Interview mit Carsten Harlozynski, Inhaber Business Fachwerk | Freiberuflicher Dozent, u. a. bei der DMA, DVA, dem BWV Rheinland und dem BWV Dortmund
Herr Harlozynski, steigen wir direkt ein: Wie steht es aktuell um den Markt der Kfz-Versicherungen?
Wirtschaftlich hat sich die Lage der Kfz-Versicherer nach den verlustreichen Jahren 2023 und 2024 wieder verbessert. In diesen beiden Jahren mussten die Versicherer laut GDV zusammen ein versicherungstechnisches Minus von fast 5 Mrd. Euro verkraften. Nach deutlichen Beitragserhöhungen erzielte die Sparte 2025 erstmals seit mehreren Jahren wieder ein positives versicherungstechnisches Ergebnis. Für Autofahrer bedeutet das allerdings keine Entwarnung: Hohe Reparatur-, Ersatzteil- und Werkstattkosten sorgen weiterhin für erheblichen Beitragsdruck.
Die Beiträge in diesem Bereich steigen sehr stark. Wie können Makler ihren Kunden das in der Beratung gut erklären?
Am besten nicht mit dem Satz „Alles wird eben teurer“. Ein Kunde versteht die Entwicklung besser, wenn man die Schadenlogik erklärt. Ein moderner Stoßfänger ist nicht mehr nur Kunststoff: Dort sitzen Sensoren, Radar- oder Kameratechnik. Nach einem Schaden kommen Diagnose, Kalibrierung sowie höhere Ersatzteil- und Werkstattkosten hinzu. 2024 kosteten Mechanik-, Elektrik- und Karosseriearbeiten im Schnitt 202 Euro pro Stunde, Lackierarbeiten 220 Euro. Ersatzteilpreise sind seit 2015 um mehr als 80% gestiegen. Auch Kunden ohne eigenen Schaden können betroffen sein, weil Versicherer das Kollektivrisiko kalkulieren.
Und warum ist Ihrer Meinung nach weiterhin so viel Druck auf dem Thema? Wie gehen Makler und Kunden damit um?
Mehrere Effekte wirken gleichzeitig. Fahrzeuge werden sicherer, aber technisch komplexer. Assistenzsysteme können Unfälle vermeiden, Reparaturen im Schadenfall aber verteuern. Dazu kommen Löhne, Ersatzteilpreise, Werkstattkosten, Standzeiten, Inflation und Naturgefahren. Makler sollten deshalb nicht nur über den Preis sprechen. Werkstattbindung, Fahrerkreis, Jahresfahrleistung und Leistungsumfang gehören in die Beratung. Eine Selbstbeteiligung in der Teil- und Vollkasko kann den Beitrag senken. Bei Firmenfahrzeugen kommen Schadenmanagement und Ausfallzeiten hinzu. Gerade im Kfz-Bereich gilt: Der günstigste Tarif ist nicht automatisch die beste Lösung.
Welche Kfz-Bereiche sind denn Ihres Wissens am stärksten betroffen?
Eigentlich alle, aber aus unterschiedlichen Gründen. In der Haftpflicht wirken höhere Reparaturkosten beim Unfallgegner und Personenschäden, in der Vollkasko teure Eigenschäden moderner Fahrzeuge. Die Teilkasko wird durch Glas, Wild, Diebstahl sowie Sturm, Hagel und Überschwemmung belastet. Glas zeigt die Entwicklung deutlich: Laut GDV wurden 2024 rund 2,2 Millionen Glasbruchschäden reguliert – mit fast 2 Mrd. Euro Aufwand. Glasbruch ist damit die häufigste der vom GDV ausgewiesenen großen Teilkasko-Schadenarten. Kameras und Sensorik im Bereich der Frontscheibe müssen nach einem Austausch häufig neu kalibriert werden. Auch Wildunfälle sind kein Randthema: 2024 registrierten die Versicherer rund 276.000 Fälle mit mehr als 1,1 Mrd. Euro Schadenaufwand. Haftpflicht, Teil- und Vollkasko sollte man deshalb nicht nur als Preisstufen sehen, sondern die jeweilige Schadenentwicklung betrachten.
Die Gründe sind also vielfältig. An welchen konkreten Stellschrauben ließe sich aber aus Ihrer Sicht drehen, damit die Preise zukünftig auch mal wieder sinken könnten?
Eine Stellschraube ist die Reparatursteuerung: Reparieren statt Austauschen, Smart Repair, Glasreparatur in Partnerwerkstätten sowie geprüfte Gebraucht- oder Austauschteile – dort, wo Sicherheit, Herstellervorgaben und Qualität es zulassen. Digitale Schadenprozesse können Standzeiten und Verwaltungskosten senken, Prävention und Assistenzsysteme Schäden vermeiden. Solange Reparaturen, Ersatzteile und Werkstattkosten stärker steigen als die Einsparungen, werden die Beiträge kaum dauerhaft sinken.
