Der Hype um künstliche Intelligenz in der Versicherungsbranche hält unvermindert an. Doch viele Unternehmen verfangen sich in Diskussionen über die besten Tools, anstatt das eigentliche Nadelöhr in den Blick zu nehmen: die eigene Organisation und IT-Architektur. In der neuesten Ausgabe des Digital Insurance Podcast diskutiert Moderator Jonas Piela genau diese Herausforderung mit Sascha Ehrenforth, Abteilungsdirektor Digitalisierung Operationsprozesse bei der R+V Versicherung. Unter dem Titel „Architektur statt Alchemie“ beleuchtet die Episode, warum eine erfolgreiche KI-Transformation weit mehr erfordert als die bloße Einführung neuer Softwarelizenzen.
Evolution der Transformation: Von Steckdosen und Infrastrukturen
Ehrenforth zieht einen historischen Vergleich, um die aktuelle Situation der Versicherer zu veranschaulichen. Er erinnert an die Anfänge der Elektrifizierung, als Unternehmen eigene Kraftwerke bauten, weil eine flächendeckende Stromversorgung fehlte – eine Rolle, die damals dem sogenannten „Chief Electricity Officer“ zukam. Heute lasse sich diese historische Phase mit den Aufgaben eines Digitalisierungs- oder KI-Chefs vergleichen. Eine entscheidende Erkenntnis aus der Vergangenheit sei, dass tiefgreifende technologische Veränderungen immer eine entsprechende Infrastruktur voraussetzen. Im Kontext der heutigen KI-Revolution bedeute dies, dass nicht das einzelne Modell im Vordergrund stehen dürfe, sondern die Frage, wie flexibel und stabil die dahinterliegende IT-Architektur aufgestellt ist.
Das neue Nadelöhr: Governance und Betrieb schlagen die Code-Erstellung
Ein zentraler Punkt des Gesprächs ist die Verschiebung der klassischen Engpässe in IT-Projekten. Bisher galt das Schreiben von Softwarecode als das primäre Nadelöhr. Durch den rasanten Fortschritt generativer KI-Systeme und Ansätze wie Wibe-Coding, agentische Systeme sowie Low-Code- und No-Code-Plattformen verliert dieser Arbeitsschritt jedoch massiv an Zeit und Komplexität. Fachbereiche sind plötzlich in der Lage, Prototypen in einem Bruchteil der früher benötigten Zeit selbst zu erstellen. Das neue Bottleneck verlagert sich laut Ehrenforth dadurch unweigerlich nachgelagert in die Bereiche Governance, IT-Sicherheit, Datenschutz und Systemintegration. Die eigentliche Herausforderung für Versicherer bestehe nun darin, diese rasant erstellten Funktionsbausteine sicher, rechtskonform und effizient in die komplexen Kernsysteme der Unternehmen zu überführen.
Kollaboration der Zukunft: Mensch und Maschine im harmonischen Zusammenspiel
Für die Zukunft der Arbeit in den Versicherungsunternehmen prognostiziert Ehrenforth eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine. Die Rolle des Mitarbeiters wandle sich zunehmend vom reinen Ausführer hin zu einer koordinierenden und überwachenden Instanz. In funktionierenden Szenarien agiert der Mensch als Orchestrator, der KI-Agenten anleitet, korrigiert und bei Unklarheiten als Kontrollinstanz eingreift. Um diese neue Arbeitswelt erfolgreich zu gestalten, müssten Versicherer gezielt das digitale Bewusstsein und die grundlegenden IT-Kompetenzen ihrer Belegschaft stärken. Nur wenn die Organisation lernt, sich flexibel an die immense Geschwindigkeit der KI-Entwicklung anzupassen, lässt sich das Potenzial der Technologie voll ausschöpfen.
Hier geht es zur aktuellen Folge:
Über den Podcast
Jonas Piela berät die Versicherungswirtschaft hinsichtlich der digitalen Transformation in seiner Rolle als Managing Director bei Piela & Co. Digital Consultants. Außerdem betreibt er den Digital Insurance Podcast, für den er mit Managern aus der Branche über die Herausforderungen der Digitalisierung spricht. Zu finden ist der Podcast unter anderem bei Google, Apple und Spotify sowie unter insurancemedia.de/podcast.
Weitere Podcasts
- Anmelden, um Kommentare verfassen zu können