Ein Artikel von Andreas Wollermann, Head of Growth & Sales bei der bbg Betriebsberatungs GmbH
Seit Monaten, eigentlich seit über einem Jahr, schreie ich in dieser Kolumne über die Generation Z. Über ihre Erwartungen, ihre Widersprüche, ihre Wirkung auf Führung, Ausbildung, Kommunikation und auf eine Branche, die sich lange daran gewöhnt hat, dass neue Generationen sich schon irgendwie anpassen werden.
Genau das passiert aber nicht mehr, und das ist der Punkt, den viele noch immer nicht verstehen wollen. Die Generation Z ist nicht einfach nur anders, sie ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass sich Lebensrealitäten, Kommunikation und Sozialisation längst verändert haben. Wer das bis heute nur als Jugendproblem abtut, macht es sich zu leicht, viel zu leicht.
Natürlich ist es bequem, über mangelnde Belastbarkeit, fehlende Loyalität oder hohe Ansprüche zu sprechen. Das hört man in Unternehmen, auf Veranstaltungen und auch in der Versicherungswirtschaft immer wieder, aber diese Debatte greift zu kurz. Nicht weil Kritik grundsätzlich falsch wäre, sondern weil sie oft dort aufhört, wo es eigentlich erst interessant wird: bei der Frage, warum junge Menschen so sind, wie sie sind.
Gen Z ist Ergebnis ihrer Zeit
Die Generation Z ist nicht aus dem Nichts entstanden, sie ist das Ergebnis ihrer Zeit. Eine Generation, die in Unsicherheit aufgewachsen ist, in Dauerkrisen, unter digitalem Dauerfeuer, mit permanenter Vergleichbarkeit, ständigem Bewertungsdruck und einer Kommunikation, die immer schneller, unmittelbarer und oft auch härter geworden ist. Wer in so einer Welt groß wird, entwickelt andere Fragen an Arbeit, an Führung und an Zukunft. Das ist keine Schwäche, das ist Sozialisierung und genau deshalb war die Generation Z für Unternehmen eigentlich eine Chance.
Eine Chance, neu hinzusehen. Eine Chance, Führung neu zu denken. Eine Chance, Kommunikation ehrlicher zu machen. Eine Chance, sich zu fragen, ob man junge Menschen wirklich erreichen will oder ob man nur erwartet, dass sie sich in bestehende Systeme einfügen. Einige haben diese Chance erkannt, viele andere leider nicht.
Statt echter Auseinandersetzung gab es an vielen Stellen vor allem eins: Beschwerden! Über Haltung, über Verhalten, über Ansprüche. Das Problem daran ist nur, dass sich Realität nicht wegkommentieren lässt. Junge Menschen verändern nicht die Spielregeln, weil sie Lust auf Rebellion haben, sie reagieren auf eine Welt, die sich längst verändert hat, und wer das nicht sehen will, wird weder Nachwuchs gewinnen noch Menschen langfristig binden. Gerade in der Versicherungswirtschaft ist das relevant. Vielleicht mehr als in vielen anderen Branchen.
Digitale Reize sind das Grundrauschen des Alltags
Wir reden hier über eine Branche, die von Vertrauen lebt, von langfristiger Beziehung, von Erklärung, von Orientierung und von der Fähigkeit, komplexe Themen so zu vermitteln, dass Menschen sich ernst genommen fühlen. Gleichzeitig erleben wir aber eine Welt, in der Aufmerksamkeit in Sekunden verteilt wird, in der Relevanz nicht mehr automatisch entsteht und in der gerade junge Menschen sehr schnell merken, ob etwas ehrlich gemeint ist oder nur gut formuliert klingt.
Genau das ist die eigentliche Herausforderung! Nicht die Generation Z, sondern unsere Fähigkeit, auf neue Lebensrealitäten angemessen zu reagieren. Während wir noch immer versuchen, die Generation Z irgendwie einzuordnen, wächst längst die nächste Generation heran, die Generation Alpha.
Genau hier beginnt das, was viele noch komplett unterschätzen. Denn wenn die Generation Z für Unternehmen schon wie ein Weckruf wirkte, dann wird die Generation Alpha die eigentliche Richtungsentscheidung. Über die Generation Z wurde viel gesprochen, oft kritisch, oft oberflächlich, manchmal auch ernsthaft, aber was mit der Generation Alpha auf uns zukommt, verstehen bisher die wenigsten.
Dabei wird genau dort sichtbar, wie tief der Wandel der Kommunikation inzwischen geht. Die Generation Alpha wächst nicht einfach nur digital auf, sie wächst in einer Welt auf, in der digitale Reize das Grundrauschen des Alltags sind. In einer Welt, in der Kommunikation visuell, schnell und algorithmisch geprägt ist. In einer Welt, in der Aufmerksamkeit härter umkämpft ist als jemals zuvor. In einer Welt, in der Orientierung nicht mehr selbstverständlich aus Familie, Schule oder Gesellschaft entsteht, sondern immer öfter konkurriert mit Plattformen, Trends, Vorbildern und permanentem Input.
Seite 1 Nach Z kommt Alpha: Und die wenigsten sind darauf vorbereitet
Seite 2 Neue Prioritäten sind nötig
- Anmelden, um Kommentare verfassen zu können