Wenn Versicherer selektiver zeichnen, erwarten Sie eher eine stärkere Differenzierung nach Regionen oder nach Risikotypen?
Ich erwarte eine stärkere Differenzierung in beiden Bereichen. Die Versicherer werden zunehmend präziser in ihrer Risikobewertung. Dank verbesserter Geo-Informationssysteme können sie Regionen mit erhöhtem Naturgefahrenrisiko immer genauer identifizieren und entsprechend bepreisen oder die Zeichnung dort einschränken. Gleichzeitig wird aber auch die individuelle Gebäudebewertung an Bedeutung gewinnen. Faktoren wie Altbestand, Baualtersklassen, der Sanierungszustand, die Bauart und das Vorhandensein von Vorschäden sind entscheidend für das spezifische Risiko eines Gebäudes. Ein moderner Neubau in einem Risikogebiet kann beispielsweise ein geringeres Risiko darstellen als ein unsanierter Altbau in einem vermeintlich sichereren Gebiet. Die Zukunft liegt in einer detaillierteren Risikobewertung, die sowohl externe Gefahren wie die regionale Lage als auch die interne Widerstandsfähigkeit, etwa den Gebäudetyp, miteinbezieht.
Welche Bedeutung wird Prävention künftig haben und wird sie Einfluss auf Prämien haben?
Prävention wird künftig eine zentrale und absolut entscheidende Bedeutung haben. Sie ist der Schlüssel, um Risiken zu mindern und die Schadenlast zu reduzieren. Es ist nicht nur wünschenswert, sondern notwendig, dass Präventionsmaßnahmen wie Rückstausicherungen, Leckage-Sensorik, regelmäßige Wartung von Dächern und Drainagen oder umfassende Gebäudesanierungen eine messbare Prämienwirkung entfalten. Nur so entsteht ein Anreiz für Versicherungsnehmer, aktiv in den Schutz ihrer Immobilie zu investieren.
Es ist realistisch, hier eine messbare Prämienwirkung zu erzielen. Versicherer sind bereits dabei, solche Präventionsmaßnahmen in ihre Tarifierung einzubeziehen, sei es durch Beitragsnachlässe, spezielle Module oder verbesserte Leistungen. Die Herausforderung liegt darin, die Wirksamkeit der Maßnahmen transparent zu belegen und die Datenbasis dafür zu schaffen. Je besser die Datenlage und je nachweisbarer die Risikominderung durch Präventionsmaßnahmen wird, desto direkter und deutlicher wird sich dies in den Prämien widerspiegeln. Dies schafft eine Win-win-Situation: weniger Schäden für die Versicherer, niedrigere Prämien und mehr Sicherheit für die Versicherungsnehmer.
Wie könnte sich eine verpflichtende Elementarschadenversicherung auf die Prämienentwicklung auswirken?
Eine verpflichtende Elementarschadenversicherung könnte zu einer zeitweiligen Stabilisierung oder mindestens einer abgeschwächten Anpassungsdynamik führen. Eine Pflichtversicherung würde das Solidarprinzip massiv stärken, indem sie die Risikostreuung auf eine breitere Basis stellt. Konkret würde dies bedeuten, dass Eigentümer in bislang unversicherten, aber risikoreichen Gebieten zunächst mit steigenden Prämien rechnen müssten. Gleichzeitig erhielten sie aber Zugang zu dringend benötigtem Schutz, der bislang für viele unerschwinglich ist. Für Eigentümer in risikoärmeren Gebieten, die bisher keine Elementarschadenversicherung hatten, würden die Prämien für diesen Baustein hinzukommen. Langfristig jedoch würde die breitere Risikostreuung dazu führen, dass die durchschnittlichen Prämien für Elementarschäden für alle tendenziell stabiler werden, da die Kosten nicht mehr auf eine kleine Gruppe von Hochrisikokunden verteilt werden müssen. Das System würde robuster gegen einzelne Großschadenereignisse. Wichtig ist jedoch, dass eine Pflichtversicherung nicht isoliert betrachtet werden darf. Sie muss zwingend durch konsequente Präventionsmaßnahmen und eine kluge Risikoteilung zwischen Staat und Versicherungswirtschaft flankiert werden, damit sie ihre volle positive Wirkung entfalten kann.
Lesen Sie auch: Schadeninflation: Versicherer müssen Geschäftsmodell verändern
Interessieren Sie sich für weitere Hintergrundartikel aus der Branche? Dann abonnieren Sie das monatliche Fachmagazin AssCompact – kostenfrei für Versicherungs- und Finanzmakler.
Seite 1 „Die Versicherer müssen ihre Tarife an die Realität anpassen“
Seite 2 Wenn Versicherer selektiver zeichnen, erwarten Sie eher eine stärkere Differenzierung nach Regionen oder nach Risikotypen?
- Anmelden, um Kommentare verfassen zu können