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4. Februar 2021
Die Deutschen sparen sich weiter arm
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Die Deutschen sparen sich weiter arm

Deutschlands Sparer halten weiter stur an ihrem konservativen Verhalten fest. Das zeigt eine aktuelle Auswertung von Union Investment. Und dieses Verhalten kommt ihnen teuer zu stehen. Innerhalb von neun Jahren haben sie 130 Mrd. Euro verloren.

Die Deutschen machen ihrem Ruf als Sparweltmeister weiter alle Ehre: Das Finanzvermögen der deutschen Privathaushalte hat sich in den vergangenen 20 Jahren mit einem Plus von 95% nahezu verdoppelt. Paradoxerweise landet das meiste Geld der Sparerinnen und Sparer jedoch weiterhin auf dem Girokonto. Dies sorgt dafür, dass allein 2019 jeder Bundesbürger mit Ersparnissen auf dem Giro- und Tagesgeldkonto sowie in Termin- und Spareinlagen im Schnitt 380 Euro verloren hat. Dieser Wert dürfte in der Corona-Pandemie sogar noch angestiegen sein. Das geht aus einer Studie von Prof. Oscar A. Stolper von der Philipps-Universität in Marburg für Union Investment hervor.

Anteil von Bargeld und Sichteinlagen nahezu verdreifacht

Seit dem Jahr 2000 ist der Studie zufolge der Anteil von Bargeld und Sichteinlagen am gesamten Geldvermögen der Deutschen von 10 auf 28% angewachsen und hat sich damit nahezu verdreifacht. Das Vermögen, das Sparer auf ihren Girokonten zusammengetragen haben, ist innerhalb von zehn Jahren um etwa 960 Mrd. Euro gestiegen. Alleine in den letzten drei kamen knapp 400 Mrd. Euro. Mit dieser Form des Sparens ist jedoch in anhalten Null- und Niedrigzinsphase keine Rendite zu erzielen.

Zinsen bringen keine nennenswerten Erträge mehr

Der Anteil, den Erträge wie Zinsen und Kurszuwächse an der Vermögenszunahme ausmachen, befindet sich seit Jahren im freien Fall. Vor einer Dekade betrug er noch 71%. Durch den Rückgang der Zinsen ist dieser Anteil auf 25% abgestürzt. Der Kapitalzuwachs war 2019 bei denen, die ihr Geld auf Tagesgeld-, Festgeld- und Sparkonten halten, zu 98% auf Sparanstrengungen zurückzuführen. „Das beachtliche Finanzvermögen der Deutschen ist besonders in den letzten Jahren vor allem durch Konsumverzicht entstanden“, erläutert Prof. Stolper. „Wenn die Menschen mit dem Girokonto sparen, dann kann man eigentlich nicht von Geldanlage, sondern nur von Geldablage reden“, kommentiert Giovanni Gay, Geschäftsführer bei Union Investment.

130 Mrd. Euro Verlust in neun Jahren

Auch wenn sich viele Sparerinnen und Sparer möglicherweise mit dieser Situation abgefunden haben, kaschieren die enormen Zuwächse bei den absoluten Zahlen den Wertverlust, der dahinter liegt. Rund 1,9 Bio. Euro des gesamten deutschen Finanzvermögens sind Sichteinlagen. Deren Realverzinsung war in den vergangenen zwanzig Jahren aber nahezu ausnahmslos negativ. Seit 2010 haben die Deutschen auf diese Weise in Summe einen Wertverlust von etwa 130 Mrd. Euro erlitten, davon knapp 100 Mrd. Euro allein in den drei Jahren zwischen 2017 und 2019. Statistisch betrachtet verlor jeder Bundesbürger allein im Jahr 2019 im Schnitt etwa 380 Euro. Mit dem Rekordzuwachs bei Giroguthaben, der im Zuge der Corona-Pandemie derzeit in Deutschland beobachtet werden kann, hat dieser Kaufkraftverlust im laufenden Jahr sogar noch an Geschwindigkeit zugenommen.

Vor allem zwei Phänomene als Hindernis

Aus Sicht von Prof. Stolper zeigten sich bei der Lösung des Problems vor allem zwei Phänomene: Viele ältere Sparerinnen und Sparer hätten sich noch nicht ganz von der alten Welt verabschiedet und hofften immer noch auf „bessere Zeiten“ mit steigenden Zinsen. „Mit dieser Einstellung wird es schwer, den Tatsachen ins Auge zu sehen“, so Stolper.

Kapitulation bei jüngeren Sparern

Mindestens genauso herausfordernd sei das Bild bei jüngeren Sparern, die die „guten Zeiten“ nie erlebt hätten. „Insbesondere jüngere Sparer, denen nennenswerte Habenzinsen so fremd sind wie Bandsalat und Kännchenzwang dürfen sich nicht mit Geldablage zufriedengeben. Diese Kapitulation vor den Herausforderungen des modernen Sparens passt überhaupt nicht zu dem Anspruch vieler Menschen, immer mehr Lebensbereiche aktiv zu gestalten. Anstelle einer falschen Genügsamkeit muss deshalb das Verständnis treten, dass Finanzvermögen mehr zu leisten vermag, als nominal exakt um das Ersparte anzuwachsen“, ergänzt Prof. Stolper.

Aktienfondssparer müssen monatlich 180 Euro weniger für das Alter zurücklegen

Wie es anders gehen könnte, zeigt eine Beispielrechnung anhand eines langfristigen Sparvorhabens mit regelmäßigen Sparraten. Demnach kann eine durchschnittliche angestellt beschäftigte 35-jährige Person in Deutschland im Alter von 67 Jahren mit einer monatlichen Nettorente nach heutiger Kaufkraft von etwa 1.200 Euro rechnen. Dies entspricht ca. 60% des voraussichtlichen letzten Nettogehalts in Höhe von etwa 2.000 Euro. Nimmt man an, dass 80% des letzten Nettogehalts für die Versorgung im Alter ausreichen, fehlen für das Versorgungsziel jeden Monat rund 400 Euro. Das entspricht einer Rentenlücke von 72.000 Euro. Um diese zu schließen müssten Sparer aufgrund der negativen Realrenditen über 90.000 Euro auf Girokonten und Sichteinlagen einsparen. Monatlich wären das 237 Euro. Bei einem Aktienfonds mit einer Durchschnittsrendite von 6,2% vor Kosten und Steuern würden dagegen bereits 23.600 Euro ausreichen, um die Lücke zu schließen. Monatlich wären das nur 61 Euro und damit fast 180 Euro weniger als bei Sparen auf dem Girokonto. (mh)

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