: Berater, die den Assistenten nutzen, arbeiten deutlich produktiver, haben mehr Abschlüsse. Die Technologie übernimmt heute mühsame Vorprüfungen oder administrative Handgriffe, für die man früher einfach viel Zeit gebraucht hat. Das sorgt für eine höhere Qualität bei der Einreichung und hält dem Berater den Rücken frei für das eigentliche Gespräch.

Und wie sieht die Zukunft aus?

Ich denke, das Thema Agentic AI wird auch in der Baufinanzierung großen Einfluss haben: KI-Agenten werden eigenständig ganze Prozessketten zwischen Marktteilnehmern auf unserer Plattform ehyp home koordinieren können. Dafür sehe ich viele Anwendungsfälle. Das wird die Effizienz im Markt noch einmal auf ein völlig neues Level heben.

Der Baufinanzierungsmarkt hat sich seit der Krise stark erholt – verläuft aber seit Mitte 2025 nahezu seitwärts. War es das erst einmal mit dem Aufschwung?

Der Markt hat sich 2025 weiter erholt und ist nochmal um 20% gewachsen auf insgesamt 240 Mrd. Euro. Aber der Großteil des Wachstums war auf das erste Halbjahr zurückzuführen. Seitdem haben wir uns auf ein monatliches Volumen von um die 20 Mrd. Euro eingependelt. Das ist sehr ordentlich und entspricht dem Niveau aus dem Jahr 2018, also einem Jahr mitten in der Niedrigzinsphase. Klar ist aber auch: Die Rückkehr der Inflationssorgen durch den Irankrieg sowie die schwache konjunkturelle Lage in Deutschland drücken auf die Leistbarkeit.

Wie blicken Sie mittelfristig auf die Entwicklung des Baufinanzierungsmarktes?

Mittelfristig bleiben die fundamentalen Treiber für unseren Markt absolut intakt. Wir haben einen massiven Wohnraummangel und es wird zu wenig gebaut. Die Politik versucht zwar gegenzusteuern, aber ob und wie schnell diese Maßnahmen greifen, bleibt abzuwarten. Gleichzeitig treibt der angespannte Mietmarkt die Menschen zum Kauf. Wenn man sich Berlin anschaut, wo die Mieten in zehn Jahren um 70% gestiegen sind, die Inflation aber nur um 26%, dann ist der Kaufmarkt für viele trotz der Zinsen die logische Alternative. Wieder spannender wird es zudem beim Thema Anschlussfinanzierung. Hier haben wir die Talsohle nach der Zinswende wohl durchschritten. Wir erwarten, dass das Segment jetzt langsam, aber stetig wieder anziehen wird. Unsere Daten zeigen vor allem mit Blick auf 2027 ein kontinuierliches Plus.

Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung im Vermittlermarkt?

Ich bin durchaus optimistisch, denn mit Baufinanzierung lässt sich längst wieder richtig gutes Geschäft machen. Gerade für jüngere Finanzberater halte ich das Segment Baufinanzierung für hochattraktiv. Die Beratung wird hier auch in Zukunft den Unterschied machen. Neben dem Produkt an sich gibt es für mich noch zwei weitere, strukturelle Gründe: Zum einen sorgt der demografische Wandel dafür, dass kontinuierlich mehr Vermittler altersbedingt aus dem Markt ausscheiden werden. Gleichzeitig ziehen sich Banken weiter aus der Fläche zurück und schließen mehr und mehr Filialen. Das bedeutet: Wer perspektivisch in den Bereich Baufinanzierung einsteigt, findet einen wiedererstarkten Markt mit weniger Wettbewerbern. Kurzum: Es gibt da aus meiner Sicht enorme Wachstumspotenziale in den kommenden Jahren.

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Porträtfoto: © Prohyp