Interview mit Gesine Froese, Regional Manager Cyber Risks DACH bei Beazley
Frau Froese, Cyberrisiken gelten als eines der größten Geschäftsrisiken für Unternehmen. Was hat sich aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahren am stärksten verändert?
Die Wahrnehmung der Kunden. Vor einigen Jahren waren viele Firmen noch der Auffassung, dass sie das Cyberrisiko nicht beträfe, die Vermutung, das Unternehmen sei zu klein oder zu unbekannt, wiegte Unternehmer in falscher Sicherheit. Diese Wahrnehmung hat sich grundlegend gewandelt. Eigene Erfahrungen mit Cybervorfällen, die zunehmende Digitalisierung sowie die hohe mediale Präsenz des Themas haben das Risikobewusstsein deutlich geschärft. Kunden wissen heute, dass sie ein Cyberrisiko haben. Das spiegelt sich auch im Risk & Resilience Report wider: 31% der Firmen nennen Cyber als ihr Top-Risiko, ein erneut gestiegener Wert gegenüber den Vorjahren. Gleichzeitig haben sich Cyberrisiken selbst verändert. Uns als Versicherer beschäftigt derzeit vor allem die zunehmende Systemhaftigkeit des Risikos. Die digitale Vernetzung auf technischer und kommerzieller Ebene sorgt dafür, dass ein Vorfall bei einer Organisation viele Firmen gleichzeitig treffen kann, ganz unabhängig von Umsatzhöhen, Branchen oder Standort. Durch digitale Abhängigkeiten, gemeinsam genutzte Technologien und die hohe Vernetzung unserer Wirtschaft durch Lieferkettenabhängigkeiten, beeinträchtigt ein Cybervorfall zunehmend breitflächig.
Viele Unternehmen schätzen ihre eigene Cyberresilienz sehr positiv ein. Wo sehen Sie die größten Unterschiede zwischen Selbstbild und tatsächlicher Risikolage?
Viele Unternehmen bewerten ihre Cyberresilienz auf Basis einzelner Maßnahmen, etwa Investitionen in moderne Firewalls oder Endpoint-Protection-Lösungen für Clients und Server. Diese Maßnahmen sind zweifellos wichtig, bilden aber nur einen Teil einer wirksamen Cyberrisikosteuerung ab. In der Risikoprüfung zeigt sich jedoch oft, dass in vielen Unternehmen Cyberrisikomanagement noch nicht ganzheitlich gedacht wird. Kritische Geschäftsprozesse sind nicht durchgängig abgesichert, Notfall- und Wiederanlaufpläne werden nicht regelmäßig getestet oder es fehlen Ausweichmöglichkeiten für den Ernstfall.
Unsere Studienergebnisse bestätigen diese Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und eigentlicher Risikolage deutlich: 82% der Unternehmen glauben, gut vorbereitet zu sein, während 78% überzeugt sind, einen Angriff finanziell vollständig bewältigen zu können. Wir beobachten, dass diese deutliche Zuversicht oft im Widerspruch zur tatsächlichen operativen Resilienz steht.
Welche Bedeutung haben Cyberrisiken heute für kleine und mittelständische Unternehmen?
Für KMU sind Cyberrisiken heute genauso geschäftskritisch wie für Großkonzerne – in vielen Fällen sogar noch kritischer. Während große Unternehmen häufig über spezialisierte IT-Sicherheitsteams, etablierte Notfallprozesse und größere finanzielle Reserven verfügen, sind die Ressourcen im Mittelstand oft begrenzter. Gleichzeitig können einzelne Cybervorfälle dort existenzbedrohende Auswirkungen haben, da Ausfälle oder finanzielle Belastungen deutlich schwerer zu kompensieren sind. Der Beazley Risk & Resilience Report zeigt auf, dass sich kleinere Unternehmen oft weniger gut vorbereitet fühlen und stärker von Unterbrechungen betroffen sind.
KI verändert die Angriffsmethoden von Cyberkriminellen. Welche Entwicklungen sollten Makler ihren Kunden verständlich machen?
KI erhöht vor allem die Skalierbarkeit und Professionalität von Angriffen. Viele der grundlegenden Angriffsmethoden sind zwar nicht neu, ihre Qualität und Reichweite nehmen jedoch durch den Einsatz von KI erheblich zu. Besonders sichtbar wird dies bei Phishing- und Social-Engineering-Angriffen. KI ermöglicht es Angreifern, täuschend echte E-Mails, Nachrichten oder Stimmen zu erzeugen, die sprachlich präzise auf einzelne Personen oder Unternehmen zugeschnitten sind. Dadurch sinkt die Hürde für Cyberkriminelle, glaubwürdige Angriffe in großem Umfang durchzuführen. Die eigentliche Herausforderung für Unternehmen liegt daher weniger in einer völlig neuen Art von Risiko als vielmehr in der Geschwindigkeit und Professionalität, mit der bestehende Angriffsmethoden weiterentwickelt werden.
Für Makler ist entscheidend, diese neue Entwicklung verständlich einzuordnen. KI macht Cyberangriffe nicht unvermeidbar, sie erhöht jedoch die Anforderungen an Prävention und Resilienz. Der entscheidende Schutzfaktor bleibt deshalb häufig der Mensch. Regelmäßige Schulungen, Awareness-Maßnahmen, klar definierte Meldewege sowie die Sensibilisierung für moderne Social-Engineering-Angriffe gewinnen weiter an Bedeutung.
Seite 1 „Cyberversicherung ist nicht gleich Cyberversicherung“
Seite 2 Welches sind die typischen Schwachstellen in Unternehmen?
- Anmelden, um Kommentare verfassen zu können