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31. März 2026
„Die Versicherer müssen ihre Tarife an die Realität anpassen“

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„Die Versicherer müssen ihre Tarife an die Realität anpassen“

„Die Versicherer müssen ihre Tarife an die Realität anpassen“

Die Wohngebäudeversicherung hat der Branche in den letzten Jahren Kopfschmerzen bereitet. Während vergangenes Jahr eine „Atempause“ für die Sparte war, werden wohl weitere Prämienanpassungen folgen. Deshalb ist Prävention in Zukunft entscheidend, um Stabilisierung zu erreichen.

Interview mit Dennis Wittkamp, Fachkoordinator für Schaden-/Unfallversicherung bei der Assekurata Assekuranz Rating-Agentur GmbH
Herr Wittkamp, die Wohngebäudeversicherung galt in den letzten Jahren neben der Kfz-Versicherung als Sorgenkind der Branche. Wie ist das vergangene Jahr für die Versicherer gelaufen?

In der Tat war die Wohngebäudeversicherung in den vergangenen Jahren eine große Herausforderung für die Branche. Das vergangene Jahr hat hier eine leichte Entspannung gebracht, was vor allem jedoch auf eine vergleichsweise geringere Belastung durch Naturgefahrenereignisse zurückzuführen ist. Diese Atempause war für viele Versicherer wichtig, um die notwendigen Anpassungen in ihren Beständen und Tarifen weiter voranzutreiben. Es wäre jedoch falsch, von einer generellen Beruhigung zu sprechen, denn die strukturellen Probleme durch veränderte Risikoprofile infolge des Klimawandels und die dynamische Baukostenentwicklung bleiben bestehen und werden die Branche auch in Zukunft begleiten.

Die Combined Ratio in der verbundenen Wohngebäudeversicherung lag laut Zahlen des GDV im Jahr 2025 bei 90%. Das lag auch an den relativ niedrigen Schäden durch Naturgefahren. Wie robust ist dieser Wert?

Eine Combined Ratio von 90% ist auf den ersten Blick und im langjährigen Vergleich ein sehr guter Wert, der auf eine hohe Profitabilität hinweist. Allerdings wird dieser Wert, wie Sie richtig anmerken, maßgeblich durch die vergleichsweise niedrigen Naturgefahrenschäden im Jahr 2025 beeinflusst. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass die Wohngebäudeversicherung sehr volatil ist und stark von einzelnen Großereignissen oder einer Häufung von Starkregenereignissen geprägt wird. Sollte das kommende Jahr von stärkeren Naturgefahren geprägt sein, wäre das ein deutlicher Rückschlag und ein Anstieg der Combined Ratio über die 100%-Marke hinaus absolut realistisch. Die grundlegenden Herausforderungen, etwa die zunehmende Häufigkeit und Intensität von Extremwetterereignissen sowie die hohen Baukosten, sind weiterhin nicht gelöst.

Welche Faktoren bedrohen die Profitabilität am stärksten? Klimawandel, steigende Kosten im Bausektor oder strengere Regularien?

Die Profitabilität wird primär durch eine Kombination aus zwei Hauptfaktoren bedroht: den Klimawandel und die steigenden Kosten im Bausektor. Der Klimawandel führt zu einem Anstieg von Elementarschäden. Diese Ereignisse treten häufiger und intensiver auf und stellen die Kalkulationsgrundlagen der Versicherer immer wieder vor große Herausforderungen. Gleichzeitig explodieren die Kosten für Handwerkerleistungen und Baumaterialien, was die Schadenaufwendungen im Reparatur- und Wiederaufbaufall massiv in die Höhe treibt. Dieser Effekt wird durch den Sanierungsstau bei älteren Immobilien noch verstärkt.

Die Beiträge sind in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Rechnen Sie in den nächsten Jahren mit weiteren Anhebungen oder eher einer Beruhigung?

Angesichts der anhaltenden Herausforderungen rechne ich in den kommenden Jahren eher mit weiteren deutlichen Beitragsanhebungen als mit einer Beruhigung. Die Versicherer müssen ihre Tarife an die Realität anpassen, um langfristig leistungsfähig zu bleiben. Eine Unterdeckung würde die Stabilität des gesamten Systems gefährden. Die Beitragsanpassungen sind ein notwendiger Schritt, um die gestiegenen Risiken und Kosten adäquat abzubilden. Eine Beruhigung wäre nur dann denkbar, wenn sich die Baukosten stabilisieren und die Häufigkeit sowie Intensität von Naturgefahrenereignissen signifikant zurückgehen würden – wofür es derzeit keine Anzeichen gibt.

In den letzten Jahren haben mehrere Versicherer Bestandssanierungen durchgeführt. Rechnen Sie auch dieses Jahr mit weiteren solchen Entwicklungen?

Ja, ich rechne auch dieses und in den kommenden Jahren mit weiteren Bestandssanierungen. Diese Maßnahmen sind eine direkte Konsequenz der unzureichenden Profitabilität in Teilen der Wohngebäudeversicherungsbestände. Wenn Verträge über Jahre hinweg Verluste einfahren, müssen Versicherer handeln, um ihre Solvenz und die Leistungsfähigkeit für alle Versicherten zu gewährleisten. Bestandssanierungen können durch Prämienanpassungen, eine selektivere Zeichnung oder sogar Kündigungen umgesetzt werden. Obwohl sie ein schmerzhafter Schritt sind, sind sie häufig unvermeidlich, um die Bestände wieder auf eine solide Basis zu stellen und die langfristige Tragfähigkeit des Geschäftsmodells zu sichern.