Derzeit sind etwa 57% der deutschen Wohngebäude gegen Elementarschäden abgesichert. Wenn es nach der Politik ginge, wäre diese Zahl deutlich höher. Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung wurde daher festgehalten, dass man sich auf die Einführung einer verpflichtenden Elementarversicherung verständigt hat. Ob und wann eine solche Pflichtabsicherung kommen könnte, ist noch nicht sicher. Ähnlich unsicher sind die Details – etwa ob eine Opt-out-Lösung im Bestand integriert werden soll, bei der Versicherungsnehmer dem Schutz aktiv widersprechen müssen.
Studie ermittelt reale Zusatzkosten für Elementarschutz
Vor dem Hintergrund der politischen Debatte hat ein Team von Wissenschaftlern ausgerechnet, wie hoch die Zusatzkosten einer verpflichtenden Elementarabsicherung tatsächlich sein könnten. Die Studie wurde von Prof. Dr. h.c. Hartmut Nickel-Waninger von der Goethe-Universität in Frankfurt initiiert und von der fb research GmbH durchgeführt.
Für die Studie wurde ein einheitliches Musterhaus im Wert von ca. 500.000 Euro definiert und auf über 1.000 reale Adressen übertragen, die über alle 36 deutschen Risikozonen hinweg liegen. Die Risikozonen ergeben sich aus den vier Hochwassergefährdungsklassen (auch ZÜRS-Zonen genannt), drei Starkregen-Gefährdungsklassen und drei Erdbebenzonen. Als besonders gefährdet gilt dabei die ZÜRS-Zone 4 insgesamt und auch die ZÜRS-Zone 3, insbesondere wenn das Gebäude zusätzlich in der Starkregenzone 3 liegt.
Für jede dieser Adressen wurden systematisch über mehrere Anbieter Prämien mit und ohne Elementarkosten berechnet, um die tatsächlichen Zusatzkosten zu ermitteln. Der Selbsthalt lag im Musterbeispiel bei 500 Euro.
Differenz zwischen den Zonen „erheblich“
Bei jeder der insgesamt 1.094 Adressen hat die fb research GmbH die 39 günstigsten Angebote ausgewiesen. Über alle Adressen hinweg finden sich insgesamt 13 Anbieter, darunter sowohl größere als auch kleinere Unternehmen und ein Assekuradeur. Regional tätige Versicherer waren nicht vertreten, heißt es in der Studie. Insgesamt haben die Wissenschaftler über 80.000 bereinigte Angebote verarbeitet.
Auffällig sei zunächst die „erhebliche Differenz“ der Elementarschadenbeiträge zwischen den Zonen 1 nach 2 und dann insbesondere zwischen 2 und 3, so die Studie. Während der Elementaranteil in der Risikozone 1 am Gesamtbeitrag mit Elementarschutz zwischen 20% und 30% ausmacht, beträgt er in der Zone 2 bereits rund 50%. In der Zone 3 macht er sogar rund 75% des Gesamtbeitrages aus.
Zusatzkosten je nach Zone zwischen 19 und 3.000 Euro
Was bedeutet das in Zahlen? Die Ergebnisse zeigen, dass der durchschnittliche Elementaraufschlag, je nach Risikozone, von etwa 100 Euro pro Jahr in der niedrigsten Risikozone bis über 1.300 Euro jährlich in höheren Risikozonen reicht. In einzelnen Tarifen reicht die Spannbreite sogar von 19 Euro bis über 3.000 Euro im Jahr.
Was angemerkt werden sollte: Die überwiegende Mehrheit aller Wohngebäude in Deutschland – nämlich 92,4% – liegen in der ZÜRS-Zone 1. Somit wären die allermeisten Eigentümer nicht von übermäßig hohen Beiträgen betroffen. In den „teuren“ Zonen 3 und 4 liegen 1,1% bzw. 0,4% der Wohngebäude.
Angebote in ZÜRS-Zone 4 wohl nur selten aktiv nachgefragt
Als „bemerkenswert“ stuft die Studie die breite Streuung der Beiträge ein, ebenso wie die Tatsache, dass der durchschnittliche Beitrag nicht in allen Fällen proportional zur Risikoklasse ansteige. Das sei insbesondere in der ZÜRS-Zone 4 der Fall. Die Studienautoren schließen daraus, dass es für diesen Markt nur eine geringe Transparenz über das Angebot auf der Nachfrageseite gibt. Die Studienautoren vermuten, dass Angebote mit Elementarschadenversicherung in diesen Regionen nur selten aktiv nachgefragt werden.
Die Studienautoren haben nur Angebote von vier Unternehmen für Adressen in der ZÜRS-Zone 4 erhalten, und nicht immer waren diese höher als in Zone 3. Nach Auskunft der Studienautoren sei für Elementarschutz in der Zone 4 in aller Regel eine Direktionsanfrage zu stellen. Standardisierte, direktabschlussfähige Prämien existieren offenbar normalerweise nicht.
Leistungsinhalte sollten stärker in den Fokus gerückt werden
Ein weiteres Ergebnis der Studie rückt neben der Kostentransparenz durch die Analyse der Aspekt der Vergleichbarkeit der Leistungsinhalte in den Fokus. Denn auch innerhalb der gleichen Zone seien die Beitragsdifferenzen so groß, das sich ein Beitragsvergleich lohnt. Diese Debatte werde aktuell zu wenig berücksichtigt, vor allem angesichts einer potenziellen Versicherungspflicht. „Wenn über verpflichtende Modelle nachgedacht wird, stellt sich – ähnlich wie bei den bereits bestehenden Pflichtabsicherungen in der Krankenvoll- und Kfz-Haftpflichtversicherung – die Fragen, welches Leistungspacket verbindlich enthalten sein soll“, so Jennifer Hansen, Leitung des fb research-Analyseteams im Kompositbereich. „Nur so lassen sich Beitrage sachgerecht bewerten und vergleichen.“
Deutsche offen für verpflichtende Absicherung
Im Allgemeinen sind viele Deutsche offen für eine Elementarpflichtversicherung. Eine Studie des ifo-Instituts aus dem vergangenen Jahr zeigt, dass 39% der Befragten einer Versicherungspflicht positiv gegenüberstehen. 34% sind neutral. Zudem stieg die Zustimmung weiter an, wenn die Befragten spezifische Informationen über die reale Höhe staatlicher Hilfen erhielten. (js)
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