Ein Artikel von Adrian Schmidt, Geschäftsführer von KÄPSELE
Während in Deutschland die letzten Schreckgespenster der Sozialabgaben auf Kapitalerträge abgewunden scheinen, machen die Niederlande wahrhaft … interessante Sprünge … rückwärts?
Bisher wurden über das niederländische Äquivalent zum Deutschen 3-Schichten-System, dem sogenannten Box-3-System, fiktive Kapitalerträge versteuert. Das ist verfassungswidrig. Zu Recht. Der Staat hat sich nicht im Übermaß zu bereichern an meinem Vermögensaufbau. Vor allem, wenn dieser mit einem gewissen Verlustrisiko verbunden ist.
Was könnte die Alternative sein?
- Steuerfreiheit nach einer gewissen Spekulationsfrist von einem, fünf oder zehn Jahren?
- Steuerbegünstigungen bei Auszahlung nach 62?
- Geringere Kapitalerträge bei niedrigen Einkommen?
- Höhere Freibeträge auf Kapitalerträge?
Nein, es werden unrealisierte Gewinne besteuert. Mit ca. 36%!
Die spinnen, die … Niederländer?
Bisher gibt es hier einen hohen Freibetrag auf jegliches Einkommen von ca. 59.000 Euro, den sogenannten „heffingsvrij“. Dieser soll zukünftig ersetzt werden durch einen reinen Ertragsfreibetrag, also auf die Kapitalerträge, mit 1.800 Euro pro Jahr, den „heffingsvrij resultaat“.
Warum erinnert mich das an Patches bei Computerspielen und Programmen, bei denen hinterher nichts mehr läuft, während es vorher nur kleine Bugs gab?
Ab 2028 sollen also laut dem niederländischen Ministerie van Financiën reine Buchgewinne besteuert werden. Konkret heißt das: Wenn ich 2028 auf dem Papier Gewinn erziele – sagen wir auf ein 100.000-Euro-Depot 20%, zahle ich 7.200 Euro Steuern. Die Nachricht darüber bekomme ich aber erst im Mai 2029. Bis dahin ist mein Depot wegen eines Crashs auf 90.000 Euro gesunken.
Die Steuern zahle ich trotzdem. Habe ich die 7.200 Euro auf dem Konto, werden sie dort abgebucht.
Wenn nicht, muss ich Anteile (meiner Aktien oder ETFs) verkaufen. Nur zum aktuellen Kurs, also bei etwa 25% Wertverlust zum Zeitpunkt der Steuererhebung.
Hier realisiert sich jetzt also ein Wertverlust, ausgelöst durch eine Steuer auf eine Gewinn, den es in der Realität gar nie gab.
Es beißt sich der Stier in den Schwanz
Die Börse wird damit maximal uninteressant, um Vermögen aufzubauen. Denn ob ich Gewinn oder Verlust mache, hängt nicht mehr von meiner Strategie und bspw. einem klugen Buy-and-hold-Ansatz ab. Ob ich Gewinn oder Verlust mache, hängt vom Timing der Märkte zum Zeitpunkt der Steuerbemessung ab. Das ist absurd.
Der Staat bereichert sich an einem Gewinn, den es nie gab. Für das ich als Anleger ein Risiko eingegangen bin, das er nie mitgetragen hat. Das ich eingehen musste, um ein Rentenversprechen zu kompensieren, das nie realistisch war. Und die EU sieht das als Testballon. Die Buchgewinn-Steuer. Der Anfang vom Ende.
Aber haben wir das in Deutschland nicht schon?
Jein. Die deutsche Vorabpauschale gilt nur für Fonds und ETFs. Und auch nur für solche, die keine Gewinne ausschütten, sondern alles reinvestieren. Das niederländische System unterscheidet hier gar nicht erst zwischen Aktie, Immobilie, ETF und Sparbuch: Alles landet in einem Topf. Habe ich in Deutschland so einen thesaurierenden Fonds oder ETF, dann zieht mir die Vorabpauschale jährlich einen pauschalen Mini-Ertrag ab.
Wie im niederländischen System auch dann, wenn zwei Monate später mein ETF ins Minus kracht. Der Stichtag 31.12. ist entscheidend und das Geld wird vom Verrechnungskonto direkt abgebucht.
Aber: Es ist eine Steuervorauszahlung. Sie wird mit dem späteren tatsächlichen Gewinn und der anfallenden Steuer verrechnet.
JA, dadurch ist der Zinseszins verringert. Ähnlich wie beim ausschüttendenden Fonds.
NEIN, dadurch kann ich keine realen Verluste rein aufgrund der Steuer erleiden, weil jedes Jahr separat betrachtet wird ohne den tatsächlichen Gewinn am Ende. Und das ist ein verdammt großer Unterschied.
Bleibt also Hoffen und Beten, dass die Niederlande nicht zum neuen Vorzeigemodell der Vermögensenteignung werden …
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