Und meinen Sie als Experte, hier ist irgendwann eine Senkung in Sicht?
Kurzfristig würde ich nicht mit flächendeckend sinkenden Beiträgen rechnen. Dafür bleibt der Kostendruck zu hoch. Der Markt ist aber wieder profitabler und der Wettbewerb intensiv. Dadurch können Beitragsanpassungen geringer ausfallen oder einzelne Kundengruppen günstiger kalkuliert werden. Eine pauschale Aussage „Kfz wird wieder billiger“ wäre mir zu einfach. Entscheidend ist, ob sich Reparaturkosten und Schadenentwicklung nachhaltig stabilisieren.
Welche Rolle wird KI hier in nächster und auch fernerer Zukunft spielen?
Eine große Rolle. KI kann im Schadenprozess heute Dokumente und Bilder vorsortieren, Schadenmeldungen strukturieren, Betrugsindikatoren erkennen und Fälle nach Komplexität priorisieren. Schon bei der ersten Schadenmeldung lässt sich entscheiden, was automatisiert bearbeitet werden kann und wo ein Spezialist gebraucht wird. Künftig wird KI stärker bei Prognosen, Werkstattsteuerung, Ersatzteilbeschaffung und Kundenkommunikation unterstützen. An eine komplett menschenfreie Regulierung glaube ich aber nicht. Bei komplexen Haftungsfragen oder Personenschäden braucht es nachvollziehbare Entscheidungen und menschliche Verantwortung.
Durch Extremwetter steigen die Kosten auch. Worum geht es da genau? Und heißt das, mit voranschreitendem Klimawandel, der extreme Wetterlagen häufiger hervorruft, steigen die Kfz-Beiträge auch wieder weiter?
Betroffen ist vor allem die Kasko. Hagel, Sturm, Überschwemmung oder umstürzende Bäume können in kurzer Zeit sehr viele Fahrzeuge beschädigen. 2025 war mit rund 650 Mio. Euro Naturgefahrenschäden an Kraftfahrzeugen vergleichsweise ruhig; 2024 waren es rund 1,2 Mrd. Euro. Für 2026 erwartet der GDV rund 300.000 Naturgefahrenschäden an Kraftfahrzeugen und einen Schadenaufwand von 1,2 bis 1,3 Mrd. Euro. Das zeigt: Ein ruhiges Jahr ist keine Entwarnung. Regionale Ereignisse können enorme Kumulschäden verursachen. Wenn Häufigkeit oder Intensität extremer Wetterlagen langfristig zunehmen, fließt das in die Kalkulation ein. Wie stark sich das auf den Beitrag auswirkt, hängt von Region, Fahrzeug, Tarif und Gesamtschadenentwicklung ab.
Wie hat sich eigentlich der Telematik-Bereich in den letzten Jahren entwickelt?
Telematik ist erwachsener geworden. Früher dachte man vor allem an eine Box im Auto und einen Rabatt für junge Fahrer. Heute läuft vieles per Smartphone-App; bewertet werden etwa Bremsverhalten, Beschleunigung, Geschwindigkeit und Kurvenverhalten sowie teilweise Zeit und Art der Strecke. Gute Fahrer können je nach Anbieter Boni erhalten. Gleichzeitig bleibt Datenschutz zentral. Der Kunde muss verstehen, welche Daten erhoben und wie sie bewertet werden. Für mich ist Telematik deshalb nicht nur ein Rabattmodell, sondern auch ein Vertrauensmodell. Allerdings bieten aktuell nur einige Kfz-Versicherer Telematiktarife an.
Sie sind auch freiberuflicher Dozent. Welche Themen beschäftigen die teilnehmenden Makler in Ihren Kursen derzeit?
Die Teilnehmer beschäftigt stark, wie sie komplexere Risiken verständlich in Beratung übersetzen können. Im Kfz-Bereich sind das Beitragsentwicklung, E-Mobilität, Telematik, Fahrerassistenzsysteme und automatisiertes Fahren, Schadenprozesse und Gewerbeflottenmanagement. Darüber hinaus sehe ich großes Interesse an Cyberrisiken, Naturgefahren und gewerblichen Versicherungslösungen. Zentral bleibt die Frage: Wo endet eine Deckung und wo beginnt die nächste? Makler müssen nicht jedes technische Detail beherrschen, aber die richtigen Fragen stellen, Risiken erkennen und erklären können, warum ein bestimmter Versicherungsschutz sinnvoll ist.
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